Walter Kogler sitzt auf seinem gelben Quad, das er auf einem Hügel oberhalb der Eckfahne geparkt hat. Grund dafür sind gesundheitliche Probleme, er ist gerade nicht mehr so gut auf den Beinen. Am Lenker hat er seinen weißen Spritzer abgestellt, an dem er immer wieder kurz nippt. Er hat sich so eingeparkt, dass er das Geschehen am Platz eigentlich gut überblicken könnte. In Ruhe kann er sich das Spiel dennoch nicht ansehen. Zahlreiche Besucher begrüßen ihn, um kurz zu plaudern. Den Unternehmer und Vereinspräsidenten kennt hier am Sportplatz jeder. „Normalerweise stehe ich hier drüben alleine“, sagt Kogler. Auf die Sonntagsmatinee gegen den Grazer AK hat er trotz der erhabenen Position nur eingeschränkte Sicht. Offiziell 2.150 Zuschauer sind gekommen – es ist das mit Abstand bestbesuchte Spiel der Herbstsaison.
Für den Anhang der Grazer ist hinter dem Tor sogar eine zusätzliche kleine Stahlrohrtribüne aufgebaut worden. Die Fanszene hat sich dennoch im eigentlichen Auswärtssektor am Ende der überdachten Tribüne positioniert. Im restlichen Stadion sind alle Sitzplätze belegt, viele Besucher müssen sich mit einem gatschigen Stehplatz begnügen. Respekt für die oststeirischen Kontrahenten haben die Fans aus der Landeshauptstadt keinen mitgebracht – sie verhöhnen die heimischen Zuschauer als Bauern. Diese Assoziation ist naheliegend, das kleine Stadion steht in einer ruralen Gegend. Hinter einem Tor wird es von der Lafnitz begrenzt, dem Fluss, der das Burgenland von der Steiermark trennt. Immer wieder müssen bei den Spielen verschossene Bälle aus dem Bach gefischt werden. An den beiden offenen Seiten sieht man Felder, Wald und Wiesen. Für die Spielbesucher dienen letztere als Parkplatz, neben vielen Autos parkt hier auch ein Traktor.
Einheimische Mäzene
Dass hier überhaupt ein, wenn auch kleines, Stadion steht, ist Walter Kogler zu verdanken. Der Chef einer Aufzugfirma hat es einst für die Landesliga errichten lassen. Dennoch gibt sich der Klubpräsident bescheiden. „Ich mache im Verein mittlerweile eigentlich nichts mehr“, sagt Kogler. Er meint damit offenbar den sportlichen Bereich, aus dem er sich raushält. Der Chef des SV Lafnitz ist ein anderer, nämlich dessen Obmann und Hauptsponsor Bernhard Loidl. Fährt man zum Stadion, kommt man sowohl an Koglers Betriebsgelände vorbei als auch an jenem der Firma Licht Loidl, die den Verein seit 1964 sponsert. Mit derzeit 615 Mitarbeitern ist das stetig wachsende Unternehmen aus der 1.445-Einwohner-Gemeinde der größte Arbeitgeber in der Region. „Der wirtschaftliche Erfolg der Firma Loidl soll kein Nachteil für den SV Lafnitz sein“, sagt Loidl dem ballesterer. Auch der erfolgshungrige Unternehmer übt sich im Unterstatement: Der SV Lafnitz sei für ihn ein Hobby. Wenn es gut läuft, wende er für den Verein höchstens zwei Stunden am Samstagvormittag auf. „Solche Dinge wie dieses Interview mache ich normalerweise gar nicht“, sagt er. „Ich habe dafür einfach keine Zeit.“
Wie viel ihn der Weg von der steirischen Unterliga Ost in die zweite Liga gekostet hat, wisse er nicht. Der SV Lafnitz gilt aber als Verein, bei dem zuverlässig gezahlt wird. Laut einer Umfrage der Spielergewerkschaft VdF ist Lafnitz einer von nur fünf Zweitligaklubs, bei dem den Spielern das Geld stets pünktlich überwiesen wird. „Ich halte den Leuten den Rücken frei, die tagtäglich für den Verein arbeiten“, sagt Loidl. „Und ich kümmere mich darum, dass sie sich um das Finanzielle keine Sorgen machen müssen.“ Derzeit habe der Verein ein Budget von 1,3 Millionen Euro zur Verfügung. Im Vergleich zu den 4,5 Millionen der SV Ried und den vier Millionen des FC Wacker Innsbruck spielt der SV Lafnitz also mit bescheidenen Mitteln. Der Großteil davon fließt in den Betrieb der Kampfmannschaft. Seit Anfang 2019, als sich der Klub nach dem Aufstieg aufgrund von verletzungsbedingten Ausfällen in der zweiten Liga schwertat, wird Loidl bei der Kaderplanung von Sportdirektor Erwin Frieszl unterstützt. Er ist der Schwager des Obmanns und führt im Nachbarort ein Autohaus. Transferentscheidungen werden in enger Absprache zwischen Loidl, Frieszl und Trainer Ferdinand Feldhofer getroffen. „Das letzte Wort hat der Obmann“, sagt Frieszl. „Spielverträge sind Chefsache.“
Quartier in der Schirikabine
Feldhofer übernahm den Klub im Oktober 2015 in der Regionalliga Mitte, der SV Lafnitz war seine erste Station als Cheftrainer. Er ist im nahegelegenen Vorau aufgewachsen und fühlt sich auch in seiner fünften Saison beim Verein immer noch wohl. Da stört ihn auch das Improvisieren nicht, er und seine Trainerkollegen haben sich abseits der Spieltage etwa in der Schiedsrichterkabine einquartiert. Feldhofer weiß die familiäre Atmosphäre des Vereins zu schätzen. „Der Zusammenhalt vom Obmann über die Kantinendamen bis hin zum Platzwart ist grandios“, sagt er. Die Arbeit am Platz stehe stets im Vordergrund. „Man kann hier vergleichsweise in Ruhe arbeiten“, sagt Feldhofer. „In Lafnitz gibt es wenig Medienrummel.“
Immerhin kennt er den Fußball auch anders. Der 40-jährige wurde als Spieler viermal Meister und zweimal Cupsieger, er absolvierte für Sturm, Rapid und Wacker Innsbruck 277 Spiele. Dabei spielte er unter Trainern wie Ivan Osim, Josef Hickersberger und Franco Foda. „Da müsste man schon sehr viel hospitieren, um diese Erfahrungen zu sammeln“, sagt Feldhofer. Gleichzeitig betont er die Notwendigkeit, sich weiterzubilden. Im Oktober 2019 erhielt er die UEFA-Pro-Lizenz. Angesichts dessen glaubt in Lafnitz niemand daran, dass Feldhofer noch lange hier bleiben werde. Bei aller Wertschätzung für seinen langjährigen Coach weiß auch Vereinschef Loidl, dass dieser früher weg sein könnte, als ihm lieb ist. „So ist das halt im Leistungssport“, sagt er. Mit Kritik an derzeitigen Gepflogenheiten hält sich Loidl allerdings nicht zurück: „Das Fußballgeschäft ist der modernste Sklavenhandel, den es aktuell gibt.“
Ihm selbst wird nachgesagt, ein fairer Arbeitgeber zu sein. Einige Jugendspieler sind bei seiner Firma in der Lehre, Tormann Andreas Zingl hat bis zur Vorsaison dort als Elektriker auf der Baustelle gearbeitet. „Wer seine Leistung bringt, bekommt vom Chef auch die entsprechende Anerkennung“, sagt Co-Trainer Rainer Wollmuth. Der Burgendländer kennt Loidl nicht nur als Vereinsboss, sondern seit fast 30 Jahren auch als Chef im Betrieb. Wollmuth macht den Trainerjob nebenberuflich, hauptsächlich arbeitet er als Servicetechniker bei der Firma Licht Loidl. Er war schon als Spieler im Verein und auch unter Feldhofers Vorgänger Christian Waldl bereits Co-Trainer. Rainer Wollmuth ist längst nicht die einzige Konstante im Verein. Die meisten Mitarbeiter kommen aus dem Ort, sind langjährige Kollegen oder sogar Verwandte.
Anspruchsvolles Publikum
Dazu gehört auch Zeugwart Karl Spörk. Er kennt jede Anekdote über den SV Lafnitz – und erzählt sie auch gerne. „Wir sind ja eigentlich eine Pensionistenpartie“, sagt der ehrenamtliche Mitarbeiter, während er ein Bier aus dem Kühlschrank anbietet, den er neben zwei großen Industriewaschmaschinen stehen hat. Eigentlich habe ihm die Zeit in der Regionalliga besser gefallen. Die vielen Gegner im Westen des Landes und die damit verbundenen Anreisewege empfindet er als mühsam. Außerdem seien zu Regionalligazeiten auch mehr Zuschauer gekommen. Der Hauptgrund dafür ist das zwölf Kilometer entfernte Hartberg, wo es Bundesliga zu sehen gibt. „Ein Oststeirer oder ein Südburgenländer leistet sich nur eine Eintrittskarte pro Woche“, sagt Spörk. Gleichzeitig beklagt er, dass die Atmosphäre bei Weiten nicht so stimmungsvoll sei wie etwa in Steyr und Ried. „Gegen die wirkt es bei uns wie bei einem Leichenspiel.“
Es gebe rund 300 Einheimische, die hinter der Mannschaft stehen, alle anderen seien unregelmäßige Zuschauer. Diesen Umstand beklagt auch Sportdirektor Frieszl: „Leider haben wir keinen Fanklub mehr, der für Stimmung sorgt.“ Das Publikum am Lafnitzer Sportplatz sei eher älter und neutral, sagt Feldhofer. „Die Leute kommen einfach, um ein gutes Spiel zu sehen.“ Der Verein überwintert zwar am vierten Tabellenplatz, doch besonders zu Hause an der Lafnitz läuft es nicht wie erhofft. Von den neun Heimspielen der Hinrunde konnte der Klub nur eines gewinnen.
Obwohl die Lafnitzer gegen den GAK in Führung gehen und zwei Grazer ausgeschlossen werden, kommen sie auch heute nicht über ein 1:1 hinaus. Wer zum Jubeln gekommen ist, ist hier also falsch. Die anderen Zuschauern bekommen das geboten, wofür sie da sind: ein mitreißendes, innersteirisches Spitzenspiel. Der schlammige Boden am Weg zurück zu den Autos bleibt das einzige Ärgernis, weiße Sneaker sind hier ebenso ungünstig wie Schuhe mit hohen Absätzen. Walter Kogler kann das alles nichts anhaben, er verlässt das Stadion mit seinem Quad und kurvt über den gatschigen Parkplatz.