Futuristische Illustrationen zeigen eine blau und grau schimmernde Stadionschüssel, die sich als Kontrast in ihre natürliche Umgebung von Wasser und Gestein einfügt. Daneben finden sich auf der Website stadionkantrida.hr reichlich Informationen zum geplanten Neubau des Stadions in Rijeka: 14.000 Plätze soll es haben, Fans Übernachtungsmöglichkeiten im angeschlossenen Vier-Sterne-Hotel bieten und ein Versammlungsort für alle Bürger der drittgrößten Stadt Kroatiens werden.
Die Website ist seit 2014 online, passiert ist aber noch nichts. Das zuletzt rund 10.000 Zuschauer fassende alte Kantrida liegt unverändert traumhaft eingebettet zwischen dem blauen Meer der Kvarner-Bucht, einem kleinen Strand mit Beach-Bar und einer meterhohen grauen Felswand. Darüber schlängelt sich eine Straße, der Ausblick von dort auf das Stadion ist atemberaubend. Was sich in den letzten Jahren aber geändert hat: Der dazugehörige Klub HNK Rijeka trägt seine Fußballspiele nicht mehr im Kantrida aus. „Ich finde bis heute keinen Frieden damit“, sagt Mateo Dejak von der „Armada“, der größten Ultragruppe Rijekas. „Der Umzug hat die Seele des Klubs zerstört.“
Übergang ohne Ende
Vor sieben Jahren entschloss sich HNK Rijeka dazu, am alten Standort neu zu bauen – und errichtete als ersten Schritt ein anderes neues Stadion. In weniger als einem Jahr entstand auf dem 15 Autominuten entfernten Trainingsgelände Rujevica eine schmucklose Anlage für rund 8.000 Fans. Sie soll den Profis bis zum Neubau des Kantrida als Übergangsheimstätte und danach den Nachwuchsmannschaften als Austragungsort dienen. Seit 2015 spielen die Profis dort, ein Ende des Übergangs ist nicht in Sicht.
„Teile der ‚Armada‘ und auch viele andere Fans haben das Rujevica noch nie betreten. Wir werden es nie als unser Stadion akzeptieren“, sagt Dejak. Im festen Vertrauen auf die offiziell kommunizierten Neubaupläne standen die Fans zunächst hinter dem Vorhaben des Klubs und verzichteten auf Proteste. „Wir waren uns sicher, dass das Rujevica nur eine temporäre Lösung sei und wir schnell zurück im Kantrida sein werden.“ Je länger nichts passierte, desto größer wurden die Zweifel, und desto lauter wurde die Kritik der Fans, die ihre alte Heimat vermissen.
Wie mittlerweile klar ist, verließ der Klub das Kantrida, das der Stadt Rijeka gehört, ohne die nötigen finanziellen Mittel oder zugesagte Investitionen für den geplanten Neubau zu haben. „Wir sind von der Stadtverwaltung und der Klubführung manipuliert worden“, sagt Dejak. Alle paar Monate kommen Gerüchte über neue Investoren auf, die dann schnell wieder verschwinden. Anfang 2019 wurde beispielsweise von einer Absichtserklärung der chinesischen Shaanxi Construction Engineering Group berichtet, von der seither nie wieder die Rede war.
Die einmalige Rückkehr
Und so wartet das Kantrida weiterhin auf seinen Abriss. Das 1912 erbaute Stadion hat eine abwechslungsreiche Geschichte hinter sich, die auch viel über die Stadt Rijeka erzählt. Zunächst nutzte es der HSK Victoria, ehe sich der Klub nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auflöste. Nachdem sich Rijeka und das Umland 1920 zum unabhängigen Freistaat erklärt hatten, stritten Italien und Jugoslawien um die Stadt. Die einen nannten sie Fiume, die anderen Rijeka. 1924 wurde Fiume vom faschistischen Italien annektiert, zwei Jahre später bezog die neu gegründete US Fiumana das Kantrida und nutzte es bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Danach wurde aus Fiume wieder Rijeka, die Stadt in die Republik Jugoslawien eingegliedert. 1946 gründete sich ein Klub, der später zu HNK Rijeka werden sollte und das Kantrida bezog.
Zweimal holte Rijeka in den 1970er Jahren den Cup, seinen womöglich größten Abend erlebte der Klub aber im Oktober 1984. Vor rund 25.000 Zuschauern besiegte Rijeka im Kantrida den amtierenden Titelträger Real Madrid im UEFA-Cup 3:1. Nach der Unabhängigkeit Kroatiens 1991 absolvierte die neu geschaffene Nationalmannschaft elf Spiele im Kantrida. Die Bilanz: zehn Siege und ein Remis.
Mit dem Auszug des HNK Rijeka endete 2015 die Zeit des großen Fußballs im Kantrida. 2018 kehrte der Klub aber immerhin für 90 Minuten und ein bisschen mehr in die alte Heimat zurück, vor 10.000 Zuschauern stieg ein Freundschaftsspiel gegen NK Maribor aus Slowenien. Die Zaunfahne der „Armada“ hing wieder vor der Westkurve, und dahinter stand ein blau-weißes Menschenmeer, das während einer Pyrotechnikshow in der zweiten Halbzeit orange leuchtete. „Die Stimmung auf den Tribünen ließ auch nach dem Abpfiff des Schiedsrichters nicht nach“, hieß es im Spielbericht auf der Website des Klubs. Am liebsten wären die Fans nach dem 4:0-Sieg wohl gar nicht nach Hause gegangen und hätten stattdessen einfach immer weitergesungen.
Fünf Tage bis zur Erlösung
Für die „Armada“ und HNK Rijeka blieb es ein einmaliges Erlebnis, das Kantrida wird mit beschränkter Kapazität aber auch bei Pflichtspielen weiterhin genutzt: Der Zweitligist NK Opatija aus dem Nachbarort trägt hier seine Heimspiele aus und gelegentlich auch der eigentlich im kleineren Krimeja-Stadion beheimatete Ligarivale HNK Orijent. Vergangene Saison wäre er beinahe in die erste Liga aufgestiegen und in diesem Fall dauerhaft ins Kantrida gezogen. Es hätte zwar nur die Haupttribüne geöffnet werden dürfen, das hätte wegen des beschränkten Zuschauerinteresses an Orijent aber ausgereicht. Eine Nutzung der anderen Tribünen für Pflichtspiele – und eine dadurch mögliche Rückkehr von HNK Rijeka – wäre zumindest aus Fanperspektive innerhalb kurzer Zeit realisierbar. Dafür brauche es nur kleinere Renovierungen und sicherheitstechnische Anpassungen, sagt Dejak.
Trotz etlicher Anfragen macht HNK Rijeka diesbezüglich aber keine Anstalten. Die Investitionen ins Stadion Rujevica ließen sich ansonsten kaum rechtfertigen. Der Klub hält also weiterhin an den Neubauplänen fest, an deren Realisierung Dejak jedoch längst nicht mehr glaubt. „Die einzige Chance ist, dass irgendein Investor die Einzigartigkeit des Orts erkennt“, sagt er. Sollte sich tatsächlich einer finden, ist der Weg immerhin kurz: Auf der Website stadionkantrida.hr gibt es ein vorgefertigtes Formular für interessierte Investoren. Ihnen wird eine Rückmeldung innerhalb von fünf Werktagen versprochen.