Der FC Bayern warb lange um Callum Hudson-Odoi. Schon 2018 wollte der deutsche Bundesligist den damals 19-jährigen Engländer verpflichten, 2020 stand eine Leihe angeblich kurz vor dem Abschluss. Klauseln, die unter anderem eine Kaufpflicht bei einer bestimmten Zahl von Einsätzen und eine Ablösesumme von rund 75 Millionen Euro vorsahen, sollen der Grund für das Scheitern gewesen sein. Flügelspieler Hudson-Odoi blieb bei Chelsea, setzte sich nicht durch, wurde 2022 zu Bayer Leverkusen verliehen und saß viel auf der Ersatzbank. „Wirklich traurig über den geplatzten Deal dürfte in München heute wohl allerdings auch niemand sein“, schrieb Sky damals. Als Hudson-Odoi nach London zurückkehrte, galt er schon fast als gescheitertes Talent. Um 3,5 Millionen Euro wechselte er im Sommer 2023 zu Ligakonkurrent Nottingham Forest, das dem Abstieg nur mit Mühe entgangen war. Seither hat er 13 Tore geschossen und vier vorbereitet.
Retroduelle
Hudson-Odois Karriereknick nach oben ist nur eine der unerwarteten Entwicklungen, die Nottingham Forest dorthin gebracht haben, wo der Klub Ende März steht und womöglich bis zum Saisonende bleiben wird: auf einem Champions-League-Platz. Dabei spielte der Klub vor dem Aufstieg in die Premier League 2022 letztmals 1999 erstklassig und im Europacup zuletzt vor fast 30 Jahren. Im Frühjahr 1996 scheiterte er im Viertelfinale des UEFA-Cup am FC Bayern. Titelgewinne liegen noch länger zurück, sie sind vor allem mit einem Namen verbunden: Trainer Brian Clough, der am 21. März 90 Jahre alt geworden wäre. 1978 wurde Forest unter ihm Meister, 1979 und 1980 gewann der Klub den Landesmeistercup.
Mit „The 1970s are back“ betitelte das Fußballmagazin When Saturday Comes das Cover seiner März-Ausgabe. Es zeigt die Forest-Spieler Taiwo Awoniyi, Anthony Elanga und Neco Williams mit jeweils einer erklärenden Sprechblase: „Politische Unruhen weltweit“, „Sinkende Lebensstandards“ und „Forest wieder ein Topteam“. Im dazugehörigen Artikel analysiert Autor und Forest-Fan Richard Harrison den Erfolgslauf der Mannschaft. „Wir setzen auf unsere Stärken, indem wir defensive Zuverlässigkeit mit einem attraktiven Umschaltfußball kombinieren, der uns in zwei, drei Pässen von einem Strafraum zum anderen bringen kann. Wir haben gelernt, Spiele zu kontrollieren, ohne mehr Ballbesitz zu haben.“
Symbolisch für die vermeintliche Rückkehr der Vergangenheit stehen die Spiele der aktuellen Saison gegen den Liverpool FC, das noch etwas erfolgreichere Team der 1970er Jahre. Am vierten Spieltag gelang Nottingham, was bis Redaktionsschluss kein weiterer Ligakonkurrent geschafft hat: Liverpool zu schlagen, und das auch noch in Anfield. Das einzige Tor beim 1:0 schoss Hudson-Odoi. Als Liverpool-Trainer Arne Slot mit seinem Team im Jänner im City Ground zum Rückspiel antrat, sangen die Forest-Fans: „We’re in your head, Arne.“ Nach acht Minuten ging der Gastgeber durch Chris Wood in Führung – nach zwei schnellen Pässen von Hudson-Odoi und Elanga. Dann demonstrierte das Team inklusive Tormann Matz Sels seine Stärke in der Verteidigung. Mehr als der Ausgleich gelang Liverpool nicht. Slot erklärte Forest zum Mitfavoriten auf den Titel und sagte: „Sie werden nicht allzu viele Punkte verlieren, sie sind ein sehr schwieriger Gegner.“
Schlachten schlagen
Ein wesentlicher Faktor in der unwahrscheinlichen Saison von Nottingham Forest ist der Mann an der Outlinie. Nuno Espirito Santo ist seit Dezember 2023 im Amt und kam mit dem Makel eines Gescheiterten. Nach kürzeren Stationen bei Valencia und seinem Heimverein Porto war er 2017 nach England gewechselt und übernahm die Wolverhampton Wanderers, die er in den folgenden vier Jahren zunächst in die Premier League und dann in die Europa League führte. Anschließend wechselte er zu Tottenham Hotspur – und wurde nach etwas mehr als 100 Tagen entlassen. „Er hat das Herz der Mannschaft nie erreicht“, schrieb der Guardian damals über den Trainer, der für die Klubführung nur die vierte Wahl gewesen sein soll. „Wenn Tottenham nicht an ihn glaubte, warum dann die Spieler?“ Im Sommer 2022 ging Espirito Santo zu Al-Ittihad, und eigentlich hätte seine Karriere als Trainer in einer der fünf großen Ligen an diesem Punkt enden können.
Doch dann kam Ende 2023 das Angebot von Nottingham, einem Verein mit großen Ambitionen und der Bereitschaft, viel Geld auszugeben. Klubeigentümer Evangelos Marinakis, der auch über die Anteilsmehrheit bei Olympiakos Piräus verfügt, finanzierte nach der Rückkehr in die Premier League im Sommer 2022 einen kompletten Kaderumbau. Die knapp 200 Millionen Euro waren Rekord für einen Aufsteiger, brachten aber nur den 16. Platz ein. Im Sommer darauf war der Klub weniger spendabel, holte aber heutige Stützen wie Elanga, Hudson-Odoi, Murillo, Sels und Wood und entkam dem Abstieg als 17. nur knapp. Im Sommer 2024 folgten als Toptransfers Elliot Anderson fürs Mittelfeld und Nikola Milenkovic, der mit Murillo die starke Innenverteidigung bildet. Espirito Santo gelang es, sie in seiner ersten vollen Saison zu einem funktionierenden Team zusammenzuschweißen. Was der Trainer von seinen Spielern erwartet, fasste Hudson-Odoi nach dem 1:0-Heimsieg gegen Manchester City Anfang März zusammen, bei dem er erneut das einzige Tor geschossen hatte. „Wir schlagen jedes Spiel eine Schlacht, wir kämpfen um jeden Ball.“ Er sei völlig fertig, aber das sei ein überragender Tag.
Im Jänner beschäftigte sich Jonathan Wilson im Guardian mit der Wahrscheinlichkeit von Nottingham Forests Erfolgen. Der Klub hat vergleichsweise niedrige xG-Werte, also die Kennzahl, die angibt, wie wahrscheinlich es ist, aus bestimmten Situationen Tore zu erzielen. Die Realität übertrifft diese Werte, Forest schießt mehr Tore, als wahrscheinlich ist – und bekommt weniger, als die Statistik erwarten lässt. Mit Glück, so Wilson, habe das nichts zu tun. „Die Erwartungen zu übertreffen, ist das Merkmal eines guten Trainers“, schreibt er. Forests Spiel mit wenig Ballbesitz, starker Defensive, schnellen Außenspielern und Wood als Neuner wirke einfach. „Aber das täuscht: Es sieht einfach aus, weil es gut geplant ist und die Spieler in einem stimmigen System zusammenwirken – was nach dem Einkaufsrausch nach dem Aufstieg absolut nicht erwartbar gewesen ist.“ Ohne den Rückgriff auf Datenanalysen kommt Forest-Fan Harrison in When Saturday Comes zu einem ähnlichen Urteil: „Bevor wir wussten, wie uns geschah, war die Saison zu weit fortgeschritten, um nur von einem guten Start zu sprechen.“