Mehr leise als laut
Die englischen Midlands. Sanft ansteigende Hügel, saftiges Grün, hunderte Schafe und kleine Seen prägen die Landschaft. Nur gelegentlich stören Industrieruinen und leerstehende Backsteinhäuser das Idyll. Manchester, Liverpool und Birmingham liegen kaum mehr als eine Autostunde entfernt, aber wer hier lebt, bekommt vom Takt der Großstädte nichts mit. Marko Arnautovic sitzt am Steuer seines Audi-SUV und fährt nach einem ausführlichen ballesterer-Interview zum abschließenden Fototermin. Auf den schmalen, kurvigen Landstraßen lassen sich die 500 Pferdestärken des Autos erahnen, aber der Fahrer hat es nicht eilig. Nur der wiederholte Blick aufs Smartphone verrät, dass an diesem Tag noch weitere Termine anstehen.
In den 1970er Jahren schrieb der Popjournalist Jon Landau: „I saw rock’n’roll future and its name is Bruce Springsteen.“ Vor acht Jahren münzte eine holländische Zeitung diese Prognose auf einen jungen Österreicher um, der im Dress des FC Twente den Nachwuchs von Ajax Amsterdam schwindlig spielte. „Wir haben heute einen zukünftigen Weltklassestürmer gesehen“, hieß es am 31. März 2007. „Und sein Name ist Marko Arnautovic.“ Gut acht Jahre später spaziert jener über das feuchte englische Gras und posiert bereitwillig für die Kamera. Dazwischen führt er kurze Telefonate – sein Bruder Danijel dreht mangels Parkplatz Ehrenrunden mit dem Wagen –, ehe es zurück ins große, doch wenig protzige Anwesen geht. Wäre Marko Arnautovic ein Musiker, hätte er inzwischen die leisen Töne für sich entdeckt. Davor jedoch hat er ordentlich Krach gemacht.
Der Stürmer Marko Arnautovic steht für Starallüren, wie man sie im beschaulichen Fußballland Österreich bis vor wenigen Jahren nicht gekannt hat. Mit dem Nationalteam ging es nach der Europameisterschaft 2008 nur langsam bergauf, abseits des Felds blieb Charisma Mangelware. Der kreuzbrave Kapitän Andreas Ivanschitz oder der trotz Tattoos und Hardrock-Faible introvertierte Emanuel Pogatetz waren Leistungsträger, aber keine Stars. David Alabas Schmäh kannte man höchstens im Bayern-Nachwuchs. In dieser Zeit debütiert Marko Arnautovic, der erste richtige Popstar. Er ist eine echte Ansage an die Balotellis und Ibrahimovics der Welt. Mode, Autos, bunte Schuhe und große Sprüche prägen sein öffentliches Bild stärker als sein Können am Ball.
Popoklatsch vom Papa
Seine ersten Tore schießt Marko Arnautovic in den Parks des 21. Wiener Gemeinde-bezirks. Schon bald wird der Käfig in der Hopfengasse hinter dem Platz des Floridsdorfer Athletiksport-Clubs wichtiger für ihn als alles andere. Im Gespräch mit dem ballesterer drückt er es so aus: „Nach der Schule nach Hause, Sachen ablegen, umziehen. Zwei Stationen mit der Straßenbahn gefahren oder hingelaufen, gespielt, bis das Licht weg war.“
Zum Fußball bringen ihn sein Vater und sein um drei Jahre älterer Bruder. „Schon mit fünf, sechs Jahren hat es für uns fast nur noch Fußball gegeben“, sagt Danijel Arnautovic. „Als kleiner Bruder hat er natürlich immer zu mir aufgeschaut, und so wollte er dann auch immer mit mir mit.“ Nur wenn es zu Reibereien kommt, schickt er Marko nach Hause. „Ich habe mich immer geprügelt. Wer im Käfig verloren hat, der hat ein paar seiner Leute geholt, und dann ist es schon losgegangen. Den Marko haben wir dann heim-geschickt.“ Manchmal hat er dennoch etwas abbekommen. „Schürfwunden hat es schon gegeben, dann habe ich einen Popoklatsch vom Papa gekriegt und gut war’s“, erinnert sich Marko Arnautovic. Das körperbetonte, trickreiche Spiel auf engem Raum, das er im Käfig bis zur Perfektion trainiert, wird seinen Stil prägen.
Antithese eines Akademiekickers
Den Schritt in den Vereinsfußball macht Arnautovic beim FAC, wo sein Vater Tomislav die Stadionkantine betreibt. Nach drei Jahren in Floridsdorf versucht er sich in den Nachwuchsabteilungen von Austria Wien, der Vienna und des SK Rapid. Die Trainer verzweifeln reihenweise daran, nicht die gewünschte Autorität auf das Talent ausüben zu können. Der pubertierende Arnautovic wird als untrainierbar abgestempelt. 2004, im Alter von 15 Jahren, kehrt er schließlich zum FAC zurück. Ausschlaggebend ist Othmar Larisch, der den Nachwuchs bei den Floridsdorfern trainiert und Arnautovic schon länger auf der Liste hat.
„Jeder Trainer hat gesagt, dass man mit ihm nicht arbeiten kann. Dabei hat niemand verstanden, wie man den Marko behandeln muss“, erzählt Larisch dem ballesterer. „Marko ist zum FAC zurückgekehrt, weil er gewusst hat, dass ich ihn kenne und schätze.“ Schon mit 16 Jahren spielt Arnautovic in der U23 und zeigt konstant gute Leistungen. Am Ende der Saison holt das Team den Meistertitel. Arnautovic entwickelt sich zur Antithese eines Akademiefußballers – unangepasst, launisch und verspielt. „Er war schon einer, der wenig Respekt gezeigt hat“, sagt Larisch. „Doch er ist wahrscheinlich der Talentierteste, den wir überhaupt je gehabt haben. Marko braucht am Feld seine Freiräume, sonst kann er sich nicht ausleben.“
Larisch und sein Kollege Walter Künsel legen Tomislav Arnautovic nahe, seinen Sohn ins Ausland zu schicken. Dieser lässt Marko 2006, im Alter von 17 Jahren, in die Niederlande ziehen. Twente Enschede nimmt ihn nach nur zwei Tagen eines eigentlich zweiwöchigen Probetrainings unter Vertrag. „Dort war mir dann schnell klar: ‚Bumm, jetzt geht es los, das ist kein Käfig mehr, das ist ein anderer Fußball‘“, sagt Arnautovic. „Aber ich wollte es unbedingt.“
Der Durchbruch
In den Niederlanden spielt Marko Arnautovic in der ersten Saison für die Jugendmannschaft. Bis 2008 schießt er in 32 Spielen 27 Tore, in der Saison 2007/08 gewinnt er mit seinem Team die Juniorenmeisterschaft und absolviert bereits regelmäßig Einsätze in der Eredivisie. Fred Rutten, der damalige Trainer von Twente, hat ihn am 14. April 2007 gegen PSV Eindhoven eine knappe Viertelstunde vor Schluss zum ersten Mal eingewechselt. Arnautovic startet nun endgültig durch. Er kommt bis 2009 auf 59 Meisterschaftseinsätze und steuert 14 Tore und zehn Torvorlagen bei. 2009 wird er mit Twente Enschede Vizemeister. Neben dem Platz verläuft das Leben in den Niederlanden weniger reibungslos, Marko wechselt die Gastfamilie und bricht die vom Verein verordnete Sprachschule ab. „Ich war damals nur mit Holländern unterwegs, nach sechs Wochen habe ich die Sprache perfekt gekonnt“, sagt Arnautovic.
Der europäischen Elite bleiben seine Leistungen nicht lange verborgen, Schalke und Feyenoord signalisieren Interesse. Als der FC Chelsea anklopft, entschließt sich Arnautovic, Twente zu verlassen. Der Wechsel nach London scheitert aber am Medizincheck. Im Sommer 2009 reist Arnautovic zum Probetraining nach England, wo die Ärzte eine Stressfraktur im Mittelfuß diagnostizieren. Chelsea spielt auf Zeit, will ihn zunächst noch in Enschede parken. Doch nun lockt die Serie A, Inter Mailand fragt bei Arnautovic an. Mit Twente wird eine einjährige Leihe mit Kaufoption ausgehandelt. Aus dem Floridsdorfer Käfigkicker ist der wertvollste Fußballspieler Österreichs geworden.
Die Realität hält jedoch mit den gestiegenen Erwartungen nicht Schritt. Die Verletzung im Mittelfuß zwingt Arnautovic zu einer dreimonatigen Rehabilitation. Für die Kampfmannschaft ist er zunächst kein Thema. Am achten Spieltag der Serie A steht Arnautovic gegen den CFC Genoa erstmals auf dem Spielbericht. Das 5:0 seines Klubs erlebt er jedoch von der Ersatzbank aus, wo er von da an öfters sitzt – wenn er nicht überhaupt auf der Tribüne Platz nehmen muss.
Erfüllte Kindheitsträume
Erste Schlagzeilen macht der Österreicher abseits des Platzes, als ihm in der Hitze des Mailänder Nachtlebens der Bentley seines Teamkollegen Samuel Eto’o unter der Hand weggestohlen wird. Auch im Klub lernt man ihn eher als Bruder Leichtfuß denn als Vorzeigeprofi kennen. Nachdem er im Trainingslager in Abu Dhabi zweimal zu spät kommt, verdonnert ihn Trainer Jose Mourinho zu Extraschichten. Zurück in Italien will Arnautovic alles besser machen: „Ich bin vor dem ersten Saisonspiel extra früh zum Frühstück gegangen. Plötzlich kommt Mourinho auf mich zu, lobt mich und drückt mir seine Uhr in die Hand. Ich war vier Stunden zu früh.“ Auf einer Pressekonferenz bezeichnet Jose Mourinho Arnautovic als Kindskopf.
Trotzdem folgt der erste Pflichtspieleinsatz in der Serie A, beim 1:0-Sieg gegen Chievo Verona wird Arnautovic für zwei Minuten eingewechselt. Im nächsten Spiel gegen Siena spielt er sogar 44 Minuten. Die Konkurrenz am Feld ist aber zu stark, Gabriel Milito, Samuel Eto’o, Goran Pandev und Mario Balotelli stehen vor ihm. Zudem spielt Inter eine Saison für die Geschichtsbücher und holt 2010 das Triple: Meistertitel, Cup und Champions League. „Das war wie ein Film“, erinnert sich Arnautovic heute. „Als ich die Trophäe gehalten habe, waren meine Hände wie gelähmt.“ Er selbst hat im europäischen Bewerb nicht eine einzige Minute gespielt, in der Serie A kommt er in Inters perfekter Saison auf nur drei Einsätze.
Ein Fressen für den Boulevard
Kurz nach dem Champions-League-Gewinn verkündet Mourinho seinen Wechsel zu Real Madrid. Auch Arnautovic verlässt Italien – Inter zieht die Kaufoption nicht, stattdessen übernimmt ihn der SV Werder Bremen um kolportierte 6,5 Millionen Euro. Arnautovic kommt als Hoffnungsträger in die deutsche Bundesliga und erhält einen lukrativen Vertrag über vier Jahre. In der Hansestadt baut man darauf, dass Trainer Thomas Schaaf, dessen Händchen für schwierige Charaktere bekannt ist, mit dem disziplinarmen Kicker zurechtkommt. „Ein junger Mensch darf Fehler machen, solange er daraus lernt“, sagt Schaaf im ballesterer-Interview im Sommer 2010.
Tatsächlich polarisiert Arnautovic an der Weser von Beginn an – im Verein ebenso wie bei Mitspielern und Fans. „Gockeln“ nennt man seinen charakteristischen Gang, das Image des arroganten Bad Boys setzt sich schnell fest. Daran haben die Boulevardmedien einen – für Bremer Verhältnisse – erstaunlich großen Anteil. Thorsten Waterkamp, Sportredakteur des Weser-Kurier, sagt: „Man muss da auch ganz ehrlich sein. Das ist ein Typ, so jemand füllt einem die Seiten.“
Beispielhaft dafür ist die mediale Ausschlachtung eines eigentlich harmlosen Ausspruchs unter Teamkollegen. Am Montag nach einer 0:6-Auswärtsniederlage gegen Stuttgart finden die Spieler den Trainingsplatz abgesperrt vor, müssen im Regen zurück in die Kabinen und grummeln dabei leiser oder lauter vor sich hin. Ein Saftladen sei das, so Arnautovics Ausspruch, der von Teamkollege Per Mertesacker mit einem Grinser quittiert und von Kameras aufgezeichnet wird. Die Bremer Ausgabe der Bild titelt daraufhin: „Neue Pöbelattacke von Arnautovic“ und zweifelt einmal mehr an dessen Einstellung. In dieser Zeit wird auch eine angebliche Auseinandersetzung mit Kapitän Frings publik. Nur er, Arnautovic, habe die Champions League gewonnen, soll er dem deutschen Teamspieler an den Kopf geworfen haben. Arnautovic leugnet im Gespräch die Begebenheit, Frings habe ihm sogar gesagt: „Lass sie reden.“
Arnautovic lässt sich Disziplinlosigkeiten zuschulden kommen, erscheint zu spät zu Trainings oder führt Anweisungen des Trainerstabs nicht aus. Eine Woche vor der Saftladen-Affäre beschimpft er Werder-Geschäftsführer Klaus Allofs auf Serbisch. „Jedes weitere Wort wird teuer“, erwidert dieser. Zwei des Serbischen mächtige Teamkollegen übersetzen die Schimpfwörter des Kollegen bereitwillig. „Arnautovic hat sich nicht ins Team eingefügt”, ist Waterkamps Einschätzung dazu. In der Außenperspektive bleibt das Bild, der Hoffnungsträger sei zunehmend ein Störfaktor geworden, auch wenn Zlatko Junuzovic, der 2012 nach Bremen kommt, von einem engen Zusammensein der Bremer Österreich-Fraktion in der Kabine wie am Platz spricht. Auf Anfrage des ballesterer herrscht an der Weser ansonsten Schweigen, Frings und Clemens Fritz sind für Interviews zum ehemaligen Mitspieler Arnautovic nicht verfügbar.
Gottesgeschenk der Polizei
Auch in Österreich ist Arnautovic in dieser Zeit Dauergast im Boulevard. Die Tageszeitung Österreich verarbeitet eine angebliche Kabinenrangelei mit Stefan Maierhofer beim Länderspiel in Istanbul Anfang 2011 zu einer skurrilen Infografik. Arnautovic wird von Teamchef Didi Constantini suspendiert, kann sich aber wieder für das Nationalteam empfehlen. Kurz nach seiner Rehabilitierung ruft ihn Comedian Gernot Kulis an, der als Ö3-„Callboy“ Scherzanrufe bei Prominenten durchführt. Gemeinsam mit dem Constantini-Imitator Herbert Haider gibt er ihm glaubhaft zu verstehen, er sei wegen vermeintlicher Disziplinlosigkeiten wieder aus dem Kader geflogen. Vom Käfigkicker mit Migrationshintergrund, der den österreichischen Fußball retten soll, ist Arnautovic in kurzer Zeit zur perfekten Zielscheibe für untergriffige Attacken geworden.
Im Juni 2011 hält die Wiener Polizei Marko Arnautovic in seinem Porsche an. Im Verlauf des Gesprächs mit den Beamten soll der Satz „Das ist der Arnautovic – den fick’ ma jetzt“ gefallen sein. Die Antwort des Fußballers beschert ihm eine Anzeige wegen aggressiven Verhaltens und wird ihn noch lange verfolgen: „Ich verdiene so viel, ich kann dein Leben kaufen.“ Arnautovics enger Freund, Tätowierer Helmut „Slimheli“ Zeiner, sagt: „Marko hätte sich viel lauter rechtfertigen sollen. Da geht’s ums Prinzip.“
Auch in Bremen besiegelt eine Autofahrt das Ende: Im April 2013 geraten Arnautovic und sein Mannschaftskollege Eljero Elia um drei Uhr früh in eine Polizei-kontrolle. Der Vorfall findet den Weg in die Medien, beide Spieler werden bis Saisonende suspendiert. Auch die Fans zürnen, wie der Bremer Friseur Farshad Lotfi berichtet. Er hat mit Arnautovic gemeinsam seinen Irokesenschnitt entwickelt, den er noch heute als „Marko-Arnautovic-Frisur“ verkauft. Auf der Fensterfassade wirbt Lotfi damals mit einem weit überlebensgroßen Konterfei des Spielers. In der Nacht nach der Suspendierung schlagen wütende Fans diese ein. In 70 Bundesliga-Einsätzen hat er es am Ende nur auf 14 Tore gebracht. Die Spritztour mitten im Abstiegskampf verzeiht man Arnautovic in Bremen nicht mehr. Thorsten Waterkamp berichtet von einer Aussage aus der Führungsebene von Werder Bremen, der zufolge die Polizeikontrolle ein Gottesgeschenk gewesen sei, denn mit Arnautovic hätte man den Klassenerhalt nicht schaffen können.
Während Fans und Verein in Bremen Marko Arnautovic bei Ankündigung seines Wechsels zu Stoke City kaum nachtrauern, herrscht woanders hämisches Bedauern. Die Bild schreibt einen öffentlichen Abschiedsbrief: „Du warst drei Jahre lang für uns der Größte. Wenn unser Schreibblock leer war, gab es immer noch dich. Du hast uns mehr bunte Geschichten beschert als jeder andere Werder-Spieler vor dir.“ Für den Arnautovic-Freund Zeiner ist der Wechsel keinen Tag zu früh gekommen. „Bremen hat ihn fast gebrochen“, sagt er. Arnautovic gelingt die Flucht vor dem deutschsprachigen Boulevard, für die britischen Tabloids ist er zu uninteressant, Stoke zu klein. Ihm gelingt der Neustart.
Hairy Potter und der Dribbelprinz
So ruhig die umherliegende, weitläufige Landschaft wirkt, so laut ist der Fußball in Stoke-on-Trent. Die Fans verleihen dem eng gebauten Britannia Stadium eine Atmosphäre, wie man sie nur noch selten in der Premier League findet. Schnell wird klar, welch hohes Standing Arnautovic bei den Anhängern der „Potters“ hat. „Die Leute zahlen dafür, um Arnie nur zehn Minuten spielen zu sehen. Er ist ein Spektakel“, erzählt uns „Hairy Potter“. Seinen üppigen Bart zieren heute die Farben der englischen Flagge, manchmal sind es auch die der spanischen, irischen – oder eben auch der österreichischen. Ihn kennt hier jeder. Nicht ohne Stolz sagt er, dass er amtierender „Stoke-Fan of the Year“ ist.
Im Spiel gegen Sunderland zeigt sich bald, dass „Hairy Potter“ nicht zu viel versprochen hat. Jeder Ballkontakt von Arnautovic wird bejubelt, setzt er zum Dribbling an, stimmen die Fans „Arnie“-Rufe an. „Er kann am Ball einfach Dinge, die hier keiner kannte. Deswegen wurde er gleich gefeiert“, sagt sein Bruder Danijel. Arnautovic spielt 90 Minuten lang am linken Flügel und macht das, wofür ihn die Fans hier verehren. Er läuft die Seite rauf und runter, flankt aus vollem Lauf oder sucht das Duell mit dem Gegenspieler. Und er kämpft um jeden Ball, grätscht ihn auch an der eigenen Cornerfahne weg. Er unterstützt die Abwehr, wie man es in England beigebracht bekommt. Auch dafür lieben ihn die Stoke-Fans. Im Fanshop von Stoke City zeigt das größte Poster Arnautovic. Darunter steht „ready to fire“. Arnautovic ist drauf und dran, endlich Stammspieler zu werden – und wird auch von den Mitspielern geschätzt. „Er ist ein guter Typ“, sagt Stoke-Routinier und Sturmpartner Peter Crouch. „Man kann viel Spaß mit ihm haben.“
Kein Platz für Exzentriker
„Mach Marko klar, was er tun soll, und gib ihm Freiheit im letzten Drittel des Spiels, und er wird etwas bewegen“, sagt Stoke-Trainer Mark Hughes dem ballesterer – fast so, als hätte er sich mit FAC-Jugendtrainer Larisch beraten. Der Waliser hält große Stücke auf seinen offensiven Freigeist, obwohl Arnautovic in dieser Saison nicht immer erste Wahl war. „Um in der Premier League erfolgreich zu sein, muss man auch viel Verantwortung übernehmen. Das hat Marko verstanden. Er muss hart arbeiten, den gegnerischen Verteidigern Druck machen. In den meisten Spielen macht er das ganz gut. Er weiß, dass er sonst aus dem Team fliegt.“ Der Konkurrenzkampf ist groß, und mit 26 Jahren nähert sich Arnautovic dem Scheideweg in der Karriere. „Er hat in der Vergangenheit viele Gelegenheiten nicht genutzt“, sagt Keith Wales, Sportreporter des Stoke Sentinel. „Deshalb konnte ihn Stoke überhaupt holen. Wenn er hier nicht einschlägt, wird er für andere englische Klubs uninteressant. Für Marko geht’s jetzt um die Wurst.“
Die Geister der Vergangenheit jedoch scheint Arnautovic allmählich los-zuwerden. „In England kann er sich mehr auf den Fußball konzentrieren, es gibt weniger Einflüsse von außen. Das tut ihm gut“, meint sein enger Freund und Nationalteamkollege Aleksandar Dragovic. „Man sollte nicht versuchen, ihn von außen zu ändern, das bringt nichts.“ Stoke-Trainer Hughes sagt: „Wenn er ein Exzentriker wäre, aber kein guter Profi, hätte er nie in der Premier League einen Platz gefunden.“ Vonseiten der Presse hört man dasselbe: „Man weiß, was er bei seinen vorherigen Klubs aufgeführt hat. Aber seit Arnautovic in Stoke ist, zeigt er sein bestes Benehmen“, sagt Wales. „Er führt das darauf zurück, dass er nun verheiratet ist und eine Familie hat.“
Gehaltene Versprechen
Der geläuterte Bad Boy: ruhig, häuslich, unauffällig? Nicht jeder will das. Wann immer Arnautovic fürs National-team nach Österreich zurückkehrt, sind ihm mediale Aufmerksamkeit und Häme schnell wieder gewiss. Doch scheut auch er sich nicht, den Boulevard zur Selbst-inszenierung zu nutzen: Der Krone präsentiert er 2012 exklusiv seine neugeborene Tochter; für Österreich kommentiert er die WM 2014. Im April veröffentlichte das Institut Marketagent.com eine Umfrage, die Marko Arnautovic als nervigsten Sportler ausmachte. Der Medienwissenschaftler Klaus Zeyringer erklärt, warum Arnautovic trotz guter Leistungen in England und im Nationalteam immer noch Reaktionen provoziert: „Es braucht in der medialen Öffentlichkeit den gefallenen Helden, der nicht hält, was man sich von ihm versprochen hat. Es ist gut für die Debatte und für das Geschäft, wenn der Held immer wieder fällt, und doch immer wieder Held wird.“ Tatsächlich hat Marko Arnautovic immer schon viel versprochen – aber auch viel gehalten. Im Käfig, wo er die Gegenspieler narrte. In Holland, wo er den Durchbruch schaffte. In Mailand und Bremen, wo er die Bedürfnisse des Boulevards genauso befriedigte wie die eigenen. Und schließlich in Stoke, wo er hart an seiner fußballerischen Weiterentwicklung arbeitet. Ein Weltklassestürmer kann Marko Arnautovic immer noch werden.
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