Die Wahl zum „Tor des Monats“ im Oktober 1985 bescherte der „Sportschau“-Redaktion Kopfzerbrechen. Mit klarer Mehrheit hatten sich die Zuschauer für den Treffer des Gladbachers Ewald Lienen im UEFA-Cup-Spiel gegen Lech Poznan ausgesprochen. Dessen letztem Studioauftritt allerdings war eine Weisung des WDR-Intendanten gefolgt, politische Propaganda im Programm zu unterbinden. Die Redaktion fragte daher bei Lienen an, ob er plane, erneut seinen Pullover der Initiative „Sportler gegen Atomraketen – Sportler für den Frieden“ zu tragen. Lienen reagierte empört. Schließlich einigte man sich auf einen Anstecker.
Nicht allein seine Torgefährlichkeit hatte Lienen bekannt gemacht. Der 31-Jährige verweigerte Autogramme, aß in der Kabine selbst geschrotetes Frischkornmüsli und hatte bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen für die Friedensliste, ein von der Deutschen Kommunistischen Partei dominiertes Wahlbündnis, kandidiert. Dass sein ausgezeichnetes Tor auch in Ostdeutschland von der Sendung „Fußball-Panorama“ gezeigt wurde, war keine Selbstverständlichkeit. Buchautor Steffen Pockart schreibt: „Ewald Lienen war in den DDR-Medien so etwas wie ein Held.“
WETTRÜSTEN NACH DEM WELTKRIEG
Lienen war 1953 in einer Kleinstadt bei Bielefeld geboren worden, hatte dort maturiert und bei der Arminia seine Profikarriere begonnen. Den Anstoß für sein politisches Engagement, so erinnerte er sich später, gab der Musterungsbescheid der Bundeswehr. „Mein Vater ist als Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen und als gebrochener Mann wiedergekommen“, sagte der heutige Sportdirektor des FC St. Pauli der Augsburger Allgemeinen im August 2017. „Meine Mutter hat einen Teil ihrer Familie durch den Bombenangriff auf Dresden verloren. Für mich war völlig klar, dass ich niemals eine Waffe in die Hand nehmen würde.“
Mit dieser Einstellung war Lienen nicht allein: 1968 hatten sich die Anträge auf Wehrdienstverweigerung innerhalb eines Jahres auf knapp 12.000 verdoppelt, 1972 lag die Zahl bei 34.000. Als reale Bedrohung empfanden viele den Kalten Krieg zwischen den USA und der UdSSR, der zu einem nuklearen Wettrüsten geführt hatte. So sah der NATO-Doppelbeschluss von 1979 die Aufstellung neuer Atomraketen und Marschflugkörper in Westeuropa vor. Als am 6. Mai 1980 im Bremer Weserstadion das 25-jährige Jubiläum des NATO-Beitritts der Bundesrepublik gefeiert werden sollte, demonstrierten etwa 10.000 Menschen gegen die Militarisierung.
Die Friedensbewegung der Bundesrepublik war groß und ideologisch divers. „Auch bei uns waren Sozialdemokraten, Grüne, Sozialisten und DKPler vertreten“, sagt Klaus Peter, Gründungsmitglied der Initiative „Sportler gegen Atomraketen – Sportler für den Frieden“. Was die Friedenssportler vereinte, war ein grundsätzliches Bekenntnis zum Miteinander. „Schließlich sind wir aus Protest gegen den Olympia-Boykott entstanden“, sagt Peter. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan hatte US-Präsident Jimmy Carter 1980 dazu aufgerufen, die Sommerspiele in Moskau zu boykottieren, Westdeutschland war dem Ansinnen gefolgt.
„Wir wollten uns nicht länger als Spielball der Supermächte fühlen“, sagt Peter heute. So setzten sich die Organisatoren als erstes Ziel, Unterstützer für den Krefelder Appell, eine Unterschriftenaktion gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik, zu finden. 1982 fand eine Friedensstafette durch Nordrhein-Westfalen statt, 1983 lud die Initiative zum ersten Internationalen Sport- und Spielfest in Dortmund. 10.000 Menschen kamen, um Spielstationen und Hobbyturniere zu besuchen, sich dem „gewaltfreien Ohrloch-Schießen“ zu unterziehen und musikalischen Darbietungen beizuwohnen. Bei der zweiten Auflage 1985 verlas Lienen die Abschlusserklärung und rief dazu auf, „der Militarisierung des Weltraums die Rote Karte“ zu zeigen. Dass Leistungs- wie Breitensport nicht nur „alle Hürden überwinden“ könne, sondern sogar dazu verpflichtet sei, davon waren er und seine Mitstreiter überzeugt.
EIN PROFI HÄLT BESSER DEN MUND
Wiederholt wurde dem Zusammenschluss von Sportlern, Funktionären und Journalisten vorgeworfen, durch die DDR finanziert zu werden. Zeitweise wurden die Aktivisten sogar vom Verfassungsschutz beobachtet. Auch in der Bundesliga stieß die politische Betätigung der Spieler nicht nur auf Begeisterung. Zur Friedensstafette 1987 von Flensburg bis zur Zugspitze kam auch Karl Allgöwer, zehnmaliger Nationalspieler und Stürmer beim Erstligisten VfB Stuttgart. Dessen damaliger Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder war außerdem CDU-Sportminister in Baden-Württemberg und kein Freund der politischen Ansichten des Arbeitersohns. Allgöwer war im Wahlkampf 1983 für die SPD aufgetreten, hatte sich aus Protest gegen Umweltverschmutzung auf einer Mülldeponie fotografieren lassen und in der Kabine um Unterschriften gegen Ronald Reagans Raketenabwehrsystem geworben. Angesichts seiner Pläne, ins Ausland zu wechseln, ließ Mayer-Vorfelder Allgöwer wissen, er werde ihn gern persönlich mit der Scheibtruhe an die Grenze fahren. „Der Krach bestätigt abermals die Erkenntnis, dass politische Meinungsäußerung, Diskussion und unbequeme Fragen am Arbeitsplatz Bundesliga nicht gewünscht sind“, schrieb der Spiegel. „Ein guter Profi, so die Auffassung der meisten Vereinsbosse, hält den Mund oder kommt wenigstens aus der Tiefe des Raumes über rechts.“
Nach der Friedensstafette von Paris bis Moskau im Jahr 1989 leiteten der Zerfall des Ostblocks und die deutsche Wiedervereinigung das Ende der mittlerweile in „Sportler und Sportlerinnen für den Frieden“ umbenannten Initiative ein. 1992 formulierte diese noch einen Aufruf gegen Rassismus, den auch Fortuna-Düsseldorf-Tormann Jörg Schmadtke unterschrieb. Lienen war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Sprecher der Initiative, er war stattdessen unter die Gewerkschafter gegangen: 1987 hatte er gemeinsam mit Kollegen die Vereinigung der Vertragsfußballer gegründet.