Der Bus für die internationalen Medienleute ist mit großer Verspätung von Abidjan losgefahren. Nach sechs Stunden Fahrt erreichen wir Bouaké, die zweitgrößte Stadt des Landes. Das Begleitfahrzeug mit schwer bewaffneten Gendarmen versucht, die richtige Zufahrt zu finden, der Bus bahnt sich den Weg durch gut gelaunte Fans. Das Spiel Algerien – Burkina Faso hat schon begonnen und beim Medieneingang angekommen, heißt es, wir seien zu spät, wir dürften nicht auf die Medientribüne. Nicht nur der südafrikanische Fotograf, der für Associated Press arbeitet, wirkt unlocker: „Why is CAF doing this to us?“
Erst Minuten vor Ende der ersten Halbzeit gelangen wir ins Stadion. Auf den Rängen dominieren die Farben von Burkina Faso. Die Stimmung ist fantastisch. Das Stade de la Paix ist mit 33.000 Fans annähernd voll, eine Rarität beim Afrika-Cup, wenn nicht gerade das Gastgeberteam spielt. Ein Grund dafür ist die große burkinische Community im Land. In der wirtschaftlichen Blütezeit von Côte d’Ivoire bis Ende der 1970er Jahre zog es viele Menschen aus den Nachbarländern Burkina Faso und Mali in den wohlhabenden Süden.
Remis im Stadion des Friedens
Noch vor der Pause spielt Leverkusens Edmond Tapsoba von links einen Traumpass in den Strafraum, den Mohamed Konate (Achmat Grosny) spektakulär mit dem Kopf zum 1:0 verwertet. Der Lärmpegel erreicht nun einen Höchstwert. Das Spiel endet 2:2, nachdem Algerien spät in der Nachspielzeit noch ausgleichen konnte. In Bouaké hat es nicht immer solche ausgelassenen Fußballfeste gegeben. Mit Beginn des Bürgerkriegs im September 2002 machten Rebellen die Stadt zum Leidwesen vieler Einwohner zu ihrer Hauptstadt. Das Land war gespalten in den regierungsdominierten Süden und den Norden, in dem die Rebellen der „Nouvelles Forces“ das Sagen hatten, dazwischen ein paar UN-Blauhelme und Franzosen. Ein Auslöser war ein Wahlgesetz von 2000, das Nachkommen von Immigranten von der politischen Teilhabe ausschloss. In Bouaké, der Heimat der Brüder Kolo und Yaya Touré, nutzen die Rebellen das Stadion für die Ausbildung neuer Kämpfer, der Fußball kam zum Erliegen.
Doch der Fußball spielte auch eine wichtige Rolle im Friedensprozess. Der ivorische Superstar Didier Drogba schaffte es 2007, das Qualifikationsspiel für den Afrika-Cup 2008 gegen Madagaskar nach Bouaké zu verlegen. Côté d’Ivoire gewann 5:0, und im Publikum feierten ehemalige Todfeinde gemeinsam. Seither wird die Arena Stade de la Paix, Stadion des Friedens, genannt. Das letzte Tor schoss Drogba und stieg damit endgültig zum Helden auf. Der Konflikt flammte später noch mal auf, seit 2011 herrscht aber Frieden.
Zurück in die Gegenwart: Nach einer unfreiwillig aufregenden nächtlichen Herbergssuche gemeinsam mit dem dänischen Freelancer und Entwicklungsforscher Buster Kirchner treffen wir am Tag nach dem Spiel den Volunteer Marius Benihoi, der gerade sein Doktorat in britischer Literatur macht. Er lebte während des Bürgerkriegs in Bouaké und sagt: „Diese Feiern zum Afrika-Cup in der Stadt sind ein Heilungsprozess, die Leute vergessen allmählich. Sie leben heute ein neues Leben, in Versöhnung.“ An einigen Gebäuden, sagt er, seien noch Einschusslöcher zu sehen. Am modernistischen Ran-Hotel hat die laufende Renovierung durch das Kulturministerium aber die Wunden der Vergangenheit zum Verschwinden gebracht.
Organisatorischer Erfolg
Beim Turnier vor zwei Jahren in Kamerun kam es beim Viertelfinale zwischen Kamerun und den Komoren aufgrund von Sicherheitsmängel zu einer Tragödie, beim Öffnen eines Tors starben acht Menschen im Gedränge vor dem Olembé-Stadion in Yaoundé.
Damit sich Ähnliches nicht wiederholt, sind heuer rund 17.000 Soldaten und Polizisten sowie 2.500 Stadionmitarbeiter im Einsatz. Der ivorische Staat hat eine Milliarde Dollar in die Erneuerung der Infrastruktur investiert, ein Großteil davon in den Straßen- und Stadionbau, allein das nach dem Präsidenten Alassane Ouattara benannte Finalstadion außerhalb von Abidjan hat laut The Athletic 330 Millionen Dollar gekostet. Erbaut wurde es von der Beijing Construction Engineering Group im Zuge einer langjährigen Kooperation mit China.
Ein Freundschaftsspiel gegen Mali im September 2023 brachte die lokalen Organisatoren in Verlegenheit. Sintflutartige Regenfälle überschwemmten das Feld, das Spiel wurde in der Halbzeit abgebrochen, das Prestigeprojekt geriet zur Lachnummer. Der Skandal erzürnte Präsident Ouattara und kostete Sportminister Claude Paulin Danho den Job. Auch die Entlassung des Premierministers Patrick Achi im Oktober soll mit dem Vorfall in Zusammenhang stehen.
Inzwischen läuft das Turnier seit elf Tagen, und das Aufatmen bei den lokalen Organisatoren und bei der CAF ist deutlich zu spüren. Anfänglich gab es Probleme mit dem Ticketing, da Eintrittskarten nur online angeboten wurden, inzwischen sind aber etliche Verkaufsstände eingerichtet und mehr Fans in den Stadien, zumindest in jenen, die gut erreichbar sind. Die Einlasskontrollen verlaufen effektiv und ohne viel Drama.
Ein Glückfall ist auch ein Gastgeber, in dem Fußball von der Mehrheit der Menschen zelebriert wird. Sie freuen sich, das Turnier nach 1984 endlich wieder im befriedeten Land abhalten zu können. In den Städten sind Kreisverkehre mit überdimensionierten Plastikstoßzähnen geschmückt, öffentliche Plätze und Gebäude werden in den Landesfarben Orange, Weiß und Grün erleuchtet, überall in den Straßen, Restaurants und an Verkaufsständen sind die ivorischen Farben und Flaggen zu sehen. Neben den großen Public Viewings gibt es unzählige informelle, scheinbar jedes Lokal und viele Shops stellen TV-Geräte zum Übertragen der Spiele auf. Auch der Taxifahrer, der mich am zweiten Tag zum Flughafen bringt, um mein verlorenes Gepäck abzuholen, heißt mich willkommen, er schwärmt „Afrique est bien!“, Afrika ist gut!
Sportliche Not
Weniger glatt läuft es für Côte d’Ivoire spielerisch auf dem neu verlegten Rasen des 60.000er-Stadions in Epimbé. Nach dem Auftaktsieg gegen Guinea-Bissau folgte eine 0:1 Niederlage gegen Nigeria. Im letzten Gruppenspiel setzte es eine 0:4 Pleite gegen Äquatorial-Guinea, den Semifinalisten des Turniers von 2015. „Wir haben einen Albtraum durchlebt“, sagte der französische Trainer der Ivorer, Jean-Louis Gasset. Die Qualifikation als einer der besten Gruppendritten ist aber immer noch möglich. Nach dem Abdanken der Goldenen Genration um Didier Drogba, die Touré-Brüder, Didier Zokora, Emmanuel Eboué, Cheick Tioté und Gervinho, die 2015 den Titel holte, scheint das Team nach wie vor in einer Findungsphase.
Am Rasen wird schon in der Vorrunde Spektakel geboten. Waren in Kamerun 2022 bis zum entsprechenden Zeitpunkt – zwei Gruppen haben den dritten Spieltag abgeschlossen – nur 48 Tore gefallen, sind es hier schon 78. Der Fußball entwickelt sich weiter, Underdogteams wie Kap Verde, Mozambique und Tansania spielen offensiver, ein 0:0 gab es noch nicht. Die oft bleiernen Spiele vergangener Afrika Cups – öfter unter Beteiligung nordafrikanischer Teams – scheinen vorbei zu sein. Vielleicht auch dank des 2019 eingeführten Turniermodus mit 24 Teilnehmern, der mehr Risiko erlaubt. Denn aus sechs Gruppen kommen auch die besten vier Gruppendritten weiter. Davon könnte auch der Gastgeber profitieren.
Heute stehen für mich in Yamoussoukro die Matches Guinea gegen Senegal und Angola gegen Burkina Faso auf dem Programm, morgen geht es zurück nach Abidjan mit dem Plan, die Akademie des erfolgreichsten ivorischen Vereins ASEC Mimosas zu besuchen. Am Samstag, 27. Jänner, starten die Achtelfinalbegegnungen.
Yamoussoukro, 23. Jänner 2024