Nach seinen Spielen spricht David Alaba in den Mixed Zones der deutschen Stadien gerne mit den anwesenden Journalisten. Meist sagt er dabei zwar viel, aber gleichzeitig nichts. Am Ende liefert er dann oft noch einen Schmäh auf Wienerisch – das er sich in seinen mehr als zwölf Jahren in München bewahrt hat –, und alle freuen sich. Jahrelang bediente er beim FC Bayern mit solchen Auftritten das Klischee des kleinen Schmähbruders neben dem großen Schmähführer Franck Ribery, mit dem er auf dem Platz die linke Spielfeldseite bearbeitete.
Im Sommer 2019 verließ Ribery den FC Bayern, etwa ein halbes Jahr später verließen die Fans wegen der Coronapandemie die Stadien, und dadurch begünstigt kam auf einmal eine weitgehend ungekannte Seite des 28-jährigen Alaba zum Vorschein: die des ernsthaften Anführers der derzeit erfolgreichsten Mannschaft Europas. Als die Bundesliga im Mai ihren Spielbetrieb ohne Fans wieder aufnahm, waren die Kommandos der Spieler auf dem Platz zu hören. Beobachter bekamen mit, wer etwas zu sagen hat. Und beim FC Bayern hat abgesehen von Thomas Müller Alaba mit Abstand am meisten zu sagen. Seine Kommandos in breitem Wienerisch waren die Begleitmusik auf dem Weg des FC Bayern zum Triple, das mit dem 1:0-Sieg im Champions-League-Finale Ende August gegen Paris Saint-Germain fixiert wurde.
KEIN VERBALER HAUDEGEN
„Es ist so, dass er die Mannschaft führt, dass er die Kommandos gibt“, sagte Trainer Hans-Dieter Flick nach den ersten Geisterspielen Ende Mai. Wie lange das wohl schon so ist? Hat Alaba zuvor ein Doppelleben als kleiner Schmähbruder neben dem Platz und ernsthafter Kommandogeber auf dem Platz geführt? Es scheint so.
19 Jahre war Alaba alt, als Marcel Koller 2011 das Amt des österreichischen Teamchefs übernahm und in ihm einen Vertreter einer aussterbenden Spezies vorfand. „Obwohl das eigentlich sehr wichtig ist, wird in den letzten Jahren auf dem Platz immer weniger gesprochen. David ist diesbezüglich eine Ausnahme“, sagt Koller im Gespräch mit dem ballesterer. „Trotz seines jungen Alters hat er dort schon immer das Kommando gehabt. Er ist aber nicht der verbale Haudegen, der sinnlos herumschreit. Er meldet sich in den richtigen Momenten.“ Für den Teamchef hatten diese Qualitäten auch Folgen bei der Positionierung des Spielers. „Mir war es spielerisch und verbal wichtig, ihn im Zentrum einzusetzen. Es ist schließlich schwierig, von links hinten die Kommandos zu geben und alle Spieler zu erreichen.“ Alabas Streben ins verbale Zentrum war in der Öffentlichkeit jahrelang unbekannt, sein Streben ins spielerische Zentrum dafür umso offensichtlicher. Es ist seine gelernte Rolle und erklärte Lieblingsposition. Alaba wurde in der Jugend der Wiener Austria und des FC Bayern zum zentralen Mittelfeldspieler ausgebildet. Auch als er im Frühling 2011 bei einer halbjährigen Leihe zur TSG Hoffenheim erstmals Stammspieler einer Profimannschaft wurde, spielte er im zentralen Mittelfeld.
Nach seiner Rückkehr zum FC Bayern war dort aber kein Platz, als seltener Linksfuß wurde er zum Linksverteidiger umfunktioniert. Auf dieser Position holte er 2013 sein erstes Triple und verließ sie seitdem lediglich während der Amtszeit von Pep Guardiola zwischen 2013 und 2016 hin und wieder. Weil zeitweise ein Innenverteidiger nach dem anderen ausfiel und Guardiola manchmal eine Dreierkette in der Abwehr spielen ließ, testete er ihn auf dieser Position – und war von Alabas Darbietungen begeistert. „Er ist schnell, kann gut aufbauen, ist immer hundertprozentig konzentriert“, sagte er. „Er kann ohne Zweifel einer der besten Innenverteidiger der Welt werden.“ Nach Guardiolas Abschied aber spielte Alaba unter Carlo Ancelotti, Jupp Heynckes und Niko Kovac erneut als Linksverteidiger.
DIE STAGNATION
In der Nationalmannschaft war Alaba unter Koller hingegen von Anfang an auf seiner Lieblingsposition im Mittelfeld gesetzt. „David hat eine überragende Spielintelligenz und die Fähigkeit, immer das ganze Spielfeld im Blick zu haben. Die kommt im Zentrum viel besser zur Geltung als auf der Außenbahn. Im Zentrum kann er alle vier Seiten einbeziehen und ist nicht von einer Outlinie eingeschränkt“, sagt Koller. Spricht man mit ihm über Alaba, fällt kein Wort so oft wie „Spielintelligenz“. Diese nicht im Zentrum maximal gewinnbringend einzusetzen, war für Koller nicht einmal eine Überlegung wert. „Für mich hat sich zu keinem Zeitpunkt die Frage gestellt, ob ich ihn links hinten spielen lassen soll. Auch nicht, als der langjährige Linksverteidiger Christian Fuchs aufgehört hat und alle danach geschrien haben.“ 2016 war das, nach der Europameisterschaft in Frankreich, die für Österreich schon in der Vorrunde endete. Das Turnier war der erste große Rückschlag in Alabas sonst so rückschlaglosen Karriere. Mit den negativen Erlebnissen hatte er anschließend sichtlich zu kämpfen, was sich auch auf seine Leistungen beim FC Bayern auswirkte. Bald wurde ihm Stagnation vorgeworfen. Seit Jahren hatte Alaba einen Stammplatz bei einem der besten Klubs Europas und dort alle wichtigen Titel gewonnen – war aber immer noch gerade einmal 24 Jahre alt. Was also tun mit der restlichen Karriere, wenn man in jungen Jahren bereits so viel erreicht hat?
DIE GEDANKEN DES MITTELFELDSPIELERS
Immer wieder soll Alaba mit einem Wechsel zu seinem angeblichen Traumklub FC Barcelona kokettiert haben. So eine ganz neue Herausforderung, das wäre schon etwas. Aber so ein gewohntes Umfeld, das ist halt auch etwas, und deshalb entschied sich Alaba letztlich stets für einen Verbleib beim FC Bayern, wo er im Herbst 2019 eine neue Herausforderung fand. Zwar nicht im Mittelfeldzentrum, aber immerhin im Zentrum. Zunächst war es wie damals unter Guardiola: Die Innenverteidiger Niklas Süle und Lucas Hernandez fielen aus, Trainer Kovac brauchte beim Spiel gegen Eintracht Frankfurt Anfang November einen Nebenmann für Jerome Boateng, und die Wahl fiel auf Alaba. Der FC Bayern verlor das Spiel 1:5, Boateng durch eine Rote Karte und Kovac im Anschluss seinen Job. Alaba aber behielt unter dem daraufhin vom Co- zum Cheftrainer beförderten Flick seine Position.
Nach seiner Amtsübernahme implementierte Flick eine neue Ausrichtung: Er schob die Viererkette nach vorne und verordnete ein permanentes Pressing in der gegnerischen Hälfte. Eine äußerst riskante Spielweise, für deren Gelingen es in der Innenverteidigung einen spielintelligenten Spieler wie Alaba braucht. Mit seiner Körpergröße von 1,80 Metern setzt er beim Abwehrverhalten nicht auf physische Wucht und Kopfballstärke, sondern auf sein gutes Stellungsspiel, seine Antizipationsfähigkeiten und sein Zweikampfverhalten.
„Er interpretiert die Innenverteidigerposition sehr eigen, und ich finde es hervorragend, wie er das macht“, sagte Mittelfeldspieler Leon Goretzka nach Alabas zweitem Spiel als Innenverteidiger, einem 4:0-Sieg gegen Borussia Dortmund. „Er schiebt die Abwehrkette hoch und gibt uns dadurch die Möglichkeit, die Ketten eng zu halten. Er ist extrem zweikampfstark und gibt uns eine gute Stabilität, weil er nach vorne und offensiv denkt. Das macht es für die Mittelfeldspieler einfacher, weil der Raum in der Verteidigungszone kleiner wird.“ Alaba denkt als Innenverteidiger wie ein Mittelfeldspieler, und das hilft seinen Kollegen eine Reihe weiter vorne enorm.
AUFRECHTER AUFBAU
Beim Aufbauspiel profitiert Alaba von seiner Übersicht, seiner Passsicherheit und seinen technischen Fähigkeiten. Das alles kombiniert er mit einer für einen Innenverteidiger ungewöhnliche Eleganz: Alaba schlägt herausragende Diagonalpässe aus der Tiefe auf die Flügel, und manchmal läuft er auch mit aufrechter Haltung und dem Ball am Fuß aus der Tiefe Richtung Mittelfeld, um das Spiel von dort mit Flachpässen anzukurbeln. Seit Flicks Amtsübernahme zählt Alaba in der Bundesliga sowohl zu den Spielern, die die meisten Pässe schlagen, als auch zu denen, die die meisten Meter mit dem Ball am Fuß zurücklegen.
Den Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge erinnert Alabas Spielweise an den wohl besten Spieler der Klubgeschichte, den Prototypen des Liberos, den „Kaiser“. „Der David ist für mich so etwas wie der schwarze Franz Beckenbauer. Er ist der erste Spieler, der wieder auf diesem Niveau wie der Franz damals gespielt hat“, sagte Rummenigge im Juli bei Sky. „Wir hatten jetzt einige Zeit lang keinen Häuptling mehr in der Abwehr gehabt. Also einen, der dort wirklich das Zepter in die Hand nimmt, den Ton angibt und einfach als Chef der Defensive agiert.“
DIE HÖCHSTE GEHALTSSTUFE
Anders als einst bei seinem ersten Anlauf ins Zentrum unter Guardiola gelang ihm diesmal der Sprung von der Notlösung zum Abwehrchef. Links hinten wird er nicht mehr gebraucht. Dort sorgt der 19-jährige Alphonso Davies wie einst sein Vorgänger mit unbekümmerten Auftritten für Furore. Und als der mit 80 Millionen Euro teuerste Neuzugang der Klubgeschichte und als Stamminnenverteidiger eingeplante Hernandez von seiner Verletzung zurückkehrte, musste er sich mit einem Platz auf der Bank begnügen. Alabas Leistungen in der Innenverteidigung lassen Flick keine andere Wahl, als ihn weiter dort einzusetzen – sofern Alaba das denn will.
Sein Vertrag läuft bis Sommer 2021, und die Entscheidung über eine Verlängerung steht noch aus. Es scheint, als wolle er seine neue, wichtigere Rolle auch finanziell gewürdigt wissen und ins höchste Gehaltssegment des Klubs um Manuel Neuer und Robert Lewandowski aufsteigen. Als Druckmittel dient ihm bei den Verhandlungen das Interesse anderer Klubs, es soll sich um den FC Barcelona, Real Madrid, den Chelsea FC und Manchester City handeln. „Seine Entwicklung auf der Innenverteidigerposition ist einfach hervorragend. Ich denke, das sehen nicht nur wir so, das sehen auch andere Vereine so“, sagte Flick Ende Mai, noch vor Beginn der Vertragsverhandlungen. Für diese engagierte Alaba den Berater Pini Zahavi, der als besonders harter Verhandler gilt. Auch mit diesem Schritt emanzipierte sich Alaba von einstigen Klischees. Seine Verlängerung sollte nicht als Selbstverständlichkeit gesehen werden, der FC Bayern soll sich um ihn bemühen.
FLICKS ELOGE
Alaba ist nicht mehr der Schmähbruder auf der linken Außenbahn, er ist jetzt Kommandogeber und Abwehrchef – und außerdem Verbindungsglied zwischen zwei erfolgreichen Generationen. Gemeinsam mit Boateng, Müller und Neuer war er Teil der Triple-Gewinner von 2013. Mit seinem Geburtsjahr 1992 ist er aber altersmäßig ähnlich nahe an der 1995er-Generation um Serge Gnabry, Leon Goretzka, Joshua Kimmich und Niklas Süle, die beim FC Bayern zunehmend dominanter auftritt.
Darüber hinaus ist Alaba weiterhin der letzte Nachwuchsspieler des Klubs, der den Sprung von der Akademie zum Stammspieler geschafft hat – und ist in dieser Hinsicht das Vorbild aller aktuellen Nachwuchsspieler. Alaba kennt den großen, aber irgendwie gleichzeitig auch familiären FC Bayern in- und auswendig und gilt im Verein als absolute Identifikationsfigur. In dieser Rolle fühlt er sich auch dazu berufen, sich um Neuzugänge zu kümmern. „Er ist für neue Spieler immer ansprechbar und sehr, sehr verbindend“, sagte Flick bei der Pressekonferenz vor dem ersten Spieltag der neuen Saison.
Eine Frage über die Zukunft von Alaba nutzte der Trainer für eine Eloge auf seinen Abwehrchef. „Er ist eines der Herzstücke dieser Mannschaft. Er ist nicht nur auf dem Platz, sondern gerade neben dem Platz enorm wichtig für diese Mannschaft und hat eine ganz besondere Art, die uns Trainern eine Freude macht“, sagte Flick, ehe er mit einem fast schon kitschigen Satz schloss: „Wenn er nicht schon in unseren Reihen wäre, würde ich mir genau so einen Spieler wünschen.“