Gäbe es eine Liste der größten Demonstrationen von Fangruppen, die Anhänger von San Lorenzo stünden wohl an der Spitze. Vor vier Jahren, am 8. März 2012, zogen über 100.000 Fans des argentinischen Klubs vor das Regierungsgebäude von Buenos Aires. Auf der Plaza de Mayo, dem Hauptplatz der Stadt, formulierten sie ihr Anliegen: „Wir wollen zurück nach Hause – jetzt!“
Das Barrio, der Stadtteil als Heimat, ist für die Vereine in Buenos Aires das Identifikationsmerkmal schlechthin. Entsprechend schwer tut sich San Lorenzo mit seinem Schicksal. Der Verein heißt offiziell Club Atletico San Lorenzo de Almagro, spielt seit 1993 in Bajo Flores und will zurück nach Boedo – ein Durcheinander, das gegnerische Fans dem Klub gern genüsslich unter die Nase reiben. Doch die verworrene Geschichte um die drei Barrios von San Lorenzo lässt sich entschlüsseln.
Verkaufte Heimat
1907 nannten sich ein paar junge Straßenkicker nach ihrem Stadtteil Los Forzosos de Almagro. Ein Geistlicher mit sozialem Gewissen, Lorenzo Massa, nahm sich der Buben an und verschaffte ihnen einen sicheren Spielplatz abseits der Straße. Als Dank nahmen die Fußballer den Schutzheiligen in ihren Namen auf und hießen fortan San Lorenzo de Almagro. Daran änderte sich auch nichts, als sie 1916 im benachbarten Barrio Boedo ihren ersten richtigen Fußballplatz bezogen und dort 1930 –inzwischen als Verein – ein Stadion eröffneten. Das nach seiner unverkennbaren Fassade benannte Gasometro wurde rasch zu einer der wichtigsten Sportstätten des Landes. Seine zentrale Lage im Stadtteil und in der geografischen Mitte von Buenos Aires machte es zum idealen Austragungsort großer Spiele und das fast 50 Jahre lang.
1979 zwang die von der Militärdiktatur kontrollierte Stadtregierung den Verein per Verordnung zur Aufgabe des Gasometro: Der Stadionbetrieb blockiere eine wichtige Straße und verhindere so die geplante Stadtteilentwicklung. Die Entschädigung von kolportierten 900.000 US-Dollar war angesichts des Grundstückwerts zwar lächerlich, doch brach sie im hoch verschuldeten Verein die letzte Widerstandskraft. San Lorenzo verließ Boedo und trug während der folgenden 14 Jahre all seine Spiele auf fremden Plätzen aus. Die Straße aber, die so dringend geöffnet werden sollte, blieb unpassierbar und die Verordnung wurde aufgehoben. In ihrem Verständnis von Stadtteilförderung verscherbelte die Regierung das Gelände an die französische Supermarktkette Carrefour, das Stadion wurde abgerissen.
Illegale Enteignung
Erst seit 1993 trägt San Lorenzo wieder Heimspiele aus, die diesen Namen verdienen. Im Stadtteil Flores, wo seit den 1960er Jahren Trainingsplätze des Klubs liegen, entstand das Nuevo Gasometro, die heutige Spielstätte. Doch Bajo Flores ist nicht Boedo. Das schlecht beleumundete Viertel ist kein Ort, um sich ein neues Zuhause zu schaffen, nach den Spielen suchen die meisten „Cuervos“, wie sich die Fans von San Lorenzo nennen, rasch das Weite. Die Sehnsucht nach Boedo lebt auch in jenen, die das alte Gasometro nur von Bildern kennen. Weil Sehnsucht allein aber nicht reicht, gründeten Vereinsmitglieder rund um die Aktivisten Daniel Peso und Adolfo Res 2005 die „Subcomision del Hincha“, eine Initiative mit dem Ziel der Rückkehr nach Boedo. Kernstück ihrer Arbeit war das Formulieren einer Gesetzesvorlage, die den Eingriff der Regierung von 1979 als illegale Enteignung bezeichnete. 2010 wurde die Vorlage dem Stadtparlament unterbreitet, um den Verein San Lorenzo zu ermächtigen, das verlorene Grundstück zurückzukaufen. Es war der Beginn einer Mobilisierung, die unter Fußballfans ihresgleichen sucht. Allein am 7. Dezember 2011 verstopften tausende Fans die Straßen, als dem französischen Botschafter in Buenos Aires eine Petition gegen Carrefour übergeben wurde. Nach zahlreichen weiteren Aktionen, darunter die Kundgebung an der Plaza de Mayo, kam das Gesetz am 15. November 2012 zur Abstimmung – und wurde mit 50 zu 0 Stimmen angenommen.
Schleppendes Weihnachtsgeschäft
In der anschließenden Euphorie präsentierte der Verein bereits den Plan für ein neues Stadion an alter Wirkungsstätte. Tausende folgten dem Aufruf, das Projekt mit dem symbolischen Kauf eines Quadratmeters des Grundstücks zu unterstützen. Doch die Verhandlungen mit Carrefour verliefen zäh. Anfang Dezember 2015 legte San Lorenzo der Supermarktkette ein letztes Angebot vor, die dieses bis zum 18. Dezember beantworten sollte. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse: Am 10. Dezember gab der argentinische Präsident Mauricio Macri als eine seiner ersten Amtshandlungen den Wechselkurs frei. Der Peso verlor massiv an Wert. Am Stichtag, dem 18. Dezember, verwies Carrefour auf die Turbulenzen am Finanzmarkt und bat um weiteren Aufschub. Doch das war des Hinhaltens zu viel. Nach 36 Jahren des Wartens und Hoffens platzte den Fans von San Lorenzo der Kragen. Noch am selben Tag wurde der Zugang zum Supermarkt blockiert. Als Carrefour nicht reagierte, folgte ein weiterer Tag der Blockade, dann noch einer. Auch an weiteren Standorten der Supermarktkette kam es zu Protestaktionen während des Weihnachtsgeschäfts. Am 23. Dezember 2015 war es endlich so weit: Carrefour schlug ein. Die darauffolgende Feier in Boedo sollte die ganze Nacht dauern.
Noch in diesem Frühjahr soll das Grundstück des alten Gasometro zurück an den Verein gehen. Im Stadtteil haben die Jahre des Kampfes ihre Spuren hinterlassen. So hat etwa die „Grupo artistico de Boedo“ in zahlreichen Wandbildern daran erinnert, wer hier zu Hause ist: der Club Atletico San Lorenzo de Almagro. Kommt er dereinst wirklich zurück, dürften sich seine Fans auf den ersten Vereinsnamen besinnen: „Los Forzosos“ – die Unumgänglichen.