Es ist einer der typischen Märzsonntage in Venedig. Horden von Touristen aus dem In- und Ausland schieben sich bei feuchtem Wetter durch die Stadt. Dem, was sich am Nachmittag auf der Insel Sant’ Elena, eine halbe Stunde vom Markusplatz entfernt, abspielt, schenken sie keine Aufmerksamkeit. Dort empfängt der Venezia FC im Stadio Comunale Pier Luigi Penzo die Mannschaft der Polisportiva aus Tamai, einem Dorf mit 2.500 Einwohnern in der Nähe von Pordenone. Obwohl Venezia in der Vorwoche durch den Sieg im Spitzenspiel gegen Campodarsego die Tabellenführung in der Regionalgruppe C der vierten Liga übernommen hat, gesellen sich nur wenige zahlende Zuschauer zu den immerhin 786 Abonnenten. Am Ende kratzt die Besucherzahl an der 1.000er-Marke. „Das Stadion ist schwer zu erreichen“, sagt Dante Scibilia auf der Terrasse der schon etwas in die Jahre gekommenen Haupttribüne. „Für viele Fans ist es sicher bequemer, ein Spiel in Udine, Vicenza oder Verona anzuschauen, als mit dem Schiff nach Sant’ Elena zu kommen.“ Scibilia ist seit Sommer 2014 Klubmanager beim Verein, also länger als es den Klub offiziell gibt. Denn im Juli 2015 wurde er neu gegründet, zum dritten Mal seit 2005. Jetzt soll wieder einmal alles besser werden – sportlich und mit einem neuen Stadion.
Die Komödie der Irrungen
Die turbulente Geschichte des Fußballs in Venedig beginnt vor fast 30 Jahren. Im Sommer 1987 erwirbt der Unternehmer Maurizio Zamparini die Viertligisten AC Venezia und AC Mestre. Über alle Widerstände hinweg fusioniert er den Cupsieger von 1941 mit dem benachbarten Lokalrivalen vom Festland. Der neue Klub heißt offiziell AC Venezia, wird vom Großteil der Fans aber lediglich als Venezia-Mestre akzeptiert. Die Vereinsfarben sind offiziell Schwarz-Grün für Venezia und Orange für Mestre. Die Heimat des Vereins ist zunächst das Stadio Francesco Baracca in Mestre, während das Stadio Penzo in Venedig saniert wird. 1991 gelingt der Aufstieg in die Serie B, der Verein kehrt nach Sant’ Elena zurück. Sieben Jahre später folgt der Aufstieg in die Serie A – zum ersten Mal seit 1967. Die Fans strömen ins Stadion, in der ersten Serie-A-Saison steigt der Zuschauerschnitt über 10.000. Die Curva Sud erarbeitet sich mit ihrer Kreativität landesweite Bekanntheit, eine Choreografie der „Ultras Unione 1987“ wird von Tifo, dem bekanntesten Verkäufer von Choreomaterial, sogar preisgekrönt.
Mit Spielern wie Alvaro Recoba, Filippo Maniero und Massimo Taibi kann Venezia-Mestre zwei Jahre die Klasse halten. Nach dem Abstieg gelingt unter dem späteren Teamchef Cesare Prandelli auf der Bank der direkte Wiederaufstieg in die Serie A. Doch nach einer katastrophalen Saison, in deren Verlauf Zamparini drei Trainer verschleißt, muss der Verein 2002 neuerlich in die zweite Liga. Dem Präsidenten reicht es, er verkauft den Klub. Auch weil er seine langjährigen Pläne für den Bau eines Stadions in der Nähe des Flughafens Marco Polo nie verwirklichen konnte – vergeblich hat er sich um öffentliche Subventionen bemüht. Zamparini sucht sich einen neuen Verein, die US Palermo. Einige Spieler wie Stürmer Maniero, mit denen er Privatverträge hat, nimmt er mit. Zurück bleibt eine hochverschuldete AC Venezia, der die halbe Mannschaft abhandengekommen ist.
Der Sturm
Der Verein kann sich mehr schlecht als recht über Wasser halten und steigt nach zwei Saisonen in die dritte Liga ab. Ein Jahr später, im Juni 2005, meldet er Konkurs an. Der Nachfolgeverein SSC Venezia wird eine Spielklasse rückversetzt, schafft aber gleich im ersten Jahr den Aufstieg. Im Sommer 2009 folgt der nächste Bankrott. Mithilfe der Gemeinde gelingt die Neugründung als FBC Unione Venezia, die ebenfalls in der vierten Liga neu starten muss. Im Februar 2011 wird der Klub schließlich von einer russischen Unternehmensgruppe aus dem Gazprom-Umfeld übernommen. Juri Korablin, früherer Bürgermeister der Stadt Chimki in der Nähe Moskaus und Präsident des dortigen Basketball- und Fußballvereins, wird neuer Eigentümer. Er hat große Pläne. Von der Verwirklichung des alten Stadionprojekts und der Rückkehr in die Serie A ist die Rede.
Am 6. Juli 2015 ist davon nichts mehr zu hören, dafür umso lauter die Spieler des Vereins. Seit Februar 2015 haben sie und die restlichen Angestellten des Klubs keine Gehälter mehr bekommen. In einem offenen Brief wenden sie sich an ihren Präsidenten, der sich zuvor wochenlang nicht blicken lassen hat. „Die Kommunikation war auch vorher nicht einfach“, sagt Manager Scibilia, der den Verein plötzlich de facto leitet und sich durch sein Engagement den Respekt der Fans verdient. „Bevor Korablin in die Politik gegangen ist und seine Liebe für den Sport entdeckt hat, war er Offizier in der russischen Armee. Er war immer zurückhaltend und distanziert.“ Ein Teil der ausstehenden Gehälter wird zwar wenig später beglichen, der Verein erhält dennoch vorerst keine Zulassung zum Spielbetrieb 2015/16.
Ein Sommernachtstraum
Im Juli 2015 werden die russischen Eigentümer von Amerikanern abgelöst, der insolvente Verein unter dem Namen Venezia Football Club neu gegründet. Joe Tacopina, Anwalt aus New York, der vorher schon sein Glück als Teilhaber bei der AS Roma und in Bologna gesucht hat, wird Präsident. Seitdem wehen Stars and Stripes neben der Fahne der Serenissima über dem Stadion.
Venezia startet abermals in der vierten Liga. Wie seine Vorgänger hat auch der Italoamerikaner Tacopina Großes vor. Auf der ersten Pressekonferenz nahe der Rialto-Brücke ist von einer rasch angepeilten Rückkehr in die Serie A, von einem neuen Stadion und Tourneen in Amerika und Asien die Rede. Auf die Frage der anwesenden Journalisten, warum er ausgerechnet hier einen neuen Verein hochziehen will, sagt er: „Die Stadt hat ein enormes Potenzial. Viele Unternehmer sind bereit, mich bei der Entwicklung des neuen Vereins und bei der Verwirklichung des Stadionprojekts zu unterstützen.“
„Er ist ein Macher“, sagt Klubmanager Scibilia über seinen neuen Chef. „Wir verfolgen zwei große Ziele. Zum einen den stetigen sportlichen Aufstieg, parallel dazu müssen wir die Stadionpläne voranbringen.“ Das Projekt Venezia FC steht und fällt abermals mit der Stadionfrage. Doch warum soll gerade hier gelingen, was selbst viel größeren Vereinen wie Milan, Inter und Roma trotz großer Bemühungen nicht gelungen ist? „Wir haben den Vorteil, dass Venedig und die umliegenden Strände ein immenser Tourismusmagnet sind“, sagt Scibilia. „Jedes Jahr besuchen uns 30 bis 35 Millionen Touristen. Wir müssen auch dieses Publikum erreichen.“ Zu diesem Zweck ist der Verein bereits eine Kooperation mit der lokalen Hoteliervereinigung eingegangen. Die Hotels sollen Werbebroschüren auflegen und Karten direkt verkaufen, zudem sollen Fanshops in der Altstadt die Sichtbarkeit des Vereins erhöhen. „Es reicht heutzutage nicht mehr, ein Stadion hinzustellen und dort alle zwei Wochen ein Match auszutragen“, sagt Scibilia. „Das neue Projekt geht klar in Richtung Entertainment. Wir müssen eine ständige Kundenfrequenz erreichen – durch Unterhaltung, Hotellerie und Restaurants.“
Ende gut, alles gut?
Entstehen dürfte das neue Stadion frühestens in drei Jahren, einen Wunschort gibt es auch schon. Im Vorort Tessera in der Nähe des Flughafens Marco Polo. Umwidmungspläne der Gemeinde liegen bereits vor, konkrete Finanzierungspläne allerdings noch nicht. Dante Scibilia hofft auf die Unterstützung der Politik: „Die Behörden haben erkannt, dass eine Multifunktionsarena der ganzen Region hilft. Es geht um zahlreiche Arbeitsplätze und höhere Steuereinnahmen. Wir erwarten uns keine Finanzierung durch die öffentliche Hand, aber eine Hilfestellung.“ Dabei könnte der 2015 neu gewählte Bürgermeister Luigi Brugnaro ein wichtiger Unterstützer werden, schließlich ist der Industrielle nebenbei Präsident des Basketballteams Reyer Venezia Mestre und seit Jahren auf der Suche nach einer Sporthalle für sein Team.
Während die Funktionäre den Verein voll auf Kurs sehen, sind viele Fans weniger euphorisch. Jeder, den man beim Spiel gegen Tamai auf die großen Ziele anspricht, gibt sich skeptisch. Die Geschichte vom neuen Stadion haben alle hier schon zu oft gehört. Immerhin kann Venezia die Partie 2:0 gewinnen. Da Titelkonkurrent Campodarsego nur unentschieden spielt, liegt Venezia nun fünf Punkte voran. Ein Vorsprung, den der Verein in den nächsten Wochen weiter ausbauen wird. Am Ende der Saison qualifiziert er sich als überlegener Meister seiner Regionalgruppe direkt für die Lega Pro. Dort trifft er nächste Saison auf Gegner mit einer ähnlich turbulenten Vergangenheit wie Parma und Piacenza. Für Präsident Tacopina kein Grund, seine Versprechen etwas leiser zu formulieren. Bei der Vorstellung des neuen Trainers, Ex-Milan-Stürmer Filippo Inzaghi, sagte er: „Wir wollen sofort weiter aufsteigen.“