Lukas Lange geht gerne zum Fußball in seiner Wahlheimat Argentinien, am liebsten zu den Spielen von San Lorenzo. Aber auch eine Party mit fünf Millionen Menschen lässt er nicht aus. Der ballesterer erreichte den gebürtigen Schweizer und Fan der Young Boys am Strand von Mar del Plata, wo er sich vom Jubel in der Hauptstadt erholt.
ballesterer: Sie haben die WM-Gruppenphase in Argentinien verbracht, sind dann nach Europa gereist und rechtzeitig zu den Feiern zurückgekehrt. Wie haben Sie den Empfang der Weltmeister erlebt?
Lukas Lange: Die Mannschaft ist in der Nacht von Montag auf Dienstag, den 20. Dezember, angekommen. Sie ist vom Flughafen direkt auf das Gelände des Fußballverbands gefahren, das sich ganz in der Nähe befindet. Und schon da waren so viele Menschen, dass der Bus kaum vorwärtsgekommen ist. Am Dienstag ist die Mannschaft um 11.00 Uhr aufgebrochen, um eine Runde durch die Stadt zu drehen. Aber es haben sich so viele Menschen auf der Straße befunden, dass der Bus in fünf Stunden kaum vorangekommen ist. Die Fahrt hat abgebrochen werden müssen, der Bus ist dann von der Autobahn heruntergefahren, in einen Park. Die Polizei hat alles abgesperrt, drei Helikopter sind mit den Spielern über die Innenstadt geflogen, die mit fünf Millionen Menschen vollkommen überfüllt war.
Was haben Sie in der Innenstadt gesehen?
Im Zentrum gibt es die Avenida 9 de Julio, sie gilt mit ihren 20 Spuren als breiteste Straße der Welt. Als ich um 11.00 Uhr vormittags mit meinen Freunden dort angekommen bin, war sie schon fast voll. Die Leute wollten eigentlich die Mannschaft sehen, aber es war ihnen auch ein bisschen egal, dass sie nicht gekommen ist, sie sind geblieben. Selbst um 19.00 Uhr sind noch Leute, die vorher in der Arbeit waren, dazugestoßen und haben bis weit in die Nacht gefeiert.
Welche Lieder sind gesungen worden?
Bei jeder WM gibt es das eine Lied, das überall gesungen wird. Dieses Mal war es „Muchachos, ahora nos volvimos a ilusionar“, „Jungs, jetzt haben wir wieder Hoffnung geschöpft“. Das haben die Fans von Racing Club vor zehn Jahren eingeführt, jetzt ist es auf die Nationalmannschaft umgedichtet worden.
Kommen wir zurück zur WM: Wie war die Stimmung nach der Niederlage gegen Saudi-Arabien unter den Argentiniern?
Dazu muss man wissen, dass die Euphorie vor der WM riesig war. Argentinien hat 1993 die Copa America gewonnen und dann fast ewig nichts, sie haben ein Verliererimage wie Leverkusen gehabt. Doch 2021 haben sie im Finale im Maracana Brasilien geschlagen und die Copa America gewonnen. Da ist viel Last abgefallen. Die Nervosität vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Mexiko war also immens. Wenn Argentinien inmitten einer solchen Euphorie in der Gruppenphase ausgeschieden wäre, wäre das Land in die tiefe Krise gefallen. Das hätte die ganze Gesellschaft betroffen.
In verschiedenen Medien war zu lesen, dass in Katar Vertreter der Barras Bravas, also der organisierten Fanszene, von allen großen Vereinen vorhanden waren. War da etwas dran?
Das ist immer Thema bei einer WM, das habe ich in meinem Buch auch ausführlich geschildert. Mittlerweile gibt es in Argentinien viele Stadionverbote, der Verband hat den Veranstaltern in Katar eine Liste mit 6.000 Namen von Personen geschickt, die nicht einreisen durften. Von den führenden Barras waren also keine Leute im Stadion vor Ort, andere aber schon. Beim ersten Spiel war die Stimmung in der Kurve ziemlich schlecht. Also war die Meinung im Land: „Da muss jemand Geld hinwerfen, damit die Barras hinfliegen können.“ Wer dieser Jemand ist, weiß niemand so genau. Das kann die Regierung sein oder der Fußballverband, ein Klubpräsident oder ein reicher Fan.
Wie präsent war bei den Feiern die Erinnerung an Diego Maradona im Vergleich zum Jubel um Lionel Messi?
Im Moment ist Messi präsenter, aber Maradona hat etwas an sich gehabt, das viele Argentinier berührt. Als er gestorben ist, hat mir einer meine besten Freunde gesagt: „Weißt du, Maradona ist all das, was Argentinien für mich ist.“ Die Argentinier haben ein schizophrenes Verhältnis zu ihrem Land. Sie halten sich einerseits für die geilsten Menschen der Welt, wissen aber auch, dass es im Land viel Korruption, Inflation und Armut gibt. Diese Schizophrenie spiegelt sich auch in Maradona.
War der Boykott der WM, den auch viele europäische Ultras gefordert haben, in Argentinien eigentlich ein Thema?
In den Medien ist kaum über die toten Arbeiter und die Menschenrechtslage in Katar berichtet worden. Lustigerweise haben meine Freunde das Thema Boykott erst wahrgenommen, als die großen deutschsprachigen Kurven ihre riesigen Transparente aufgehängt haben. Dann sind sie zu mir gekommen und haben mich danach gefragt. Immerhin hat die Kampagne den Leuten hier aufgezeigt, dass in Katar nicht alles okay ist.