Es sollte das ganz große Spiel werden. 14. April 2020, Österreich gegen Frankreich, Spitzenspiel der Gruppe G in der EM-Qualifikation der Frauen. Die Hoffnungen sind groß. Vor allem, was das Interesse angeht. 4.000 bis 5.000 Fans erwarte er sich schon, sagte Dominik Thalhammer im November 2019 nach dem 9:0-Erfolg gegen Kasachstan in der Südstadt. Der ÖFB überlegt gründlich, wo das große Spiel ausgerichtet werden sollte. Wo eine derartige Kulisse möglich wäre. Die Wahl fällt auf Sankt Pölten – so etwas wie die Heimstätte des österreichischen Frauenfußballs. Und Schauplatz des bisher bestbesuchten Heimspiels des Nationalteams. Vor acht Jahren sahen 3.600 Leute eine 0:2-Niederlage der Österreicherinnen im EM-Play-off gegen Russland.
Und dann kommt Corona. Und der Lockdown. Große Krise statt großem Spiel. Die EM in England wird von 2021 auf 2022 verschoben – weil das Männerturnier von 2020 auf 2021 verschoben wird. Und das große Spiel? Es findet endlich statt, am 27. Oktober 2020, 21.00 Uhr, Stadion Wiener Neustadt, 8 Grad. Unter Coronabedingungen, versteht sich. Masken, Abstand, das Übliche. Maximal 900 Zuschauer und Zuschauerinnen sind zugelassen. Also wieder nichts mit Rekord.
Die Spielerinnen sind trotzdem froh, erstmals seit knapp einem Jahr, seit dem 9:0 gegen Kasachstan, wieder vor Publikum spielen zu dürfen. „Wir wissen, wie wichtig es sein kann, die zwölfte Frau auf dem Platz zu haben“, sagt Torfrau Manuela Zinsberger vor dem Spiel. Es ist das erste Heimspiel im Jahr 2020 und das zweite Match unter Teamchefin Irene Fuhrmann – nach dem 5:0-Sieg Ende September in Kasachstan.
Aber ein paar Vorzeichen blieben gleich für dieses Spiel. Es ist das Duell der beiden Ungeschlagenen in Gruppe G. Der Favorit heißt immer noch Frankreich. Schon ein Punkt wäre für die Österreicherinnen sehr hilfreich auf dem Weg nach England. Ein 0:0 ist es zur Halbzeit, mit Glück muss man sagen. Die Französinnen machen Druck, sind technisch stärker, kommen zu zahlreichen Chancen, viele aus Standardsituationen. Die besten haben Starverteidigerin Wendie Renard (13.) und Aissatou Tounkara (40.). Beide Male rettet Zinsberger. Sehenswert ist auch ein Fallrückzieher von Viviane Asseyi (22.), der am Tor vorbeigeht. Auf der anderen Seite vergibt Carina Wenninger nach einem Eckball eine Kopfballchance (33.). Die Österreicherinnen müssen auf die verletzten Laura Feiersinger und Julia Hickelsberger-Füller verzichten. Und auf die maximal mögliche Kulisse. Statt der zugelassenen 900 schaffen es nur 650 Leute in das neue Stadion am Rande von Wiener Neustadt.
In der zweiten Hälfte rennen die Französinnen weiter an, bringen auch noch ihre auf der Bank gebliebenen Stars Delphine Cascarino, Amel Majri und Marie-Antoinette Katoto. Die Österreicherinnen verbeißen sich in die Partie, kommen zu Kontermöglichkeiten. Nicole Billa vergibt einmal aus einem Freistoß (54.), einmal überrascht sie fast Torfrau Pauline Peyraud-Magnin mit einem Fernschuss (68.). Die besseren Möglichkeiten haben nach wie vor die Französinnen. Es ist ein Zittern bis zum Schluss. Zinsberger vereitelt in der Nachspielzeit noch zwei Großchancen der Gegnerinnen.
Dann ist es tatsächlich geschafft. Der erhoffte Punkt, der ein entscheidender Schritt in Richtung EM-Teilnahme sein kann. „Ich bin unheimlich stolz, es war eine sensationelle Abwehrleistung meiner Mannschaft“, sagt Teamchefin Fuhrmann nach dem Match. „Wenn du gegen Frankreich einen Punkt holst, dann hast du sehr vieles richtig gemacht.“ Irgendwie ist es dann doch ein großes Spiel geworden.