Im April 1978, eineinhalb Monate vor Beginn der WM, hielt Cesar Luis Menotti eine Pressekonferenz ab. Im Anschluss gab der argentinische Teamchef einem Journalisten des staatlichen Auslandsrundfunks ein Interview. Lisandro Raul Cubas, so dessen Name, war zuvor ein gefälschter Presseausweis ausgestellt worden, außerdem hatten ihn seine Auftraggeber noch ordentlich eingekleidet. Cubas war nämlich gar kein Journalist, er war ein Verschwundener und seit über eineinhalb Jahren Geisel der Militärs im Folterzentrum ESMA.
Die Mechanikerschule der Marine, kurz ESMA, im Norden von Buenos Aires liegt keine zwei Kilometer Luftlinie vom Estadio Monumental entfernt, in dem am 1. Juni 1978 das Eröffnungsspiel der WM stattfand und sich Argentinien am 25. Juni zum Weltmeister krönte. Ab dem Putsch der Militärs im März 1976 bis zum Ende der Diktatur im Dezember 1983 befand sich in der ESMA das größte von mehr als 700 mittlerweile bekannten geheimen Internierungszentren. Die Militärs folterten dort mindestens 5.000 Menschen und ermordeten die meisten davon. Viele wurden lebend aus Flugzeugen in den Rio de la Plata geworfen.
Das Teamchefinterview
Manche Gefangene wurden als Teil eines „Rehabilitierungsprogramms“ für Arbeiten herangezogen, was ihre Überlebenschancen steigerte. Cubas musste im Auftrag der Militärs das Bild Argentiniens in der ausländischen Presse analysieren. Später wurde er gezwungen, Meldungen für staatliche Auslandsmedien zu verfassen, die Argentinien entsprechend der Diktion der Junta als „rechtschaffen und human“ darstellten. So kam es auch zum Interview mit Menotti.
„Während des Interviews sind mir tausend Dinge durch den Kopf gegangen“, erzählte Cubas Jahre später dem Fußballmagazin Un Cano. „Soll ich ihm sagen, dass ich ein Verschwundener bin? Soll ich ihm die Namen meiner Mitgefangenen nennen? Wird er mir glauben?“ Letztlich sagte er nichts davon. Seine Angst vor den Militärs war zu groß, das Vertrauen in Menotti zu klein. Tags darauf veröffentlichte die Tageszeitung La Nacion ein Foto von der Pressekonferenz, auf dem Cubas im Kreis anderer Journalisten zu sehen war. „Ich habe mir gedacht, wenn mich jemand auf dem Foto erkennt, würde er zumindest wissen, dass ich noch am Leben bin.“ Als sein Interview mit Menotti erschien, war Cubas schon wieder zurück im Kerker.
Während der WM verstärkten die Militärs die Repression im ganzen Land. In der Provinz Mendoza gründeten sie die Spezialgruppe 78, deren Aufgabe es hätte sein sollen, Anschläge auf das Turnier zu verhindern. Tatsächlich nützte die Gruppe ihre Sonderbefugnisse für Entführungen politischer Gegner. Mindestens elf Personen wurden in den dreieinhalb WM-Wochen von ihr entführt und in geheime Folterzentren gebracht. Landesweit wurden während des Turniers laut offiziellen Zahlen mindestens 50 Personen zum Verschwinden gebracht.
Die Ausflüge
Wenn Argentinien spielte und die Straßen und Lokale voll waren, brachen die Militärs auf, um nach Aktivisten Ausschau zu halten. Dafür nahmen sie häufig einzelne Gefangene mit und erwarteten sich von ihnen, dass sie in der Menge Mitglieder von Widerstandsgruppen identifizieren oder von diesen erkannt und angesprochen würden. Elisa Tokar, Gefangene in der ESMA, beschrieb diese Situation in einem Interview mit dem Institut für Genozidforschung: „Mich haben sie zu einem Abendessen in ein Restaurant mitgenommen. Ich habe schreckliche Angst gehabt, dass mich jemand erkennen würde. Sie hätten keine Sekunde gezögert, die Person sofort zu entführen. Sie hatten ja ihre Waffen dabei.“ Alfredo Ayala nahmen seine Entführer sogar zu zwei WM-Spielen mit, wie er der Zeitung El Imparcial erzählte: „Eines war im Stadion von Velez, das andere im River-Plate-Stadion. Ich habe zu Gott gebetet, dass mich niemand ansprechen würde, denn sie hätten die Person ebenso verschleppt, wie sie es mit mir getan hatten.“
Die Mehrheit der Entführten jedoch war in den Folterzentren von der Außenwelt abgeschottet. Sie verbrachten die gesamte Zeit gefesselt und mit Augenbinde und Kapuze über dem Kopf in ihren Zellen. Es gab daher auch kaum die Möglichkeit des Kontakts zu Mitgefangenen. Viele Überlebende beschreiben diese Isolierung als eine der prägendsten Erfahrungen ihrer Haftzeit, die Resignation, Apathie, Depression und den Verlust des Lebenswillens zur Folge hatte.
Die WM durchbrach für manche diese Monotonie für kurze Zeit. „Zu denjenigen Gefangenen, die 24 Stunden am Tag isoliert waren, gelangte sie in Form der Jubelschreie aus dem Estadio Monumental. So nahe und doch Lichtjahre von der ESMA entfernt“, beschreibt die Überlebende Graciela Daleo ihre Erfahrung auf der Internetplattform Papelitos.
Die WM-Niederlage
Während die Militärs folterten und Gefangene regelmäßig auf Todesflüge schickten, gewährten sie ihren Opfern manchmal, gemeinsam die Spiele Argentiniens vor dem TV-Gerät zu verfolgen. So auch Mario Villani, der während der WM im Folterzentrum „El Banco“ festgehalten wurde. Als Elektrotechniker musste er für die Militärs nicht nur die picana, das gefürchtete elektrische Foltergerät, sondern auch Fernsehapparate aus den geplünderten Häusern ihrer Entführungsopfer reparieren. Zur WM wurde eines der Geräte im Gang neben den Zellen aufgestellt, einige Gefangenen durften die Spiele gefesselt und mit angehobener Augenbinde verfolgen.
„Wir waren nicht dazu verpflichtet, aber wer hätte es gewagt, das Spiel nicht zu schauen?“, schreibt Villani in seinem Buch „Desaparecido“. „Als ich die jubelnde Menschenmenge im Stadion gesehen habe, ist mir klar geworden, dass ich für sie nicht existiere. Ich war aus ihrer Welt verschwunden und sie aus der meinen.“ Während der Matches wurden die Folterungen ausgesetzt, danach gingen sie unvermindert weiter, bei einer Niederlage Argentiniens wie dem 0:1 gegen Italien am 10. Juni sogar mit besonderer Härte.
„Beim Finale gegen die Niederlande haben die Gefangenen den Sieg unseres Landes gefeiert. Ich muss ständig daran denken, dass die meisten von ihnen bereits dem Tode geweiht waren“, schreibt Villani. „Wir haben die Tore Argentiniens bejubelt, ohne zu wissen, ob unser Name nicht der nächste auf der Liste ist.“ Der WM-Titel sorgte bei Folterern wie Gefolterten für Euphorie. „Sogar ich bin der Logik dieser Blase verfallen“, schreibt Graciela Daleo. Doch als ESMA-Einsatzgruppen-Chef Jorge Acosta jubelnd auf die Gefangenen zukam, den Männern die Hand und den Frauen einen Kuss gab, wurde ihr klar: „Wenn sie gewonnen hatten, dann hatten wir verloren.“
Dies ist der dritte Teil unserer Serie zur WM 1978 in Argentinien, hier könnt ihr Teil 1 und Teil 2 lesen.