Beim Afrika Cup sieht Kurt Wachter einen Favoriten nach dem anderen ausscheiden - doch der Gastgeber ist bei allen Schwächen noch dabei. In Abidjan trifft unser Korrespondent zudem Jean-Marc Guillou, der die Entwicklung von Akademien in Afrika mitgeprägt hat, und spricht mit ihm über Ausbildung und Ausbeutung.
Dieser Afrika-Cup ist unterhaltsam wie schon lange nicht mehr. Und er steckt voller Dramen und Überraschungen. Nach Ägypten 2010 ist kein Titelverteidiger mehr über das Achtelfinale hinausgekommen. Heuer war für Senegal, die vor zwei Jahren in Kamerun erstmals den Titel holten, gegen den bislang schwachen Gastgeber Schluss. Nach dem 0:4 gegen Äquatorialguinea entließ Côte d’Ivoire den Trainer und rutschte glücklich als Gruppendritter in die K.-o.-Phase. Schon beim Ausgleich zum 1:1 durch einen Elfer des eingewechselten Franck Kessie gab es beim Public Viewing in Treichville, einem Stadtteil Abidjans, kein Halten mehr. Als das Team schließlich das Elferschießen für sich entschied, wurden überall Feuerwerke gezündet, die Euphorie schien grenzenlos.
Der Gastgeber erlebte im Stadion von Yamoussoukro, der bizarren Hauptstadt mit der größten katholischen Kirche der Welt, eine wahre Auferstehung und gehört jetzt wieder zu den ernsthaften Titelanwärtern. Doch nicht nur das passive Senegal erwischte es im Achtelfinale, sondern auch die hochfavorisierten Marokkaner, die bei der WM in Katar noch sensationell im Halbfinale standen. Südafrika reichte eine eingespielte Teamleistung, um Marokko mit 2:0 zu verabschieden. Schließlich musste auch der siebenfache Champion Ägypten die Koffer packen. Die DR Kongo war gegen ein alterndes Team ohne Mohammed Salah agiler und setzte sich nach einem 1:1 ebenfalls im Elfmeterschießen durch. Omar Marmoush von Eintracht Frankfurt saß zunächst nur auf der Bank. Seit Tagen renne ich einem Interview mit ihm hinterher. Der Medienbeauftragte des ägyptischen Verbands, Mister Mourad, verspricht mir am Tag vor dem Achtelfinale: „Wenn wir gewinnen, werden wir am Montag nach Abidjan zurückkommen, dann können wir das Interview machen.“ So weit kommt es nicht. Dass Ägypten ausscheidet, ärgert mich also. Im Fußball und erst recht in Westafrika darf man seine Pläne nie zu rigide fassen.
Ausflug ins Ebimbe-Stadion
Was aber jedenfalls auf meinem Plan steht, ist ein Spiel im Finalstadion. Mit Baukosten von umgerechnet 248,5 Millionen Euro ist das Stade Olympique Alassane Ouattara d’Ébimbé das Prunkstück des ambitionierten Gastgeberlandes. So mache ich mich auf den Weg ins 25 Kilometer vom Zentrum Abidjans entfernte Stadion, das Achtelfinale Äquatorial-Guinea gegen Guinea steht auf dem Spielplan, kein Klassiker, aber die Aussicht auf ein Spiel mit weniger Hektik drumherum. Im Taxi geht es Richtung Norden zuerst durch das grüne und reiche Cocody, dann durch das weniger reiche Yopougon, den Stadtteil, in dem Didier Drogba aufgewachsen ist. Schon weit vor dem Stadion beginnt der Stau, dann dürfen nur mehr Busse weiterfahren, und ich steige auf ein Motorradtaxi um. Der junge Fahrer will noch einen zweiten Fahrgast mitnehmen, doch ich protestiere erfolgreich, dann ist aber auch für „Motos“ Schluss. Ich bewege mich im Strom der vorwiegend guineischen Fans weiter und erblicke erstmals die imposante Arena in der offenen Landschaft. Ich treffe Moussa Bamba aus Abidjan, er arbeitet für das Parlament und wird die Medienkonferenz auf Arabisch übersetzen. Wir finden rasch den Eingang für die Medienleute, ich erhalte sogar noch eine Zutrittskarte für die Pressekonferenz nach dem Spiel. Als ich mich auf der weit oben gelegenen Pressetribüne niederlasse, hat das Match schon begonnen. Und die Kulisse ist für ein solches Spiel ist beindruckend.
Das riesige Oval mit einer Kapazität von 60.000 ist mit offiziell 36.340 Fans erstaunlich gut gefüllt. Begleitet von einer Brassband legt sich die organsierte Fanabordnung Guineas ins Zeug, nicht minder organsiert ist die Choreografie der rot gewandeten Äquatorial-Guinea-Fans, die das ganze Spiel durch tanzen. Auf dem Rasen agieren beide Teams zunächst verhalten. Die Temperaturen sind am späten Nachmittag dank des trockenen Harmattan-Winds aus der Sahara durchwegs erträglich. Das Überraschungsteam aus Äquatorial-Guinea hat die Gruppe vor Nigeria gewonnen, nach dem 4:0-Sieg gegen den Gastgeber erklärte Autokrat Teodoro Obiang Nguema den Tag darauf zum staatlichen Feiertag. Herz des Teams aus Nicht-Stars ist der 34-jährige Kapitän Emilo Nsue, er hat 2011 noch mit Spanien die U21-EM gewonnen, spielt aber wie 15 weitere in Spanien geborene Spieler für Äquatorialguinea.
Nach der Roten Karte für Federico Bikoro und der Einwechslung des Stuttgarters Serhou Guirassy ist das Momentum in der zweiten Halbzeit aufseiten Guineas. Nach einem Foul greift der VAR – wie so oft bei dem Turnier – ein: Elfmeter für Äquatorialguinea in der 68. Minute. Der mit fünf Toren führende der Torschützenliste, Nsue, tritt an und schießt den Ball an den rechten Außenpfosten. Das Spiel endet mit einem dramatischen Kopfballtreffer von Mohamed Bayo in der achten Minute der Nachspielzeit. Guinea trifft im Viertelfinale auf die Demokratische Republik Kongo.
Kurt Wachter arbeitet für die fairplay Initiative in Wien und berichtet für den ballesterer aus Côte d’Ivoire vom Afrika-Cup 20204. Mehr über die Geschichte des Turniers lest ihr in unserem (Link ->) Schwerpunkt von 2019. Kurt hört ihr auch in dieser Folge des ballesterer podcast. Videos und Fotos findet ihr auf unserer Instagram-Seite.
Die Abfahrt zurück ins Zentrum verläuft etwas weniger glatt als erhofft. Die vielen Journalisten – und im Vergleich zu früheren Turnieren sichtbar mehr Journalistinnen – stürmen förmlich zu den bereitgestellten Medienbussen. Niemand will spät am Abend die Rückfahrt ins Medienzentrum in Treichville verpassen. Eine unnötige Drängerei ist die Folge. Folgenschwerer verlief die Fahrt des offiziellen Medienbusses vor einigen Tagen von Yamoussoukro zurück nach Abidjan. Nach dem Spiel Senegal – Guinea kollidierte er um zwei Uhr in der Früh mit einer Wand eines Lagerhauses. Am schwersten wurde der Busfahrer verletzt. Alex Cizmic, der den afrikanischen Fußballblog Kura Tawila betreibt, und andere Kolleg*innen kamen mit Knochenbrüchen und Prellungen davon. Meine Entscheidung, nach dem Spiel in Yamoussoukro zu bleiben und nicht in den Bus zu steigen, war also eine glückliche.
Von Ausildung und Ausbeutung
Themenwechsel: Wer sich mit afrikanischem Fußball beschäftigt hat, stößt unweigerlich auf Jean-Marc Guillou und seine Akademien. Der ehemalige französische Teamspieler und spätere Trainer, den alle nur JMG nennen, ging 1993 als Sportdirektor zu ASEC Mimosas, dem erfolgreichsten Verein in Côte d’Ivoire. 1994 gründete er die ASEC-Jugendakademie in Sol Béni, Abidjan.
Über einen belgischen Spieleragenten erhalte ich den Kontakt zum Adoptivsohn von Jean-Marc Guillou. Der arrangiert ein Treffen mit JMG in seinem noblen Domizil im Stadtteil Riveria-Golf, gleich hinter der US-amerikanischen Botschaft. Der 78-Jährige sitzt entspannt auf seinem Designersofa, sein Sohn Jonathan übersetzt meine Fragen ins Französische. Auf die Frage, was ihn bewegt hat, eine Karriere als Trainer in Europa – bei OGC Nice, Neuchâtel Xamax und der AS Cannes – aufzugeben und nach Westafrika zu gehen, sagt er:
„Nun, einfach die Tatsache, dass es hier möglich war, Dinge zu tun, die in Europa fast undenkbar waren. Wollte man damals in Europa Kinder ausbilden, waren sie zehn oder elf Stunden in der Schule, das war schwierig. Hier in Afrika ist es viel einfacher gewesen. Es gab viele gute junge Spieler, die gar nicht zur Schule gingen, also konnten wir sie dazu bringen, zur Schule zu gehen und gleichzeitig Fußball zu spielen. Wir mussten Pädagogen finden und haben begonnen, mit jungen talentierten Leuten zu arbeiten.“
Die Erfolge seiner Methode wurden bald sichtbar. Beim CAF-Super-Cup 1999 zwischen ASEC Mimosas und Espérance de Tunisie war JMG Trainer von ASEC und entschied sich, eine Mannschaft aus Akademie-Teenagern antreten zu lassen. Mit dabei Kolo Touré, Aruna Dindane und Didier Zokora, der Älteste war der 19-jährige Tormann Boubacar Copa. Das Spiel in Abidjan endete sensationell mit 3:1. Ab 2001 war Guillou Sportdirektor beim belgischen Erstligisten KSK Beveren und setzte erneut auf seine Akademiespieler. Über seinen Freund Arsene Wenger landeten Talente wie Emmanuel Eboué und Gervinho bei Arsenal. Der vierfache afrikanischer Fußballer des Jahres, Yaya Touré, machte bei Barcelona und Manchester City Karriere. Bei der WM 2006 wurden von den 23 Spieler nicht weniger als 11 in der Academie de Sol Béni ausgebildet. Später gründete Guillou Akademien auf der halben Welt, von Bamako in Mali über Nordafrika bis Madagaskar und Vietnam. Die Akademie von JMG wurde zum vielkopierten Prototyp von mittlerweile hunderten Fußballakademien in Sub-Sahara-Afrika.
„Wir hatten viele Transfers mit Red Bull Salzburg, weil sie unsere Spieler gut fanden. Die Verhandlungen waren immer sehr klar definiert. Außerdem spielt Liefering in der zweiten Liga. Das ist gut so, denn unsere Spieler können sich dort eingewöhnen.“
Jean-Marc Guillou, Akademieleiter
Die Akademie JMG Bamako fungiert auch als eine Art Werkbank für Red Bull Salzburg. Die Liste von malischen Spielern, die nach Salzburg transferiert wurden, ist beachtlich: Amadou Haidara, Diadie Samassekou, Mohamed Camara, Nene Dorgeles, Douda Guindo, Sekou Koita, Youba Diarra, Mamady Diambou, Mamadou Sangare oder Ousmane Diakite.
Jean-Marc Guillou weiß die Arbeit von Red Bull zu schätzen. „Wir hatten viele Transfers mit Salzburg, weil sie unsere Spieler gut fanden“, sagt er. „Die Verhandlungen, die wir geführt haben, waren immer sehr klar definiert. Außerdem spielt Liefering in der zweiten Liga. Das ist gut so, denn unsere Spieler gehen zunächst nach Liefering und können sich dort eingewöhnen.“ Alle zwei Jahre organsiert Guillou in Bamako eine zweiwöchige Sichtung ihrer besten Spieler, bei der RB Salzburg exklusiv eingeladen ist, um Talente zu finden. „Die nächste Promoaktion beginnt Mitte März. Wir zeigen ihnen Spieler, die sich bei der U17-WM im Dezember hervorgetan haben, Spieler wie Hamidou Makalou. Durch diese Aktion können sie die Talente vor allen anderen sehen, sie können sich ein oder zwei Spieler aussuchen, und der Jugendliche wird dann in Salzburg trainieren und spielen.“
Mit dem Aufschwung des afrikanischen Fußballs in den europäischen Ligen nach dem Viertelfinaleinzug Kameruns bei der WM 1990 wurden auch die Schattenseiten der Migration junger, westafrikanischer Spieler nach Europa sichtbar. Jean-Marc Guillou galt damals als Menschenhändler, der sich am Handel mit Jugendlichen bereichert. Ich frage ihn danach.
„Ich werde oft wie ein Sklavenhändler behandelt. Es besteht jedoch ein grundlegender Unterschied zwischen der Ausbeutung von Talenten und der Ausbildung von Talenten. Der Ausbeuter ist jemand, der noch nie etwas getan hat. Er tritt auf als Agent, der Spiele beobachtet. Dann nimmt er einen Spieler, weil er findet, dass er gut ist, dann trifft er die Eltern und zahlt ihnen 1.000 Euro. Er hat nichts für den Spieler getan, er benimmt sich wie en Hausbesetzer. Ein Erzieher aber ist jemand, der junge Menschen ausbildet und ihm Chancen eröffnet, das ist der Unterschied.“
Beim Smalltalk will ich dann noch erfahren, was er vom ivorischen Jungstar Karim Konaté von Red Bull Salzburg hält. Die knappe Antwort: „Ich kann nicht alle Spieler kennen.“
Jetzt heißt es für mich das das freundliche und fußballbegeisterte Land und den Afrika-Cup zu verlassen und nach Ghana zu fahren. In Accra gibt es spannende Fußballprojekte. Eine reporterische Niederlage muss ich noch berichten: Sturm-Spieler Bryan Teixeira ist mir zweimal in der Mixed Zone entwischt, beim Sieg über Mosambik und nach dem 1:0 von Kap Verde gegen ein starkes Mauretanien. Beim Viertelfinale Kap-Verde gegen Südafrika bin ich nicht mehr dabei, es bietet sich also keine dritte Chance mehr.
Abidjan, 31. Jänner 2024
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