Im Oktober 2012 wandte sich eine Kundin der Bremer Straßenbahn-AG an die Regionalpresse. Einige der Uhren an den Bahnsteigen auf dem Hauptbahnhofsvorplatz gingen seit Monaten falsch, schrieb sie. Das sorge bei den Fahrgästen für Irritationen. „Es sind relativ alte Uhren“, erklärte ein Sprecher des Unternehmens. Man werde sich der Sache annehmen und diejenigen Exemplare, die aus dem Takt geraten seien, mit roten Balken als defekt kennzeichnen. Eine Reparatur halte er für wenig sinnvoll. „Die große Bahnhofsuhr ist die maßgebende Uhr, und die zeigt die richtige Zeit an“, zitierte der Weser-Kurier.
Wer dieser Posse Ungewöhnlichkeit unterstellt, hat, davon ist auszugehen, Bremen noch nicht kennengelernt. Solange ihre Bewohner denken können, ist die dringendste Mangelware in der norddeutschen Großstadt das Geld. Als Zwei-Städte-Staat verzeichnen Bremen und Bremerhaven seit Jahrzehnten die höchste Pro-Kopf-Verschuldung der Bundesrepublik, 2012 wurde erstmals die 30.000-Euro-Grenze überschritten. Die Arbeitslosenquote ist mit knapp zehn Prozent doppelt so hoch wie der deutsche Durchschnitt. Größenwahn ist in der Hansestadt, die jahrhundertelang vom Handel lebte, inzwischen verpönt, Geduld und Bescheidenheit sind Pflicht. Spätestens seit dem Untergang der Werften in den 1980er und 1990er Jahren hat sich eine Erkenntnis ihren Weg in die Gemüter gebahnt: Das wichtigste Exportgut des Wirtschaftsstandorts Bremen ist sein Fußballverein.
Siege und Identität
„Die Erfolge von Werder Bremen ermöglichen es uns, das Gefühl zu überwinden, zu den Versagern zu gehören“, sagt Sozialpsychologe Gerhard Vinnai, emeritierter Professor der Universität Bremen und Autor des Buchs „Fußballsport und Ideologie“. In der Ewigen Tabelle der Bundesliga nimmt der Klub Platz zwei hinter dem FC Bayern ein. Mit drei Meistertiteln, fünf Pokalsiegen und einem Europacupgewinn hat Werder in den letzten drei Jahrzehnten den deutschen Fußball mitgeprägt. Auch unter den erfolgreichen Trainer-Manager-Duos Otto Rehhagel und Willi Lemke sowie Thomas Schaaf und Klaus Allofs geschah das mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln. Werder Bremen war nie ein Klub der großen Stars, sondern ein Klub der Spielkultur.
„In der Bundesliga setzte Werder Bremen im neuen Jahrtausend die ersten Maßstäbe, wie schneller, moderner Fußball aussehen könnte“, schreibt Tobias Escher in seiner Taktikanalyse „Vom Libero zur Doppel-Sechs“. In einer Zeit, in der andere Vereine Mühe hatten, der Idee der Raumdeckung zu folgen, und Pressing als neumodischer Schnickschnack galt, orientierte sich Schaaf am One-Touch-Fußball des in England dominierenden Arsenal FC. Von 1999 bis 2004, dem Jahr des Doublegewinns mit Kapitän Frank Baumann, Mittelfeldstratege Johan Micoud und Stürmer Ailton, verfünffachten sich die Mitgliederzahlen des Vereins auf 15.000. 2009, nachdem fünfmal hintereinander die Qualifikation für die Champions League gelungen war und der DFB-Pokal nach Bremen ging, vermeldete Werder 34.047 Mitglieder. Nie zuvor hatte sich leichter behaupten lassen: Werder ist Bremen, und Bremen ist Werder.
Ende einer Ära
Dass die beiden Vordenker der letzten erfolgreichen Ära in der Werder-Geschichte, Schaaf und Allofs, im Sommer 2011 vereinsinterne Streitigkeiten öffentlich machten, störte den Bremer Stolz. Die Ursache ihrer Auseinandersetzung mit Aufsichtsratschef Willi Lemke verwunderte hingegen wenig: Es ging, wieder einmal, ums Geld. Nachdem der Klub die Vorsaison auf dem 13. Platz abgeschlossen hatte, gab Schaaf bekannt, er werde nicht mehr die Verantwortung für schlechte Leistungen übernehmen, solange seine Warnung vor Personalnotständen ungehört bleibe. Dringend müsse ein weiterer Innenverteidiger her. „Die Kassen sind leer“, erwiderte Lemke. Als Werder zehn Tage später in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen den Drittligisten FC Heidenheim ausschied, blockierten einige der mitgereisten Fans den Mannschaftsbus. „Wir haben die Schnauze voll!“, skandierten sie und: „Allofs raus!“
Allofs kümmerte sich fortan stärker ums Finanzielle. Ein Jahr später war ein neuer Trikotsponsor gefunden. Den niedersächsischen Geflügelfabrikanten Wiesenhof präsentierte Werder als Partner aus der Region. Zu den laufenden Ermittlungen gegen das Unternehmen wegen des Verdachts auf Tierquälerei, Lohndumping und Subventionsbetrug schwieg die Vereinsführung. Die Anhängerschaft war gespalten: Wer um Titel mitspielen wolle, benötige endlich ein größeres Budget, sagten die einen. Werder verspiele Anstand und Moral, meinten die anderen. Zu diesem Zeitpunkt hatten langjährige Stützen wie Stürmer Claudio Pizarro, Innenverteidiger Naldo und Tormann Tim Wiese den Verein bereits verlassen. Als im November 2012 auch noch Allofs zum VfL Wolfsburg wechselte, ahnten viele Bremer: Manches lässt sich nicht reparieren. Manches braucht Zeit.
Neues Selbstbewusstsein
Sechs Jahre später, am 19. Dezember 2018, tritt Werder am vorletzten Spieltag der Hinrunde zu Hause gegen die TSG Hoffenheim an. Es ist ein Mittwoch, Anpfiff ist um 20.30 Uhr. Die Vorhut des Bremer Weihnachtsmarkts hat sich in sechs Ständen vor dem Hauptbahnhof formiert. Der Glühwein dampft aus den Kesseln, es riecht nach Kartoffelpuffern, gebrannten Mandeln und Schmalzkuchen. Ein Drehorgelspieler lässt eine gemütlich getaktete Version der „Stillen Nacht“ erklingen. Am Bahnhofsgebäude aus rotem Backstein erzittert der mehr als zwei Meter lange Minutenzeiger der Uhr kurz, bevor er auf seiner nächsten Position zum Stillstand kommt.
Seit dem späten Nachmittag treffen Werder-Anhänger aus dem niedersächsischen Umland, dem Ballungsraum Hamburg und den nördlichen Teilen Nordrhein-Westfalens am Bahnhof ein. Ihr Klub steht am 16. Spieltag auf dem neunten Tabellenplatz. Seit 2010 ist keine Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb mehr gelungen, 2016 wäre Werder fast abgestiegen. Die vergangene Saison hat die Mannschaft als Elfter beendet. Alles beim Alten also, behaupten die Zahlen. Alles neu, sagen die Fans. Dank Trainer Florian Kohfeldt.
Den gesamten Artikel gibt es in der Printausgabe des ballesterer (Nr. 144 September 2019) zu lesen. Die Ausgabe könnt ihr hier bestellen.