Als das Länderspielfenster im September aufgeht, sind es noch 62 Tage bis zum Eröffnungsspiel der WM. Eine Herausforderung für die Teamchefs, die ihre Spieler aus dem eng getakteten Ligabetrieb empfangen und in den Wochen darauf ihren Kader zusammenstellen müssen. Am 14. November kommen die Mannschaften wieder zusammen, wenige Tage später beginnt das Turnier. Das erste im europäischen Herbst und eines, das den internationalen Spielkalender beeinflusst wie keines zuvor.
Die Länderspielpause gilt für alle Konföderationen, aber ihr geografisches Zentrum ist Europa: Die WM-Teilnehmer Japan und Ecuador matchen sich in Deutschland, Gastgeber Katar hat einen Länderspielreigen mit Chile, Iran, Kanada, Senegal und Uruguay in Österreich organisiert. Die Teams der UEFA tragen Nations-League-Spiele aus, die für die Qualifikation zur EM 2024 relevant sind, doch die liegt noch im Schatten die WM. Und dieser Schatten umfasst weit mehr als komplizierte Termine.
Skepsis und Ticketboom
Der DFB veranstaltet in Frankfurt zum Auftakt der Länderspielpause einen Kongress zum Thema Menschenrechte, die norwegische Verbandspräsidentin Lise Klaveness ist ebenso dabei wie der katarische Botschafter Abdulla bin Mohammed bin Saud Al Thani, DFB-Geschäftsführer Oliver Bierhoff, Menschenrechtsexperten und Fans. Der im März gewählte DFB-Präsident Bernd Neuendorf äußert sich deutlicher, als es sein Verband bisher getan hat. „Ich stelle mich ohne Wenn und Aber hinter die Forderung nach einem Entschädigungsfonds für die Familien derjenigen, die in Katar umgekommen sind“, sagt er. Eintracht-Frankfurt-Fan Dario Minden wendet sich direkt an Al Thani. Fußball sei für alle da, das sei das Wichtigste am Spiel: „Ich habe Sex mit anderen Männern. Das ist normal. Gewöhnen Sie sich daran, oder verschwinden Sie aus dem Fußball.“ Er werde keine Minute der WM schauen, erklärt Minden. Ein Tenor verbindet fast alle Beiträge: Die Vergabe an Katar war ein Fehler. Doch nicht überall sind die Fans so skeptisch. 2,4 Millionen Kartenverkäufe meldete die FIFA Mitte August, in ihrem Last-Minute-Verkauf waren Anfang Oktober für kein Spiel Tickets erhältlich. Der Bestseller der Vorrunde soll das Spiel Mexiko gegen Argentinien am 26. November sein.
Ende September und Anfang Oktober findet in Deutschland und Österreich eine Veranstaltungsreihe statt, organisiert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und den NGOs Fairplay und Südwind. Ehemalige Arbeitsmigranten aus Kenia und Nepal berichten dabei von ihren Erlebnissen in Katar. Malcolm Bidali, der in Doha in Haft saß, weil er über die Bedingungen dort gebloggt hatte, sagt, das Problem liege nicht allein am Golf. „Es gehen so viele zum Arbeiten dorthin, weil es einfach ist. Ich gehe ins Anwerbebüro, zahle die Gebühr, die illegal ist, und in zwei Wochen bin ich dort. Es ist viel schwieriger, nach Europa zum Arbeiten zu kommen.“
Bei den Testspielen in Österreich steht weniger Katar, sondern ein anderer WM-Teilnehmer im Fokus. Im Iran hat der Tod von Mahsa Amini in Polizeigewahrsam eine Welle von Demonstrationen ausgelöst, angeführt von Frauen, die ihre Kopftücher verbrennen. Fans mit Protestplakaten werden beim Spiel in der Südstadt von der Polizei aus dem Stadion geführt, offenbar auf Wunsch der iranischen Regierung.
Beckham für Katar
An den Hochhausfassaden in Doha werden unterdessen Fotos der WM-Stars angebracht. Harry Kane, Virgil van Dijk, Kylian Mbappe und Sadio Mane blicken auf letzte Bauvorhaben. Unterkünfte für Fans sind ein rares und teures Gut in Katar. Viele werden aus den Nachbarländern zu den Spielen fliegen und nach Abpfiff zurückkehren. Die WM, mit dem Vorteil der kurzen Wege beworben, wird das Turnier der Tagesshuttles werden. Und apropos Werbung: Altstars wie Cafu, Samuel Eto’o, Xavi Hernandez und Lothar Matthäus loben Katar und sein Turnier in Interviews und sind regelmäßig in Doha zu Gast. Der vermutlich bestbezahlte dieser WM-Botschafter ist David Beckham, er soll für zehn Jahre Engagement 180 Millionen Euro erhalten.
Während dieser Länderspieltage im September sind noch einmal alle Facetten der WM in Katar präsent, die die Debatten der letzten Jahre geprägt haben. Wie in einem Kaleidoskop haben sie sich immer wieder zu unterschiedlichen Mustern zusammengesetzt, einmal stand dieser, einmal jener Aspekt im Vordergrund. Aber alles kommt zusammen auf 11.500 Quadratkilometern am Persischen Golf. Die WM in Katar verdichtet das Elend des modernen Fußballs wie kein anderes Ereignis. Alles wird darin sichtbar: Spieler, Funktionäre und Politiker, die instrumentalisieren und bestechen und sich instrumentalisieren und bestechen lassen. Staaten, die den Sport nutzen, um ihre autoritären Systeme zu schützen und zu bewerben. Die Kluft zwischen Europa und dem Rest der Welt, zwischen Norden und Süden, Osten und Westen. Die über Jahrzehnte konservierte patriarchale Macht der Verbände. Die Wachstumslogik internationaler Sportevents, die den Klimawandel weiter befeuert. Reiche Männer, die den Fußball kaufen, etwas weniger reiche, die ihn verkaufen, und arme Männer und Frauen, die den Preis dafür zahlen. Geld, Macht und Fußball. Und mittendrin eine Organisation, die diesen Dreiklang zu ihrem Geschäftsmodell erkoren hat: die FIFA.