El-Hadji Diouf bricht über die linke Seite durch, sein Stanglpass gelangt über Umwege und Frankreichs Tormann Fabien Barthez zu Papa Bouba Diop, der im Sitzen das 1:0 schießt. Senegal, bis 1960 noch französische Kolonie, besiegt bei seinem WM-Debüt den amtierenden Weltmeister Frankreich. Die Fernsehbilder des Torjubels der Spieler bei der Eckfahne gehen um die Welt. Der Sieg im ersten Spiel der WM 2002 in Japan und Südkorea ist bis heute einer der größten Momente der senegalesischen Fußballgeschichte.
In Gedanken beim Teamchef
Einer, der beim Sieg gegen die ehemalige Kolonialmacht dabei war und sein Team als Kapitän anschließend sogar bis ins Viertelfinale führte, war der defensive Mittelfeldspieler Aliou Cisse. Er sitzt seit sieben Jahren als Teamchef auf der Bank – und verantwortete zu Jahresbeginn den nächsten großen Moment der senegalesischen Fußballgeschichte. Auf dem Platz dafür zuständig war Stürmer Sadio Mane. 2002 war er zehn Jahre alt, heute ist er mit 33 Treffern Rekordtorschütze seines Teams. Dabei scheint sein wichtigstes Tor gar nicht in dieser Statistik auf. Mane erzielte es am 6. Februar 2022 nach 120 torlosen Minuten im Afrika-Cup-Finale gegen Ägypten. Mane hätte sich und seiner Mannschaft an diesem Abend im kamerunischen Yaounde einigen Nervenkitzel erspart, wenn er schon gut zwei Stunden vorher den nach einem Foul fälligen Elfmeter im Spiel verwandelt hätte, doch er scheiterte an Tormann Gabaski. Davon zeigte er sich aber unbeeindruckt, als er beim Stand von 3:2 für seine Mannschaft als letzter Schütze auf den Elfmeterpunkt zulief. Mane schoss wuchtig ins linke Eck, Gabaski hatte keine Chance, Senegal war erstmals Afrika-Cup-Sieger. „Das beweist die mentale Stärke dieser Generation“, sagte Teamchef Cisse nach dem Spiel.
Er bezog sich dabei auf ein ebenfalls 20 Jahre zurückliegendes Ereignis. Damals hatte Senegal das Afrika-Cup-Finale im Februar gegen Kamerun im Elfmeterschießen verloren. Cisse war einer derjenigen Schützen, die verschossen hatten. „Ich widme diese Trophäe Aliou Cisse“, sagte Mane nach dem Sieg über Ägypten. „Als ich den Elfmeter verschossen habe, habe ich sofort an ihn gedacht. Als ich den letzten Elfmeter verwandelt habe, auch.“ Mane wurde anschließend als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet, im Oktober folgte der zweite Platz bei der Wahl zum Ballon d’Or. Zwischen dem Afrika-Cup und der WM lag auch Manes Umzug nach München. Nach sechs Jahren beim Liverpool FC mit dem Gewinn einer Meisterschaft und eines Champions-League-Titels wechselte er im Sommer zum FC Bayern. Unter Julian Nagelsmann kommt der Stürmer oft als falscher Neuner im Zentrum zum Einsatz, seine Lieblingsposition am linken Flügel nimmt er nun nur noch beim Nationalteam ein.
In Cisses 4-3-3 kann Mane seine Stärken als Flügelspieler mit vielen Freiheiten im offensiven Mittelfeld ausspielen. Gemeinsam mit seinem Gegenüber – zumeist Ismaila Sarr von Watford oder Krepin Diatta von Monaco – bildet Sane eine schnelle, trickreiche und torgefährliche Flügelzange. Ihre Vorlagen sollen im Sturmzentrum Boulaye Dia von Salernitana oder Bamba Dieng von Olympique Marseille verwerten.
Sichere Abwehr
So torgefährlich die Offensive auftritt, so stabil präsentiert sich Senegals Defensive. Beim Afrika-Cup kassierte die Mannschaft in sieben Spielen nur zwei Gegentore, die Gruppenphase überstand sie ganz ohne Gegentreffer. Dafür verantwortlich sind Kapitän Kalidou Koulibaly, der im Sommer von Napoli zu Chelsea wechselte, und sein Teamkollege Edouard Mendy. Der Tormann gewann mit den Londonern 2021 die Champions League und wurde zum Welttormann des Jahres gewählt, die Auszeichnung für den besten Goalie des Afrika-Cups holte er im Februar 2022 nach. Neben Koulibaly wird in der Innenverteidigung voraussichtlich Abdou Diallo von RB Leipzig stehen, auch im zentralen Mittelfeld sind mit Cheikhou Kouyate von West Ham, Nampalys Mendy von Leicester City, Pape Gueye von Olympique Marseille und Idrissa Gana Gueye von Everton Spieler mit viel Erfahrung in den europäischen Topligen vertreten.
Trotz des starken Kaders musste Cisses Mannschaft lange um die Teilnahme an der WM in Katar kämpfen, das war auch dem Qualifikationsmodus der CAF geschuldet. Nach einer Gruppenphase mussten die zehn Erstplatzierten ins Play-off, um die fünf WM-Plätze auszuspielen. Die Senegalesen gewannen ihre Gruppe klar vor Togo, Namibia und der Republik Kongo, trafen im Play-off aber keine zwei Monate nach dem Afrika-Cup wieder auf Ägypten. Koulibaly und Co. verloren das Hinspiel 0:1, konnten das Rückspiel im Stade du Senegal in Diamniadio aber 1:0 gewinnen. Wieder stand Sadio Mane als letzter Spieler seiner Mannschaft am Elfmeterpunkt, wieder erzielte er einen Treffer, der in keiner Torstatistik auftaucht, wieder sorgte er für einen großen Moment in der senegalesischen Fußballgeschichte. Dank seines Tors zum 3:1 qualifizierte sich Senegal nach 2002 und 2018 zum dritten Mal für eine WM.
In Katar soll es nun besser laufen als vor vier Jahren in Russland. Damals schied Senegal als bisher einziges Team der Geschichte aufgrund der Fairplay-Wertung aus. Die Mannschaft von Cisse hatte bei ihren drei Spielen zwei Gelbe Karten mehr kassiert als die tor- und punktegleichen Japaner. Heuer rechnet sich das Team bessere Chancen aus. Senegal liegt als beste afrikanische Mannschaft auf dem 18. Platz der FIFA-Weltrangliste, bei der Auslosung erwischte es mit Katar den wohl schwächsten möglichen Gegner aus dem ersten Topf. In der Gruppe A mit dem Gastgeber, Ecuador und den Niederlanden ist der Aufstieg ein realistisches Ziel.