Am Vormittag des 20. Juli betritt Willi Ruttensteiner die Zentrale des israelischen Fußballverbands in Ramat Gan, um am dritten Treffen der Kommission für die Teamchefsuche teilzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt ist er Sportdirektor und für die Bewerbungsgespräche mit den Kandidaten verantwortlich. Als er das Meeting verlässt, sind die für die folgenden Tage geplanten Gespräche zur allgemeinen Überraschung abgesagt.Einige Kandidaten haben ihre Präsentationen für den Termin mit Ruttensteiner bereits vorbereitet. Zu ihnen gehört Avram Grant, der bereits Chelsea und West Ham betreut hat. Dass ein Trainer mit seiner Erfahrung bereit ist, das Nationalteam zu übernehmen und zu einem Gespräch anzureisen, ist ungewöhnlich. Doch auch er erhält eine Absage. Denn zwei Tage später wird Willi Ruttensteiner offiziell als israelischer Teamchef präsentiert. Alon Hazan – bereits Co-Trainer unter Andreas Herzog – wird sein Assistent. „Die Empfehlung des Komitees folgte nach langen Diskussionen und eingehenden Beratungen sowie unter Berücksichtigung der ausgezeichneten Kenntnisse bezüglich der Spieler, über die Ruttensteiner und Hazan dank ihrer Arbeit in den letzten zwei Jahren verfügen“, teilte der Verband mit. Ruttensteiners Vertrag läuft bis Ende Dezember. Ob die Länderspiele der Nachwuchsteams, für die er eigentlich zuständig war, stattfinden können, sei aufgrund der Coronapandemie und der aktuellen finanziellen Situation ohnehin unklar.
Flexible Kriterien
Die Bestellung Ruttensteiners war zweifellos eine große Überraschung in einer an Überraschungen nicht armen Zeit. Anfang Juli hatte der Verband zwei zentrale Kriterien für den neuen Teamchef definiert: Er sollte aus Israel kommen und einen Vertrag bis zum Ende der WM-Qualifikation im kommenden Jahr erhalten. Nun hat Israel einen österreichischen Teamchef mit einem Vertrag bis Jahresende. Was also ist inzwischen geschehen? Offenbar stand die Überlegung, das Duo Ruttensteiner/Hazan zu verpflichten, schon früher im Raum. „Für mich ist das eine sehr gute Option“, soll Ruttensteiner dazu gesagt haben. Nach einigen Telefonkonferenzen zwischen den Mitgliedern des Komitees fiel dann die Entscheidung.
Für den Wunsch nach einem israelischen Teamchef waren vor allem finanzielle Erwägungen ausschlaggebend, und die Wahl Ruttensteiners bietet hier Vorteile, da er ohnehin vom Verband beschäftigt wird. Für das Kriterium der Vertragsdauer kam das Gremium zu der Einsicht, dass eine kurzfristige Vereinbarung angesichts der Coronakrise die vernünftigere Option sei. Dennoch bleibt das Vorgehen bemerkenswert, nicht zuletzt weil Verbandspräsident Oren Hasson und Ruttensteiners Berater erst vor wenigen Wochen in schwierigen Verhandlungen waren, da sich der Sportdirektor geweigert hatte, einer Halbierung seines Gehalts zuzustimmen. Doch jetzt ist Ruttensteiner der starke Mann im Nationalteam.
Hasson beteuert, ihm sei es nie um die professionelle Eignung seines Sportdirektors gegangen, sondern rein um finanzielle Aspekte. Nachdem Ruttensteiner einer Gehaltskürzung um ein Drittel zugestimmt und einen neuen Vertrag mit einer beiderseitigen Ausstiegsklausel unterzeichnet hatte, war er wieder im Rennen. Auf keinen Fall wollte der Verband in dieselbe Falle tappen wie Ecuador: Dort war Jordi Cruyff im Jänner für drei Jahre um ein Millionengehalt zum Teamchef bestellt worden. Im Juli trat er zurück, ohne ein einziges Spiel betreut zu haben.
Geschichte schreiben
Neben der finanziellen Notwendigkeit, die Personalkosten nicht weiter zu erhöhen, sind jedoch andere Erwägungen für den israelischen Verband zentral: Ruttensteiner und Hazan sind mit den Spielern und dem Betreuerstab vertraut. Sie kennen das schottische Nationalteam, gegen das Israel im September und November in der Nations League sowie Anfang Oktober im Play-off-Halbfinale der EM-Qualifikation antritt. Ein neuer Teamchef hätte sich in kürzester Zeit einarbeiten müssen. Und schließlich sind die beiden, gemeinsam mit Ex-Teamchef Herzog, dafür verantwortlich, dass das Team überhaupt noch von einer Qualifikation für die EM träumen kann. Nach einem Sieg über Schottland stünde ein Duell mit Norwegen oder Serbien auf dem Plan.
Herzog hatte sich zunächst zuversichtlich gezeigt, die Mannschaft zur EM führen zu können, dann jedoch im Juni seinen Rücktritt verkündet. „Ich bin nicht mehr bereit, den Vertrag zu verlängern, weil durch Corona einfach viel zerstört worden ist“, sagte er damals. Ruttensteiner war hingegen trotz aller Schwierigkeiten bereit, weiterzumachen und zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. „Er ist von seinen Fähigkeiten sehr überzeugt“, sagt ein Teilnehmer der Beratungen, der anonym bleiben möchte, dem ballesterer. „In den K.-o.-Spielen kann alles passieren, es sei die Chance, Geschichte zu schreiben. Er hat gesagt: ‚Ich werde euch alle überraschen.‘“
Enger Zeitplan
Für die Fans bleibt die Frage offen, wer ihr Team durch die Qualifikation für die WM 2022 führen wird. Denn falls die Qualifikation für die EM nicht gelingen sollte, wird das Team Ruttensteiner/Hazan seine Tätigkeit im Dezember beenden. Die WM-Qualifikation startet im März und scheint ein wenig aussichtsreiches Unterfangen, schließlich sind für europäische Teams in Katar nur 13 Plätze vorgesehen. Wenn zu Jahresbeginn ein neuer Teamchef gesucht werden muss, wird sich der Verband wohl auf einen Trainer aus der Liga konzentrieren müssen, die zu diesem Zeitpunkt bereits in vollem Gange sein wird.
Doch all diese Spekulationen interessieren Willi Ruttensteiner derzeit nicht. Er konzentriert sich auf die Aufgabe, die vor ihm liegt. „Es ist für mich eine große Ehre, israelischer Teamchef zu sein“, sagte er nach seiner Bestellung im Gespräch mit Journalisten. „Ich habe den österreichischen Nachwuchs in mehr als 50 Spielen betreut und das Nationalteam 20 Jahre lang begleitet.“ Hazan und er würden daher über ausreichend Erfahrung verfügen, die Mannschaft zu führen. „Wir müssen am Image des Teams arbeiten und wieder eine größere Identifikation der Menschen in Israel mit ihrer Nationalmannschaft erreichen.“ Ein sportlich erfolgreicher Herbst könnte dazu viel beitragen.