Es war ein kluger Schachzug der Marken. Mitte April präsentierte die Region in Mittelitalien ihren neuen Tourismusbotschafter: Roberto Mancini aus der Kleinstadt Jesi in der Nähe von Ancona. Selbstverständlich sprach er bei der Vorstellung der Werbekampagne über die großartige Gastfreundschaft der Bewohner, die schönsten Flecken an der Adria-Küste und die idyllischen Berglandschaften, in die Presse schafften es aber seine Kommentare zur bevorstehenden Europameisterschaft. „Als ich die Nationalmannschaft übernommen habe, waren wir in Schwierigkeiten. Vieles war unsicher, nachdem wir uns nicht für die WM 2018 in Russland qualifiziert hatten. Für einen Italiener ist es vielleicht das Schlimmste überhaupt, die Nationalmannschaft nicht bei der WM zu sehen“, sagte er. Erlebt hatte das der heute 56-Jährige bis dahin noch nicht, das Scheitern in der Qualifikation war das erste seit 1958.
Der Schuldige für die Blamage war schnell ausgemacht: Giampiero Ventura, der zwei Tage nach dem Ausscheiden im Play-off gegen Schweden entlassen wurde. Ein halbes Jahr später trat Mancini die Nachfolge an – seither hat sich alles geändert. Kein Teamchef war in seinen ersten 29 Spielen erfolgreicher als der ehemalige Manchester-City-Meistertrainer. Das letzte Mal haben die Italiener am 10. September 2018 ein Spiel verloren, als sie in der Nations League dem späteren Turniersieger Portugal 0:1 unterlagen. Seither gab es 20 Siege und fünf Unentschieden. So lange waren die Italiener zuletzt zwischen 2004 und 2006 unbesiegt – in diese Zeit fällt die WM in Deutschland mit dem letzten Titel. An der Weltmeistermannschaft von Marcello Lippi muss sich Mancini nun messen lassen, wenn es nach den Medien geht.
Jung und offensiv
Den Nachweis, dass die aktuelle Stärke erneut in einen Titelgewinn münden könnte, muss Italien erst erbringen – dazu waren die bisherigen Gegner zu schwach. Die für März 2020 anvisierten Auswärtsspiele gegen Deutschland und England wurden coronabedingt abgesagt. Die einzig namhafte Ausnahme der Ära Mancini waren die Niederlande, gegen die die Italiener im Herbst 2020 in der Nations League gespielt haben. Einem 1:0-Auswärtssieg in Amsterdam folgte ein 1:1 in Bergamo. Die EM, bei der die Italiener auf die Türkei, die Schweiz und Wales treffen, ist der erste große Prüfstein. Italien spielt die Gruppenphase in Rom, alles andere als der souveräne Aufstieg wäre eine herbe Enttäuschung.
Für den Neuaufbau hat Mancini auf junge Spieler gesetzt. Unter ihm kamen 32 Spieler zu ihrem Nationalteamdebüt. Und doch begann Mancinis Amtszeit mit wenig Torerfolgen und noch weniger Gegentoren – so weit, so klischeehaft. Doch spätestens in der EM-Qualifikation spielte Italien offensiv, attraktiv und mit durchschnittlich mehr als 60 Prozent Ballbesitz. In zehn Spielen gab es ebenso viele Siege bei einer Tordifferenz von 37:4. Am letzten Spieltag wurde Armenien 9:1 aus dem Stadio Renzo Barbera in Palermo geschossen.
Mancini hat dem Team ein 4-3-3 mit tiefem Schwerpunkt in der Mittelfeldzentrale verordnet. Die Rolle des Ballverteilers übernimmt meist Jorginho, der diese Funktion unter Maurizio Sarri bei Napoli und Chelsea gelernt hat. Neben ihm spielt in der Regel Marco Verratti von Paris Saint-Germain, der im Spielaufbau unterstützt, und weiter vorne Nicolo Barella von Inter. Im Ballbesitz wird Mancinis 4-3-3 zu einem 3-2-4-1, bei dem zumeist der linke Außenverteidiger – Emerson oder Leonardo Spinazzola – in die Offensive geht. Im offensiven Mittelfeld zieht Napolis Lorenzo Insigne dann nach innen, rechts ist Federico Chiesa gesetzt. Er ist nach seinem umstrittenen Wechsel von der Fiorentina zum Erzrivalen Juventus entgegen aller Bedenken zum Stammspieler geworden. In einer kriselnden Juventus-Mannschaft war der lauf- und abschlussstarke 23-Jährige einer der Besten. Mancini befand, dass der Sohn sogar noch mehr laufe als Vater Enrico, mit dem er bei Sampdoria und in der Nationalmannschaft zusammengespielt hat.
Italien rotiert
Nur in der Defensivzentrale ist die Erneuerung ausgeblieben: Wenn sie fit sind, bilden die beiden Juventus-Abwehrspieler, der 33-jährige Leonardo Bonucci und der 36-jährige Giorgio Chiellini, die Innenverteidigung. Im Sturmzentrum hat Mancini zwei Optionen: Andrea Belotti gegen tiefstehende Gegner, Ciro Immobile für Spiele mit mehr Räumen. Angesichts der Konkurrenz wurde der dritte Stürmer, Moise Kean von Paris Saint-Germain, bislang meistens auf den Flügel eingewechselt.
Für Torgefahr sorgen ohnehin viele: In der Mancini-Ära haben schon 28 der 72 eingesetzten Spieler getroffen. Die starke Rotation macht es dem Teamchef allerdings nicht einfacher, sich auf einen Kader festzulegen. „Es war schon zuvor klar, dass die Auswahl schwierig würde. Doch in den vergangenen Monaten haben sich noch weitere Spieler durch hervorragende Leistungen in den Kreis der Kandidaten gespielt“, sagte Mancini. Die ausgeprägte Rotation könnte sich angesichts der steigenden Verletzungszahlen im dichten Spielkalender noch als hilfreich erweisen.
„Er hat das gute Bild des italienischen Fußballs wiederhergestellt“, sagte Lippi der Gazzetta dello Sport über Mancini. Der Teamchef hat in seiner Amtszeit nicht nur die Spielweise grundlegend verändert, sondern dem Land wieder den Glauben an sein Nationalteam gegeben. „Wir haben versucht, etwas zu verändern“, sagte Marken-Botschafter Mancini. „Und das ist jetzt unsere Stärke. Wir haben eine Art Fußball entwickelt, die vom hier Gewohnten abweicht. Das soll nicht heißen, dass wir nun die Besten sind und Europa- oder Weltmeister werden. Aber wenn Italien zu einem Großturnier fährt, tun wir das, um zu gewinnen.“