„Du musst den Rhythmus und den Sinn des Spiels verstehen“, sagt Anna Lallitsch auf die Frage, was es bedeute, Ahnung von Fußball zu haben. „Du musst nachvollziehen können, was sich der Trainer gedacht hat. Alles andere, Statistiken, Hotel- oder Trainingsanekdoten, sind coole Zusatzinfos.“ Lallitsch, geboren 1992 und aufgewachsen in Hausmannstätten südöstlich von Graz, nahm als 19-Jährige anlässlich eines Sturm-Heimspiels erstmals auf einem der Kommentatorenränge Platz. Für das Stadionradio, den Live-Audiokanal für Sehbehinderte, hatte dessen Betreiber eine Frau gesucht. Audio2 bestellte seine freie Mitarbeiterin Lallitsch in den folgenden Jahren immer häufiger nach Wien, wo sie gemeinsam mit jeweils einem Kollegen neben Fußballländerspielen etliche Ski-Alpin-Bewerbe, Olympische Spiele und andere sportliche Großereignisse für den zweiten Tonkanal des ORF audiodeskribierte.
„Der Zuseher soll sich seine eigene Meinung vom Spiel bilden können“, lautet einer der Grundsätze, denen sich Lallitsch in der Audiodeskription verschrieben hat. Dass sich die implizierte Forderung nach eigener Zurückhaltung auf ihren Stil als klassische Kommentatorin im ersten Tonkanal auswirken wird, ist anzunehmen. „Was ich nicht aushalte“, sagt Lallitsch im Interview, „sind Wertungen. Natürlich soll man Dinge beim Namen nennen, und wenn etwas nicht hinhaut, haut es eben nicht hin. Aber wenn ein Kommentator einem Sportler unterstellt, dass er sich nicht bemüht oder zu wenig trainiert hat, kriege ich die Krise.“
Behutsamer Aufbau
Seit Anfang April ist Lallitsch festes Mitglied der Sportredaktion am Küniglberg. Am Ende langwieriger Vertragsverhandlungen gab sie dafür ihren bisherigen Hauptberuf, Moderatorin bei der Antenne Steiermark, auf. Ihr erster öffentlicher Einsatz für den neuen Arbeitgeber wurde auf den heutigen Sonntag festgelegt: Im zweiten Halbfinale des ÖFB Ladies Cup tritt die Spielgemeinschaft USC Landhaus/Austria Wien zu Hause gegen den SKV Altenmarkt an. Lallitsch kommentiert die Begegnung ab 13 Uhr auf ORF Sport plus.
Dass sie damit auf einem Spartensender des ORF zum Einsatz kommt, entspricht der von Sportchef Hans Peter Trost immer wieder ausgegebenen Losung, junge Frauen müssten im männlich dominierten Sportjournalismus „langsam aufgebaut“ werden. „Sie kommentiert nun erst einmal auf ORF Sport plus. Alles andere wird sich weisen“, sagt auch Pressesprecher Michael Krause auf Anfrage. Lallitsch selbst reagiert auf die Möglichkeit von Anfeindungen in den sozialmedialen Netzwerken, wie sie etwa ihrer deutschen Kollegin Claudia Neumann widerfuhren, mit einem Kopfschütteln. „Nur weil ich eine Frau bin, soll ich mich im Fußball nicht auskennen können?“, fragt sie. „Das habe ich noch nie verstanden.“