Ein Monat nach der erfolgreichen EM-Qualifikation traf das türkische Team im letzten November auf Griechenland. Das Freundschaftsspiel, das 0:0 endete, fand in einem Stadion im Istanbuler Stadtteil Basaksehir statt, das nach dem Mann auf der türkischen Trainerbank benannt ist: Fatih Terim. Terim absolviert gerade seine dritte Amtszeit als Teamchef, und die Erwartungshaltung vor dem Turnier ist groß. In der FIFA-Weltrangliste steht die Türkei auf Platz 13 und ist mit 14 Spielen ohne Niederlage nur noch drei Spiele von einem Rekord entfernt. „Mir soll es recht sein, dass der Rekord ein Thema ist. Es muss zur Gewohnheit werden, Länderspiele zu gewinnen“, sagte Terim, wegen seines autoritären Führungsstils auch Imperator genannt, auf der Pressekonferenz nach dem gewonnenen Freundschaftsspiel gegen Österreich Ende März in Wien.
Zum ersten, zum zweiten …
Im Nationalteam setzt Terim zum einen auf die eingespielten Spieler von Besiktas und Fenerbahce, zum anderen auf die richtige Mischung aus Routiniers wie Selcuk Inan und Mehmet Topal, Talenten wie Hakan Calhanoglu und dem Star und Kapitän Arda Turan vom FC Barcelona. Doch es bleiben einige Unruheherde. So flog Tormann Volkan Demirel von Fenerbahce im November 2014 aus der Mannschaft. Nach Pfiffen – mutmaßlich von Galatasaray-Fans – vor dem Spiel gegen Kasachstan zeigte er den Anhängern den Mittelfinger und verließ das Stadion. Terim forderte eine Entschuldigung. Doch die kam bis heute nicht. Kurz vor der EM häufen sich Fragen nach dem Tormann. „Was soll mit Volkan sein?“, fuhr Terim kürzlich einen Journalisten an. „Ich liste nicht auf, weshalb ich welchen Spieler nicht nominiert habe, tut mir leid!“ Einmischungen in seine Arbeit verträgt der Teamchef nicht. Schon mehrere Journalisten bekamen seinen Zorn zu spüren. Die Tageszeitung Vatan entließ sogar eine Mitarbeiterin, die sich negativ über Terim geäußert hatte.
Seine Trainerkarriere im Nationalteam begann der ehemalige Libero von Galatasaray 1990 als Assistent von Sepp Piontek. 1993 wurde er dessen Nachfolger, 1996 gelang die erste EM-Qualifikation, die Türkei schied beim Turnier jedoch sieglos aus. Im selben Sommer übernahm Terim den Trainerposten bei Galatasaray, wo er vier Meisterschaften in Folge sowie 2000 den ersten Europacup-Titel einer türkischen Mannschaft feiern konnte. Eine zweite Zeit als Teamchef folgte nach kurzen Intermezzi bei der Fiorentina und Milan sowie einer erneuten Station bei Galatasaray. Bei der EM 2008 schied die Türkei erst im Halbfinale gegen Deutschland aus, scheiterte anschließend jedoch an der Qualifikation zur WM. Terim warf 2011 das Handtuch und wurde erneut Trainer bei seinem alten Klub. Mit Galatasaray wurde er zwar noch einmal Meister, ein Jahr später aber entlassen. Seit 2013 ist er wieder Teamchef.
Team Erdogan
Nicht nur werden Stadien nach Terim benannt, mit einem geschätzten Jahreseinkommen von rund 3,5 Millionen Euro gehört er zu den absoluten Topverdienern unter den Teamchefs. Neben dem Platz sonnt er sich gerne auf der ganz großen Bühne. Bei der Stadioneröffnung in Basaksehir im Juli 2014 zeichnete ihn der damalige Premierminister und heutige Staatspräsident Tayyip Erdogan höchstpersönlich für sein Lebenswerk aus. Terim bedankte sich für die innige Freundschaft, ehe der Premier fünf Treffer zum 9:5-Sieg des Team Erdogan im Eröffnungsspiel beisteuerte.
Aus seiner guten Beziehung zu Erdogan macht Terim keinen Hehl, er kennt die politischen Verhältnisse der Türkei. „In diesem Land ist Fußball nicht nur ein Spiel, sondern ein Ort, an dem man profitieren kann“, schrieb Müslüm Gülhan in der Tageszeitung Birgün. „Terim kommt trotz seiner mangelhaften Fähigkeiten durch Beziehungen weiter.“ Während der EM könnte Terim auf sein politisches Gespür dringend angewiesen sein, die Voraussetzungen sind brisant. „Wir sind ein moslemisches Land. Aber noch davor sind wir ein europäisches Land. Wir sind ein Teil dieses Kontinents“, sagte er mit Blick auf das Turnier. Doch die Spiele der Türkei könnten zu einem Politikum werden. Nationalistische Fans von Paris Saint-Germain posierten mit dem Spruchband „Euro 2016 – Turkish Fans Not Welcome!“ und mobilisierten für den Besuch eines Handballspiels zwischen PSG und Besiktas im Februar mit Aufrufen zur „Türkenjagd“.
Umzingelt
Vorangegangen war diesem Transparent jenes Testspiel der Türkei gegen Griechenland im Fatih-Terim-Stadion – vier Tage nach den Anschlägen von Paris. Die Schweigeminute wurde von tausenden Fans niedergepfiffen und durch „Allahu Ekber“-Rufe gestört. Während die Pfiffe vom anwesenden Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu ignoriert wurden, verurteilte sie zumindest Terim. „Können wir nicht einmal eine Minute ruhig sein?“, sagte er. Die Parole „Allahu Ekber“ gehört zum nationalistisch wie religiös aufgeladenen Repertoire türkischer Fußballfans. Aus den Vorfällen eine Sympathie für den „Islamischen Staat“ abzulesen, ist verfehlt, wie Deniz Yücel in der Welt schreibt. Sie seien Ausdruck der Polarisierung der Gesellschaft, die die paranoide Rhetorik der Regierungspartei AKP vorangetrieben habe: „In ihrer Welt ist die Türkei umzingelt von lauter inneren und äußeren Feinden.“
Bereits im Oktober 2015 gab es beim Qualifikationsspiel gegen Island in Konya ähnliche Vorfälle. Die Schweigeminute für die Opfer des Selbstmordanschlags auf eine linke Friedensdemo in Ankara wurde von Pfiffen gestört. Die Fans aus Konya werden dennoch landauf, landab für ihre tolle Stimmung gelobt. Das neue Stadion in der AKP-Hochburg war Austragungsort der letzten drei Qualifikationsspiele. Teilen der Konya-Fans werden gute Beziehungen zur AKP nachgesagt, sie haben zudem die Nationalmannschaft für sich entdeckt, die sie zur EM begleiten werden. Wenn Terim und sein Team nach Frankreich reisen, werden sie die politischen Konflikte der Türkei mit im Gepäck haben.