„Na, sexy bist du, sag amal“, ruft Vesela Dimova, die auf der Zuschauerbank Platz genommen hat, durch den Turnsaal. Andy Ogris verzieht angestrengt das Gesicht, während er, das rechte Bein auf dem Parkettboden von sich gestreckt, das angewinkelte linke weiter hinter den Rumpf zu ziehen versucht. Als er seinen in schwarze Funktionskleidung und offene Hallenschuhe verpackten Körper aus dem angedeuteten Spagat befreit hat, muss er grinsen. „Danke, Schatzi“, ruft Ogris in die Spiegelwand. Dehnen verlernt ein Fußballer nicht.
Dass er zur gerade absolvierten dreistündigen Trainingseinheit am heutigen Sonntagvormittag im Februar bereits aufgewärmt erschienen ist, ist für Ogris Ehrensache. Seit Dienstag hat er täglich das ORF-Zentrum am Küniglberg aufgesucht, um Grundschritte einzuüben, zu Kostümproben anzutreten und einen Promo-Videodreh im Frack zu absolvieren. Seine erste Woche als Kandidat der 13. „Dancing Stars“-Staffel hat Ogris viel abverlangt. „Streichfähig“ sei er, vermeldete er nach dem ersten Tanztraining gar telefonisch, um den Interviewtermin mit dem ballesterer zu verschieben. Er habe schon befürchtet, dass ihm, dem mit 55 Jahren ältesten von zehn Bewerbern, seine einschlägigen Jugenderfahrungen nicht weiterhelfen würden, erklärt er heute. „Früher in der Disko haben wir irgendwelche Bewegungen gemacht. Dann gab es den langsamen Tanz, zu dem wir Nabelpresser gesagt haben“, sagt Ogris. „All das nutzt mir hier nichts. Die Figuren, die ich lernen soll, sind koordinativ enorm schwierig. Zu den Füßen kommen ja auch noch die Hände dazu.“
Hüftaktionen und Tempiwechsel
Immerhin findet das Training bisweilen in Slow Motion statt. Ogris’ Tanzpartnerin und Trainerin Dimova will die Grundlagen festigen, bevor Musik zum Einsatz kommt. „Rück, Platz, Wechselschritt, Wechselschritt“, lautet die Grundformation für den ersten Live-Auftritt des Paares. Der Jive zeichnet sich im Idealfall durch Kicks, Twists und Merengue-Hüftaktionen auf Zwei und Vier aus. Wobei Dimova ihre Choreografie zu Chuck Berrys „You Never Can Tell“ auf die körperlichen Möglichkeiten ihres Tanzpartners abstimmen muss. „Der Andy hat seit ein paar Tagen Rückenprobleme“, sagt sie. „Also kann ich ihm keine Hebefiguren oder Salti zumuten.“ Auf die Frage, ob Ogris seine eingeschränkte körperliche Belastbarkeit durch ein rhythmisches Naturtalent ausgleichen werde, überlegt Dimova eine Weile. „Er bewegt sich“, sagt sie schließlich.
Als schnelles Gehen im Augarten beschreibt Ogris das vierwöchige Aufbautraining, dem er sich zur Vorbereitung auf die Tanzshow unterzogen hat. „Es ist doch offensichtlich, dass ich mich auf etwas eingelassen habe, das ich überhaupt nicht kann“, sagt er auf dem Weg in seine Garderobe. Ob er es riskieren wolle, sich live im Fernsehen zum Affen zu machen, sei folglich eines der wichtigsten Bedenken auf der Pro-und-Contra-Liste gewesen, die er im Anschluss an die Anfrage des ORF erstellte. Eines der ausschlaggebenden Pro-Argumente hingegen: „Vielleicht ist das hier für mich die letzte Chance, mich noch einmal in einen körperlichen Zustand zu bringen, der annehmbar ist“, sagt Ogris. Dabei könne er sich nicht beschweren. „Nur zwei Dinge sind schwierig: Socken anziehen und Schuhbandl binden. Alles andere ist genießerisch.“ Dass er mit 15 Kilo weniger mehr Luft bekäme und auf Betablocker zur Blutdruckreduktion verzichten könnte, schien ihm allerdings eine lohnende Aussicht.
Fleißiges Herdentier
Derweil setzt Ogris auf das, was er Körperpflege nennt. Sein Physiotherapeut hat ihn schon behandelt, als er noch professionell Fußball spielte. „Die Kreuzprobleme sind auch dem harten Boden in den Turnsälen geschuldet“, sagt Ogris. „Ich muss mich umfassend behandeln lassen, um alles gut zu überstehen. Zumal die Belastung nicht weniger wird.“ Bis 13.30 Uhr habe er noch für das Gespräch Zeit, sagt er, nachdem er sich eine Pause zum Duschen erbeten hat, dann sei er mit seiner Enkelin verabredet. Seine Smartwatch schaltet sich ein. „Du hast keinen Kalendereintrag für ein Uhr dreißig. Möchtest du den Eintrag erstellen?“, fragt eine weibliche Stimme. „Nein“, sagt Ogris, „wü i net.“
Die Rolle des Antihelden, der seine Schwächen als gegeben betrachtet, kann ihm in der Sendung viele Sympathiepunkte einbringen. Ogris erfüllt sie inzwischen mit professioneller Routine. „Mein ganzer Körper schreit auf“, sagt er, nachdem er sich in der Kantine den ersten Schluck seines Feierabendbiers genehmigt hat. Selbstverständlich habe er auch das Rauchen, für das man ihn kenne, nicht aufgegeben. „Ich war nie ein Leichter, gerade als Spieler nicht“, sagt er. „Aber ich war immer ein fleißiger Trainierer. Und ich bin ein Herdentier.“
Liebe und Privatwirtschaft
Ein Jahr ist es her, dass die Wiener Austria Ogris, Inhaber der UEFA-Pro-Lizenz und damaliger Trainer der zweiten Mannschaft, mit sofortiger Wirkung beurlaubte. „Die Entscheidungsträger haben mir mitgeteilt, dass sie bei den Young Violets keine sportliche Entwicklung sehen“, sagt er. „Das war ihre Anschauung, und ich habe eine andere gehabt.“ Als Flügel- und Mittelstürmer hat Andy Ogris für die Austria zwischen 1983 und 1997 in 350 Pflichtspielen 99 Tore erzielt, seit 2012 war er in verschiedenen Trainerämtern beim Verein tätig. Den Rausschmiss an sich betrachtet er trotzdem nicht als ungewöhnlich. „Es ist im Fußball wie in der Privatwirtschaft“, sagt er. „Du kannst noch so lange bei einem Betrieb gearbeitet, dein Herz und deine Zeit reingesteckt haben, am Ende gibt es keinen Dank. So ist das Leben.“ Seine Liebesbeziehung zur Austria ende jedenfalls erst dann, „wenn ich meine Augen schließe“.
Dennoch hat Ogris die Austria-Arena seit März 2019 gemieden. Aus Selbstschutz, gibt er an. „Mir ist nach der Beurlaubung einiges zugetragen worden, was zwei der Entscheidungsträger von sich gegeben haben“, sagt er und vermeidet erneut, Namen zu nennen. „Das hat mir gar nicht geschmeckt. Und ich bin ein sehr emotionaler Typ. Wenn ich diesen Menschen heute begegnen würde, könnte es sein, dass es nicht gut ausgeht.“ Er müsse in dieser Angelegenheit also erst mit sich im Reinen sein, sagt Ogris, um wieder ein Heimspiel besuchen zu können.
Freunde und Konkurrenten
Dass Ogris seine Fußballpause für die „Dancing Stars“ nutzt, zeigt auch, dass es sich allein von einem Legendenstatus nicht leben lässt. Toni Polster, Michael Konsel, Frenkie Schinkels und Walter Schachner haben sich vor ihm für die Staffeln 1, 2, 7 und 11 engagieren lassen. „Man muss ehrlicherweise sagen, der Verdienst ist wirklich gut“, sagt Ogris, der zudem auf zwei private Sponsoren setzt. Dabei hat er, der im sechsten Lebensjahr in den Vereinsfußball einstieg, sich nach der Profilaufbahn bereits in anderen Branchen versucht. Acht Jahre lang war Ogris an einer Baufirma beteiligt, zur WM 2006 hat er ein Wettcafé am Praterstern übernommen. „Aber wir wissen alle, wie so etwas läuft“, sagt er. Als bekannter Fußballer habe man lauter sogenannte Freunde, also „Menschen, mit denen man irgendwann irgendetwas zu tun gehabt hat. Jeden Tag ist ein anderer gekommen, und jedes Mal habe ich mitsaufen sollen. Hätte ich das durchgezogen, wäre ich nach vier Wochen vom Hocker geflogen.“ Erst stieg Ogris auf Kaffee und Mineral um, 2009 gab er das Café auf.
Ogris schaut auf sein Smartphone. „Oh“, sagt er, als er die Uhrzeit entdeckt. Freizeit bleibt ihm derzeit wenig. Am Dienstag, erzählt er, stehe das nächste Interview an, am Donnerstag sei er Gast im Frühstücksfernsehen. Auch die mediale Präsenz war eines der Argumente für „Dancing Stars“. „Wenn ich so etwas Neues im Bereich Fußball finde, ist es super. Ich würde gerne wieder trainieren. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert“, sagt er. „Vielleicht öffnet sich auch eine ganz andere Tür.“ Bis dahin gehe das Tanztraining vor. In der Show tritt Ogris unter anderem gegen die ehemalige Skirennläuferin Michaela Kirchgasser, Boxer Marcos Nader und Schauspielerin Edita Malovcic an. „Zum Glück geht es in dieser Sendung nicht nur darum, wer am besten tanzt“, sagt er. „Aber die Leute sollten schon sehen, dass du dich angestrengt hast und dazulernst.“ Die wichtigste Regel gilt es noch zu verinnerlichen: „Vesi sagt, ich darf nie stehen bleiben, auch wenn ich die Figuren vergesse. Hauptsache, ich bleibe in Bewegung.“ Dimova, die im Foyer auf Ogris gewartet hat, pflichtet ihm bei. „Was wir auf keinen Fall wollen, ist, als erstes Paar auszuscheiden.“