Fußballfans sind Traditionalisten, vor allem wenn es um Dressen geht: Die Klubfarben sind quasi heilig, farbliche Innovation bei den Trikots kommt selten gut an. Das österreichische Nationalteam, das seit Jahren nur Rot, Weiß und Schwarz an die Wäsch’ lässt, zeigt sich dennoch urplötzlich farbenfroh. Das Leiberl ist in Schwarz mit angeblich mintgrünen Elementen gehalten, Hose und Stutzen sind ebenfalls angeblich mintgrün, bei den Rückennummern und Spielernamen muss gar die Farbe eines Edelmetalls her: Gold. Apropos angeblich mintgrün, seien wir doch ehrlich: Der Farbton ist ein lupenreines Türkis. Von Sebastian Kurz lernen heißt siegen lernen. Zumindest ist das scheinbar die Hoffnung.
Das sagt der ÖFB freilich nicht. Er sagt, dass das Design des Auswärtstrikots an den neuen Jugendstil angelehnt sei. Das würde die schnelle und kreative Spielweise des Nationalteams verkörpern. Wie Gustav Klimt und Otto Wagner auf die Dressengestaltung reagiert hätten, werden wir nie erfahren. Vielleicht wären auch sie der Meinung, dass die türkisen Stutzen in Kombination mit den gleichfarbigen Hosen an ein Pyjamaunterteil erinnern. Vom Schlafzimmer in die Parteizentrale: Natürlich sind politisch motivierte Interpretationsversuche des neuen Designs legitim. Türkis ist seit geraumer Zeit die politische Modefarbe, wen wundert es, dass schon kurz nach der Präsentation der Dressen ein Gag die Runde machte: Beim Ausrüster Puma habe es einen Hörfehler gegeben, man habe gedacht, die ÖVP und nicht der ÖFB sei der Auftraggeber. Auf wen die Farbwahl zurückgeht, lasse sich nicht mehr eruieren, heißt es. Denn: In den Prozess des Designentwurfs seien auf beiden Seiten – ÖFB und Puma – zwei Dutzend Personen eingebunden gewesen. Wir wissen: Viele Köche verderben den Brei.
Die Symbolik spinnt
Vielleicht sind die Köche aber auch Floristen. Denn die großspurigen Poesie der Werbesprache endet nicht beim Jugendstil: „Mit seiner Kombination aus floralen Grafiken, einem ikonischen Design-Muster und bewährten Elementen wie dem Österreich-Schriftzug im Nacken, schlägt es die Brücke zwischen Tradition und Moderne.“ Florale Grafiken? Man muss es unverblümt sagen: Statt an Blumen erinnert diese Grafik an Spinnennetze beziehungsweise Spinnweben. Ästhetisch ganz hübsch, aber was will der ÖFB mit dieser Symbolik kommunizieren? Die Gegner sollen uns ins Netz gehen? Marko Arnautovic und Co. als giftige Araneae?
Die neue Montur gibt Rätsel auf. Was sind die Gründe für den Farbwechsel? Ausschließlich kommerzielle Interessen? Mediale Dauerpräsenz? Mut zur Irritation? Zur marktgerechten Einführung ließ es sich der ÖFB nicht nehmen, das neue Auswärtsdress beim entscheidenden Heimspiel im Wiener Ernst-Happel-Stadion über die Köpfe der Kicker zu stülpen. Zu glauben, dass die Farbwahl, die an die ehemalige und wohl auch künftige Kanzlerpartei erinnert, keine Schlagzeilen und Proteste auslösen würde, ist zumindest naiv.
Was kommt als nächstes?
Auch der Bundesadler ist im neuen Commercial-Logo, das eine Verbindung zwischen der Frühzeit des ÖFB und dem digitalen Zeitalter schaffen soll, Geschichte. Das Wappentier musste Federn lassen und scheint jetzt einen Fußball zu gebären. „Zehn Adlerschwingen im Wappen symbolisieren dabei künftig die Einheit der zehn Mitglieder des ÖFB: der neun regionalen Landesverbände und der Österreichischen Fußballbundesliga“. Ach ja.
Die Auswärtsdressen samt augenlosem Federvieh durften beim ersten Auswärtsspiel, der blamablen 0:1-Niederlage in Lettland, nicht getragen werden. Der Grund: Verwechslungsgefahr mit Schiedsrichter Alejandro Hernandez. Der Spanier bestand darauf, selbst in Türkis-Schwarz einzulaufen. Also ging es für Baumgartlinger, Dragovic und Co. in Schwarz und Weiß aufs Spielfeld – die Traditionspanier, in der die Nationalmannschaft seit ihren Anfängen kickte. Erst 2002 war sie auf Intervention des Teamchefs Hans Krankl zum Auswärtsdress degradiert worden.
In Österreichs Fußballkultur scheint vieles möglich zu sein. Fans schwenken biersponsorgebrandete Nationalfahnen, Kicker spielen in grellen Modefarben statt in Traditionsdressen. Was kommt als nächstes? Das neue Heimtrikot der Nationalmannschaft wird im kommenden Jahr vorgestellt. Türkis-Grün wäre eine Option. Ein Dress im Andreas-Gabalier-Style mit rot-weiß-rot-kleinkariertem Trikot sowie Hose mit Lederhosen-Applikationen? Oder will man nach der Jugendstil-Hommage weiter auf der Kunstschiene fahren? Eine gestische Dressenübermalung (schwarz auf weiß) aus der Kreativwerkstatt von Arnulf Rainer böte sich an. Oder man fertigt die neue Kickerwäsche aus Relikten einer Hermann-Nitsch-Aktion. Die wäre dann wieder rot-weiß.