Österreichs Nationalteam sucht seinen Esprit. Die Euphorie aus der EM-Qualifikation 2016 ist längst Ernüchterung gewichen. Denn mit Franco Foda fehlen nicht nur Glanz und Spielwitz früherer Tage, sondern mittlerweile auch die Ergebnisse.
Oft sind es nur wenige Momente, die den Verlauf ganzer Geschichten bestimmen. Am 14. Juni 2016 sind 32 Sekunden im Spiel gegen Ungarn absolviert, als David Alaba die Stange trifft. Fast wäre das Nationalteam zum ersten Mal seit 26 Jahren bei einer Endrunde in Führung gegangen, und der rot-weiß-rote Hype hätte seine Fortsetzung erfahren. Seit elf Pflichtspielen ist Marcel Kollers Team unbesiegt, in der Weltrangliste steht es auf Platz zehn. Und hätten Alaba, Martin Harnik und Zlatko Junuzovic ihre Chancen in diesem Spiel verwertet, wäre die Basis für ein erfolgreiches Turnier gelegt. Stattdessen trifft Ungarn zweimal. Nach Jahren der Aufbauarbeit, die in der souveränen Qualifikation für die EM 2016 mündeten, steht Österreich mit leeren Händen da. Nach einem Remis gegen Portugal und einer Niederlage gegen Island verabschiedet sich das Nationalteam zum dritten Mal nacheinander sieglos von einem Turnier.
Trauriger Abschied
„Bei der EM ist das Um und Auf das erste Spiel. Wenn du verlierst, bist du schon enorm unter Druck“, sagt Marc Janko. Der Angreifer war der beste Torschütze in der Qualifikation zur EM 2016 und unter Koller gesetzt. „In solchen Situationen brauchst du auch das nötige Glück. Das hat uns gefehlt.“ Die Nachwehen des frühen Ausscheidens sind stark. Anstatt den Schwung einer erfolgreichen Europameisterschaft in die WM-Qualifikation mitzunehmen, muss der Teamchef die Mannschaft auf wichtigen Positionen umbauen. Kapitän Christian Fuchs erklärt seinen Rücktritt, Tormann Robert Almer verletzt sich bald darauf so schwer, dass er seine Karriere beenden muss.
Entscheidende Wendung – Österreich verlor vor fünf Jahren den Auftakt gegen Ungarn
Im Herbst 2016 schleppt sich das Team von Spiel zu Spiel. In der WM-Qualifikation gewinnt Österreich zum Auftakt gegen Georgien, bleibt danach gegen Wales, Serbien und Irland aber sieglos und steht nach vier Runden mit vier Punkten da. Das Ziel, nach 20 Jahren wieder an einer WM teilzunehmen, gerät aus den Augen. Im Herbst 2017 macht man im ÖFB Nägel mit Köpfen. Der progressive Sportdirektor Willibald Ruttensteiner wird durch Peter Schöttel ersetzt, Marcel Kollers gut dotierter Vertrag nicht mehr verlängert. Der Schweizer verlässt den ÖFB nach 54 Spielen im Guten, doch ohne offizielle Verabschiedung.
Der Unnahbare
Die konservativen und sparsamen Kräfte im ÖFB haben sich durchgesetzt. 2017 trennt sich der ÖFB auch von Mentaltrainer Thomas Graw und Fitnesscoach Roger Spry, Co-Trainer Thomas Janeschitz gibt zum Jahresende seinen Abschied bekannt. Peter Schöttel, der im Präsidium einen Sitz, aber kein Stimmrecht hat, muss einen neuen Teamchef suchen. Dass er dabei in heimischen Gewässern fischen wird, scheint ausgemacht. Nachdem Köln-Trainer Peter Stöger verzichtet, sind Austria-Coach Thorsten Fink, Andreas Herzog und Franco Foda in der Endauswahl. Die Wahl des Präsidiums fällt einstimmig auf Foda. Am 30. Oktober 2017 wird der längstdienende Sturm-Trainer der Geschichte, der die Grazer 2011 zum bisher letzten Meistertitel geführt hat, neuer Teamchef. Die Installation von Foda ist die gewichtigste Entscheidung der jüngsten ÖFB-Geschichte. Sie wird den Rückfall Österreichs in provinzielle Muster ebenso mit sich bringen wie den Gegenwind einer Öffentlichkeit, die weiter mit den Topverbänden Europas Schritt halten will.
Zunächst stößt Fodas Bestellung noch auf Anklang. „Am Anfang war die Begeisterung groß“, sagt Bernhard Wastyn, Obmann der Fangruppe „Hurricanes“. „Wir haben uns von einem langjährigen Vereinstrainer mehr Fannähe erwartet. Unter Marcel Koller hat es bis auf ein jährliches Fanklubtreffen überhaupt keinen Kontakt zu Trainern und Spielern gegeben.“ Doch unter Foda riss der Kontakt fast völlig ab. Auch die Medien finden zunächst positive Worte. Anders als Koller ist der Deutsche, der seit Spielertagen in Graz wohnt, ein alter Bekannter. „Franco Foda wirkt unnahbar, stets nach Perfektion strebend, ohne jeden Makel, wortgewandt“, beschreibt ihn die Kleine Zeitung. Dass Foda keinen Beliebtheitspreis gewinnen will, ist auch der steirischen Lokalpresse klar: „Ein Zeitgenosse, der unangenehm sein kann, weil er seinen Weg geht, sich nicht beirren lässt.“
Das Nationalteam gewinnt die ersten fünf Spiele unter Foda, darunter eines mit Symbolwirkung: Im Juni 2018 empfängt Österreich Deutschland in Klagenfurt.
Jürgen Pucher kennt den neuen Teamchef seit vielen Jahren. Der Mitgründer des Fanportals sturm12.at und der Audioplattform BlackFM schreibt in seiner Kolumne „12 Meter“ bei 90minuten.atregelmäßig über den SK Sturm und das Nationalteam. „Foda kann keine positive Atmosphäre erzeugen. Bei Erfolg wird er respektiert, von manchen auch geschätzt, aber gemocht hat ihn nie jemand“, sagt Pucher. Während Koller von Beginn an auf das Gemeinschaftsgefühl und den Rückhalt der Öffentlichkeit gesetzt hat, um aus dem Team eine Marke zu machen, gilt Fodas Aufmerksamkeit allein seiner Arbeit als Trainer. Kurzfristig bringt ihm das Sympathie und Erfolg. Das Nationalteam gewinnt die ersten fünf Spiele unter seiner Leitung, darunter eines mit Symbolwirkung: Im Juni 2018 empfängt Österreich den amtierenden Weltmeister Deutschland in Klagenfurt. Die Partie steht bei Starkregen kurz vor der Absage, wird aber zu Fodas Triumph. Nach Toren von Martin Hinteregger und Alessandro Schöpf dreht Österreich das Spiel und gewinnt 2:1.
Ergebnisse statt Euphorie
Dennoch kann das Team keine Begeisterung entfachen. Auch weil die Ergebnisse nicht immer passen. Fodas erstes Pflichtspiel ist der Auftakt zur neu geschaffenen Nations League. Im September 2018 verliert Österreich in Bosnien 0:1. Ein Monat später sind beim Heimspiel gegen Nordirland nur noch 22.000 Menschen im Ernst-Happel-Stadion. Der Prater ist unter Marcel Koller zur Heimstätte des Teams erklärt worden, in der Qualifikation für die EM 2016 war das Stadion sogar gegen kleinere Gegner ausverkauft. Nun ist die vormalige Bastion nur mehr in wichtigen Spielen gut gefüllt, für unbedeutendere Partien weicht der ÖFB nach Salzburg und Klagenfurt aus. Als Österreich im letzten Heimspiel 2019 die EM-Qualifikation schafft, kommen immerhin noch einmal 41.000 Fans, um mit der Mannschaft zu feiern. Anders als vier Jahre zuvor ist das Stadion aber nicht ausverkauft. Im Vergleich zum September 2015 ist die Stimmung auch hier schaumgebremst. Nach einem biederen 2:1 gegen Nordmazedonien gibt es eine Ehrenrunde, mehr nicht.
Seltene Bilder – Franco Foda jubelt beim Sieg über Deutschland
Ein Grund für die mangelnde Begeisterung begleitet Foda schon seit seiner Zeit bei Sturm. „Die Spielweise ist nicht attraktiv“, sagt Fan Bernhard Wastyn. Wo zuvor mit Schwung und Offensivpressing selbst stärkere Gegner in Schach gehalten wurden, regiert nun Vorsicht. Reaktion statt Aktion. „Fußball ist für Franco Foda ein Ergebnissport“, sagt auch Janko, der unter dem neuen Teamchef noch viermal spielte und 2019 zurücktrat. „Es ist nun einmal nicht immer ein Spektakel, und dafür wird er kritisiert. Aber er muss dahinterstehen, und das macht er.“ Die reaktive Spielweise wird bald medial als Beamtenfußball verhöhnt, doch Foda rückt keinen Millimeter davon ab.
Das bewirkt eine stabile, doch unterdurchschnittliche Leistungskurve des Nationalteams. Gegen Länder, die hinter Österreich gesetzt sind, gibt es in der Regel Pflichtsiege, was Foda einen guten Punkteschnitt beschert. Das Team gewinnt in Lettland 6:0, in Nordmazedonien 4:1, ebenso die beiden Heimspiele. Gegen gleichwertige und nominell bessere Gegner, wie man sie auf dem Weg nach Frankreich noch hinter sich lassen konnte, überzeugt die Mannschaft selten. Gegen Bosnien-Herzegowina, Polen und Israel holt das Team in sechs Spielen nur fünf Punkte. Während Österreich vier Jahre zuvor noch vor Russland und Schweden ohne Niederlage zur EM fuhr, reicht diesmal ein zweiter Platz, sechs Punkte hinter Polen.
Drill auf Armseligkeit
„Die höheren Ansprüche haben mit uns begonnen, wir haben das Selbstvertrauen der Fans gesteigert“, sagt Janko. „Heute hat das Team noch mehr Legionäre, die bei ihren Vereinen eine wichtige Rolle spielen. Da erwartet man sich noch mehr.“ Im Nationalteam von 2016 waren viele Schlüsselspieler am Zenit ihrer Karriere – Kapitän Fuchs kam als englischer, Aleksandar Dragovic als ukrainischer Meister zur EM, Janko hatte in der Schweiz mit Basel ebenso den Titel geholt wie Alaba in Deutschland. Dahinter jedoch klaffte eine Lücke. Florian Klein und Martin Harnik waren mit dem VfB Stuttgart abgestiegen, die Leipziger Marcel Sabitzer und Stefan Ilsanker spielten in der zweiten Liga. Heute ist Sabitzer Kapitän eines Champions-League-Teilnehmers. Jüngere Spieler wie Xaver Schlager vom VfL Wolfsburg stammen entweder aus der Salzburger Nachwuchsschmiede oder haben, wie etwa der Hoffenheimer Florian Grillitsch, schon frühzeitig eine internationale Ausbildung genossen. Die meisten Teamspieler haben jedoch vor allem eines gemeinsam: Sie praktizieren in ihren Vereinen einen anderen Spielstil als im Nationalteam.
Dabei hat das Team das Zeug dazu, länger als eine oder zwei Qualifikationen unter den besten Verbänden Europas zu stehen.
Diese Diskrepanz sorgt seit geraumer Zeit auch medial für Wirbel. „Der Beste ist nicht der Richtige“, schreibt Fußballblogger Martin Blumenau nach der EM-Qualifikation mit einem Verweis auf Fodas Punkteschnitt. „Die Spieler sind für diese armselige Spielidee zu intelligent.“ Und sogar bei den ORF-Übertragungen wird die mangelnde Attraktivität von Österreichs Spiel thematisiert. Man kenne Fodas Spielidee nicht erst seit gestern, meinte dessen ehemaliger Mitspieler und TV-Analytiker Roman Mählich. „Foda kann Leute durch Disziplin und Automatismen auf ein gewisses Level bringen. Das funktioniert aber nur im Klub, nicht bei ein paar Tagen Lehrgang. Es funktioniert außerdem besser, wenn du limitierte Spieler hast, die du damit auf ein Maximum drillst“, sagt Jürgen Pucher.
Generation Unsicherheit
Folgerichtig liest man in Kommentarspalten nicht selten von einer „Goldenen Generation“, die verheizt werde. Dabei hat das Team das Zeug dazu, länger als eine oder zwei Qualifikationen unter den besten Verbänden Europas zu stehen. Die Mannschaft ist personell stabiler geworden. Koller konnte nach mehreren Jahren Aufbauarbeit auf ein starkes Kollektiv mit einigen herausragenden Spielern vertrauen. Zwar ließ er immer wieder Talente debütieren, das Gerüst blieb aber gleich. Fielen Schlüsselspieler aus, wie Janko im Qualifikationsspiel gegen Russland, konnten Ersatzleute wie Rubin Okotie die Lücke durch harte Arbeit schließen. War das Team vollzählig und in Topform, agierte es gegen jeden Gegner mit Druck und Selbstbewusstsein.
„Wenn alles so bleibt wie aktuell, wird’s schwer. Ich weiß, dass die Stimmung intern alles andere als gut ist. Die ist bei einem großen Turnier aber auch sehr wichtig.“
Marc Janko
Mittlerweile können fast alle Positionen ohne Qualitätsverlust doppelt besetzt werden. Zwar gibt es heuer weniger Titelsammler als 2016, denn außerhalb Österreichs wird nur David Alaba einen Meisterteller stemmen. Dafür haben die Spieler Turniererfahrung. Ende 2018 konnte sich nämlich eine österreichische U21-Auswahl erstmalig für die EM qualifizieren. Von dieser Mannschaft haben Xaver Schlager, Adrian Grbic, Sasa Kalajdzic und Christoph Baumgartner unter Foda schon aufgezeigt. Das galt bis vor Kurzem auch für Alexander Schlager, der in der U21 und beim LASK hervorragende Leistungen brachte. Doch auf einen Tormann will sich Foda bislang nicht festlegen. So zeigt Schlager in den letzten Wochen vermehrt Schwächen, während seine Konkurrenten glänzen. Daniel Bachmann, der mit Watford heuer in die Premier League aufsteigt, und Patrick Pentz, mittlerweile Kapitän der Wiener Austria, warten aber noch auf ihr Debüt im Team. Cican Stankovic von Red Bull Salzburg reagierte auf seine Nichtnominierung jüngst gar öffentlich mit Unverständnis.
Entscheidende Wochen
Wenige Wochen vor Beginn der EM herrscht nicht nur im Tor Unsicherheit. In einer von Covid-19 durcheinandergebrachten Welt fällt die Orientierung für Fans und Akteure schwer. Statt sich vor vollem Haus auf eine Endrunde vorzubereiten, hat das Team nach einer mäßigen Nations League erste WM-Qualifikationsspiele im leeren Happel-Stadion absolviert. Gegen die Färöer reicht es zum programmierten Erfolg, doch gegen Dänemark kommt das Team 0:4 unter die Räder. Der Druck auf Spielern und Teamchef ist groß. Mit Jürgen Säumel als neuem Assistenztrainer sollen frische Impulse gesetzt werden. „Wenn alles so bleibt wie aktuell, wird’s schwer. Ich weiß, dass die Stimmung intern alles andere als gut ist. Die ist bei einem großen Turnier aber auch sehr wichtig“, sagt Marc Janko. „Man muss sich jetzt zusammenraufen und das auch nach außen ausstrahlen. Das ist vielleicht der Unterschied zur Mannschaft von damals.“
Wenn die EM schiefgehe, werde der ÖFB handeln, vermutet Jürgen Pucher: „Mittlerweile haben sie auch dort schon den Verdacht, dass Foda nicht die bestmögliche Lösung ist. Er braucht einen Klub mit Limits, den er stabilisieren kann.“ Die Zukunft des Teamchefs, dessen Vertrag Ende des Jahres ausläuft, wird sich auch vor dem Hintergrund möglicher Alternativen entscheiden. Andreas Herzog, seit Jahren ein Favorit des Boulevards, hat inzwischen in Israel Erfahrung gesammelt. In der Bundesliga hat sich die Reihe österreichischer Trainer mit offensivem Spielstil nicht zuletzt durch Ex-Teamspieler Markus Schopp verlängert. Wer immer Foda nachfolgt, wird den Schlusspunkt unter die Geschichte einer Generation setzen, die mit Marcel Koller begann und in Alabas Stangenschuss eine verhängnisvolle Wendung nahm.
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Vor 37 Jahren schrieb Rainhard Fendrich in den USA ein Lied, das viele Jahre später zur Hymne für Fans des Nationalteams wurde. Ein Blick unter die Oberfläche. lesen