Vier Gegentore in 16 Minuten. Von der 0:4-Niederlage gegen Dänemark Ende März wird dem österreichischen Nationalteam die schwärzeste Viertelstunde seit 67 Jahren in Erinnerung bleiben. Mindestens ebenso aussagekräftig für das Auftreten des Teams unter Franco Foda war jedoch die erste Hälfte des Spiels. Aber nicht, weil sie so ereignisarm war, dass die Redaktion von ORF Sport+ sie bei der Wiederholung praktisch zur Gänze hinausgeschnitten hat, sondern weil Österreich schon in diesen ersten 45 Minuten das deutlich schwächere Team war.
Das ließ sich sehr gut in Ballbesitzphasen der beiden Mannschaften erkennen. Während sich ein ballführender Österreicher stets eine Anspielstation suchen musste, war es bei den Dänen umgekehrt: Die Anspielstationen suchten sich den Ballführenden. Noch bevor der erste Pass gespielt wurde, war klar, dass die Dänen schon über den kollektiven Plan für den nächsten und übernächsten Pass sowie die entsprechenden Laufwege verfügten. Derartige Automatismen im Spielaufbau hatten die Österreicher nicht zu bieten. Das liegt nicht zuletzt am Spielverständnis des Teamchefs.
No risk, no fun
Foda begreift Fußball als ein Spiel der Fehlervermeidung: Wer weniger Fehler macht, wird eher gewinnen. Während sein Vorgänger Marcel Koller versuchte, Fehler beim Gegner zu provozieren, ist Fodas Maxime, stabil zu agieren. Gleichzeitig beträgt der durchschnittliche Ballbesitz des Nationalteams in den bisherigen 23 Pflichtspielen der Ära Foda 58,5 Prozent. Den Österreichern wird also von praktisch jedem Gegner der Ball überlassen, daher können sie sich der Verantwortung im Spielaufbau nicht entziehen. Aber was kann man tun, wenn man den Ball hat und Fehler vermeiden möchte? Man unterlässt Pässe, die gefährlich werden können, sollten sie schiefgehen. Das betrifft vor allem Aktionen in der eigenen Hälfte. In der Spieleröffnung werden kurze Pässe von den Innenverteidigern auf die Sechser vermieden. Das gilt speziell, wenn der Gegner diese Spieler im Zentrum zustellt.
Der zentrale Akteur für eine vielversprechende Eröffnung ist Martin Hinteregger. Wenn der kurze Ball auf einen Sechser wegfällt, liegt es häufig am Innenverteidiger von Eintracht Frankfurt, den Impuls zu geben. Dafür stehen ihm zwei Optionen offen: Entweder der kurze Querpass auf den Linksverteidiger, meist Andreas Ulmer, der dann anzieht oder den Ball quer an den herausrückenden Sechser abgibt. Oder der Diagonalball auf den rechten Flügelspieler beziehungsweise den aufrückenden Rechtsverteidiger, meist Stefan Lainer. Diese langen Bälle verlagern das Geschehen an den gegnerischen Strafraum und auf die andere Spielfeldseite. Kommt der Pass nicht an, wird versucht, zumindest den zweiten Ball zu ergattern und so in Strafraumnähe in Ballbesitz zu kommen. Das ist der Plan für den Spielaufbau des Nationalteams.
Ist Hinteregger nicht am Feld oder spielt der Gegner mit nur einem Stürmer, sodass die Sechser nicht gänzlich abgeschirmt sind, können diese Funktion im Spielaufbau auch Julian Baumgartlinger und mit Abstrichen Stefan Posch übernehmen. Beim Auftakt in die WM-Qualifikation im März 2021 fehlten aber Hinteregger, Baumgartlinger und Posch. Österreich hatte daher bereits beim Herausspielen aus der Abwehr große Probleme. Der hinkende Aufbau fiel schon gegen die Färöer auf, die Dänen nützten die Schwäche, um einen Klassenunterschied zu demonstrieren.
Improvisierte Freiheit
In der Offensive sieht Foda die Verantwortung weniger bei sich, sondern bei den Kickern: Hier sind individuelle Ideen gefragt. „Ich habe den Spielern vermittelt, dass sie in der Offensive viele Freiheiten haben, ihre Kreativität ausleben können“, sagte Foda im November 2019 in einem APA-Interview. Das heißt: Klare Strukturen, wie sie unter Koller automatisiert worden waren, gibt es unter Foda nicht.
Dennoch gibt es wiederkehrende Elemente. Neben Hintereggers Diagonalbällen ist etwa der Steilpass von einem Sechser auf einen Außenverteidiger ein beliebtes Element. Zumal dieser Pass auch mit geringem Risiko behaftet ist, da ein Ballverlust in dieser Zone durch rasches Isolieren des Gegners an der Seitenlinie relativ leicht zu entschärfen ist. Bis zur Torlinie gehen die Außenspieler nicht durch. Zumeist wird in 15 bis 20 Meter Entfernung dazu eine Flanke vor das Tor gehoben oder der Ball vor den Strafraum gepasst. Bei letzterer Variante soll dann ein Teamkollege angespielt werden, der entlang der seitlichen Strafraumbegrenzung in den Rücken der gegnerischen Abwehr startet.
Auf dem Weg dorthin ist das bestmögliche Nützen der eingeräumten Freiheiten gefragt. Dabei handelt es sich jedoch um einen Euphemismus für Improvisation. Die oft mäßigen Darbietungen von David Alaba und Marcel Sabitzer im Teamdress waren in den letzten Jahren ein ständiger Quell öffentlicher Irritation. Beide leiden jedoch darunter, dass sie oft überhaupt erst einmal wahrnehmen müssen, wo sich Mitspieler befinden und wohin sie sich bewegen. Automatisierte Laufwege und klar etablierte Strukturen, die sie aus München und Leipzig kennen, sind beim Nationalteam nicht vorhanden. Das führt zu Stückwerkfußball, der speziell bei gut organisierten Gegnern wie Dänemark ins Gewicht fällt. „Fehlpässe und falsche Entscheidungen sind oft auch das Ergebnis von mangelnder Detailarbeit in der Vorbereitung, da in der Situation deshalb zu oft improvisiert werden muss“, schrieb Tom Schaffer nach dem ersten Pflichtspiel unter Foda, der 0:1-Niederlage in Bosnien im Herbst 2018, auf ballverliebt.eu. „Automatismen sind nicht zu erkennen und Ratlosigkeit im Spiel nach vorne macht sich breit.“
Einladung zu Kontern
Foda mag zwar auf eine risikomindernde Strategie setzen, Tore verhindert das aber nicht. In den Qualifikationsspielen gegen die in der Abschlusstabelle hinter Österreich platzierten Teams blieb das Nationalteam in drei von acht Spielen ohne Gegentor, also in knapp 38 Prozent der Fälle. Unter Koller agierte das Team wesentlich offensiver, blieb aber dennoch häufiger gegen schwächere Mannschaften ohne Gegentor. In den Qualifikationen für die WM 2014 und die EM 2016 in elf von 16 Spielen, also bei knapp 69 Prozent.
Die Ursachen dafür liegen in der Raumaufteilung und dem passiven Verhalten bei Ballverlusten in der gegnerischen Hälfte. Unter Foda schließen die Innenverteidiger maximal bis zur Mittellinie auf, der Rest des Teams rückt aber, wenn der Ball am gegnerischen Strafraum ist, sehr weit auf – so entsteht ein großes Loch. Um zu verhindern, dass der Gegner dieses für Konter nützt, müsste nach Ballverlusten sofort gegengepresst werden. Dafür werden aber im Ballbesitz die nötigen Positionen nicht eingenommen und nicht konsequent angelaufen.
Ohnehin ist das mangelnde Herstellen von Pressingstrukturen eines der Mankos unter Foda. Ein Angriffspressing bräuchte entsprechende Positionierungen im Feld hinter der Pressinglinie. Die gibt es nicht: Selten läuft mehr als ein Stürmer die gegnerische Spieleröffnung an, und selbst dann wird der Rückraum nicht von einem Teamkollegen abgedeckt. Deutlich war das beim Spiel in Nordmazedonien zu sehen. Dass Österreich dennoch 4:1 gewinnen konnte, lag daran, dass der Gegner viel zu langsam umschaltete, um die Löcher zu nützen.
Zu Toren gefürchtet
Ein weiteres Muster unter Foda ist, sich nach etwa 60 Minuten – speziell bei einer Führung – etwas zurückzulehnen. Dieses Verhalten wird oft durch defensive Einwechslungen eingeleitet, führt zumeist aber nicht zu mehr Stabilität in der Abwehr, sondern zu weniger. 45 Prozent der gegnerischen Tore der Ära Foda fielen zwischen der 61. und der 75. Minute, jedoch nur 15 Prozent der eigenen.
In der österreichischen Version des Verwaltungsmodus wird nämlich nicht mit zwei Ketten tief verteidigt und der eigene Strafraum verbarrikadiert, wie es Island 2016 und 2018 exemplarisch für nominell schwächere Teams aufgezeigt hat. Viel eher wird wie vor 20 Jahren verteidigt: Ohne einen kompakten Block, sondern mit dem Bestreben, den Gegner mit dem Ball zu stellen. So eröffnet man diesem aber Räume vor dem Strafraum. Das führt zu mehr brenzligen Situationen – und zu einer Flut von Gegentoren in dieser Phase des Spiels.
Was dem Nationalteam derzeit fehlt, ist eine klare spielerische Identität. Es hat zwar viel Ballbesitz, aber kaum Ideen, um sich Chancen zu erspielen. Das Team verfügt zwar über Spieler, die fürs Gegenpressing prädestiniert wären, stellt aber die dafür nötigen Strukturen nicht her und lässt nach Ballverlusten lieber vom Gegner ab. Das Team will zwar verteidigen, tut das aber nur halbherzig. Das Team könnte zwar dominieren, überlasst es in der Regel aber den Kontrahenten, in der zweiten Hälfte etwas zu verändern. Dadurch wird es gezwungen, sich selbst anzupassen. Statt einen Bruch beim Gegner zu verursachen, entsteht einer im eigenen Spiel. Fodas Maxime, keine Fehler zu machen, verursacht sie. Denn das Nationalteam zaudert. Dank der hohen individuellen Qualität seiner Spieler reichte es dennoch dazu, die Minimalziele zu erreichen.