Ein Blick auf die Stadionnamen reicht, um zu wissen, um wessen Weltmeisterschaft es sich 1934 handelte. Sie hießen nach dem faschistischen Diktator Benito Mussolini, dem faschistischen Märtyrer Giovanni Berta, der faschistischen Partei und dem faschistischen Symbol, dem Liktorenbündel. 1932 vergab die FIFA das Turnier an Italien, dessen Fußball sich in den 1920 Jahren zwischen Bankrott und Professionalisierung bewegt hatte, nun aber vor seinem Durchbruch stand. In den Jahren nach Mussolinis Marsch auf Rom waren spätere Größen wie Fiorentina, Napoli und Roma neu gegründet oder fusioniert worden. Stadien – allen voran die Vorzeigebauten in Bologna und Florenz – waren errichtet und die Serie A erstmals als landesweite Meisterschaft ausgetragen worden. Kader wie Leandro Arpinati und Achille Starace leiteten die sportlichen Institutionen, die Partei nutzte ausgefeilte Freizeitprogramme, um den Faschismus zur Massenbewegung zu machen.
Dafür kam ihr der Fußball als wachsendes Phänomen ebenso gerade recht wie die Weltmeisterschaft, die die internationale Öffentlichkeit von den sportlichen Höchstleistungen der Italiener überzeugen sollte. Daneben konnte durch die Spiele viel Geld verdient und die Bevölkerung hinter der erfolgreichen Mannschaft versammelt werden. Um die FIFA von der Vergabe an Italien zu überzeugen, soll Mussolini persönlich die Bereitstellung der finanziellen Mittel und einer modernen Infrastruktur garantiert haben.
Parteiische Schwarzhemden
Um die Kosten wieder zu hereinzuholen, verlangte der Verband exorbitante Preise für die Tickets. Freikarten schaffte er ab, um keinen Groll gegen privilegierte Parteigänger aufkommen zu lassen. In Spielen, in denen die italienische Mannschaft nicht auftrat, ging die Rechnung nicht ganz auf. Nur rund 21.000 Fans kamen durchschnittlich zu den Partien – nur in Frankreich vier Jahre später waren es noch weniger. Dennoch konnte Italien durch die WM 3,7 Millionen Lire einnehmen, rund 40 Prozent davon flossen an den Weltverband und die teilnehmenden Verbände.
Der Einfluss des Regimes auf das Geschehen auf dem Platz ist bis heute umstritten. In Erinnerung geblieben ist die Rolle der Schiedsrichter, die aus dem Amateurbereich rekrutiert worden waren. Ein Grundmaß an Sportlichkeit, allgemeines Verständnis der Fußballregeln und Sprachfähigkeiten reichten aus, um 1934 WM-Schiedsrichter zu sein. Die fehlende Professionalität zeigte sich auch in den Spielen. Nutznießer waren die für ihr rüdes Spiel bekannten Gastgeber.
Im Viertelfinale wurde der spanische Tormann Ricardo Zamora Ziel diverser Fouls der Italiener. Der Keeper galt als Erfolgsgarant, Verteidiger Jacinto Quincoces prahlte vor dem Aufeinandertreffen: „Zamora ist unschlagbar, also sind auch wir unschlagbar.“ Die Italiener konzentrierten sich im Spiel dann mehr darauf, den spanischen Keeper als den Ball zu treten und vermochten nicht über ein 1:1 hinauszukommen – ein Wiederholungsspiel musste für die Entscheidung sorgen. Der verletzte Zamora war nicht mehr einsatzfähig, doch Italien plagte sich weiterhin und quälte den Gegner. Wieder foulten die Italiener wie am Fließband, das entscheidende Tor von Giuseppe Meazza erfolgte nach mehreren nicht geahndeten Attacken gegen Spaniens Ersatzkeeper. Die spanische Presse war außer sich. El Liberal schrieb: „Die Faschisten geben reichlich Beweise für ihren Mangel an Kultur und Sportsgeist.“
Keine Chance in Rom
War das Viertelfinale zwischen dem Königreich Italien und der Republik Spanien auch ein Duell unterschiedlicher Weltanschauungen, wartete im Halbfinale mit Österreich ein Verbündeter. Diktator Engelbert Dollfuß und sein italienisches Vorbild pflegten gute Beziehungen. Das hatte auch Auswirkungen auf den Sport, so ermöglichte der italienische Verband dem ÖFB durch eine Finanzspritze überhaupt erst das Antreten bei der WM. Die österreichische Presse berichtete dementsprechend freundlich über die Gastgeber.
An der Härte im Spiel konnte aber auch die beste Freundschaft nichts ändern: Matthias Sindelar wurde von den italienischen Spielern vor 45.000 Fans im San Siro ins Krankenhaus getreten. Den einzigen Treffer des Spiels erzielte Enrique Guaita, der dabei von einem nicht geahndeten Foul von Meazza an Tormann Peter Platzer profitierte. Gerüchte, die von österreichischer Seite befeuert wurden, wonach Mussolini zuvor mit dem Unparteiischen Ivan Eklind zu Abend gegessen habe, entkräfteten Historiker im Laufe der Zeit. So war der Diktator am Vorabend des Spiels beim Halbfinale zwischen Tschechien und Deutschland in Rom, während sich Eklind bereits in Mailand aufhielt. Der Historiker Marco Impiglia geht davon aus, dass Österreichs Teamchef Hugo Meisl das Gerücht aus Enttäuschung über die Niederlage in die Welt gesetzt habe.
Für Italien ging die WM wie geplant zu Ende. Am 4. Juni kam es zum Finale gegen die Tschechoslowakei. „Wir haben keine Chance, das Spiel zu gewinnen“, sagte Tormann Frantisek Planicka schon vor der Begegnung. „Italien führt bereits 3:0.“ Die Aussage spielte auf die Unterstützung an, die die Italiener sowohl von den Rängen als auch durch die Unparteiischen bekamen. Auch im Finale konnten sie sich auf beides verlassen. 50.000 Fans strömten ins Stadio Nazionale del Partito Nazionale Fascista in Rom, darunter auch Mussolini. Er soll dem Schiedsrichterteam, das wieder von Eklind angeführt wurde, vor dem Anpfiff in der Kabine viel Glück gewünscht haben. Im Spiel wurde dem tschechischen Flügelstürmer Antonin Puc beim Stand von 0:0 ein Elfmeter verwehrt – „Ich habe gedacht, dass er sowieso keine Chance auf ein Tor hatte“, begründete Eklind später seine Entscheidung gegenüber der Zeitung Stockholms-Tidningen. Italien gewann das Spiel in der Verlängerung 2:1.