„Jetzt brauchen wir ein revolutionäres und innovatives Konzept“, sagte Gabriele Gravina, der Präsident der drittklassigen Lega Pro, am 20. November 2017. Zuvor war mit Carlo Tavecchio der Präsident des italienischen Fußballverbands FIGC zurückgetreten. Als zumindest neuartig kann der Wahlvorgang bezeichnet werden, der Ende Jänner weder ein Konzept noch einen neuen Verbandspräsidenten hervorbrachte. Vier Wahlgänge waren nicht genug, keiner der drei Kandidaten konnte genügend Stimmen auf sich vereinen.
Weiße Mehrheit
Nachdem der Leiter der Spielergewerkschaft, Damiano Tommasi, in den vorangegangenen drei Wahlgängen ausgeschieden war, kam es zur Stichwahl zwischen Gravina und Cosimo Sibilia, dem Präsidenten der Amateurliga. Für einen Wahlsieg hätte es beim vierten Durchgang eine absolute Mehrheit gebraucht. Doch 59,09 Prozent der Delegierten wählten weiß und verhinderten damit eine Entscheidung. 1,85 Prozent der Stimmen gingen an Sibilia, 39,06 Prozent an Gravina. Als er absehen konnte, keine Mehrheit zu bekommen, hatte Sibilia die Vertreter der Amateurligen dazu aufgerufen, weiß zu wählen.
„Es ist absurd, dass der Verband so stark von den Amateuren beeinflusst wird“, sagt Sportjournalist Matteo Patrono dem ballesterer. 90 der 275 wahlberechtigten Delegierten stammen aus dem Amateurbereich. Daneben sind sechs weitere Gruppen im Wahlgremium stimmberechtigt: Vertreter der Serie A, Serie B und Lega Pro sowie Repräsentanten der Spieler-, Trainer- und Schiedsrichtervereinigung. „Man kann nur gewählt werden, wenn man genügend Stimmen aus den anderen Lagern bekommt“, sagt Patrono. Die Favoriten Sibilia und Gravina versuchten daher im Vorfeld der Wahl, Spielervertreter Tommasi auf ihre Seite zu ziehen – ohne Erfolg. Tommasi schien dafür keine inhaltliche Basis zu sehen. „Wir wissen, wer hier zur Wahl steht. Die Fußballer wollen eine echte Veränderung“, sagte er.
Der Seitenhieb bezieht sich auf die Biografien seiner Konkurrenten, beide sind langdienende Funktionäre, beide vertreten ihre Klientel. Sibilia ist Senator für Silvio Berlusconis Partei Forza Italia, war lange ein enger Vertrauter Tavecchios und bedient genau wie dieser die Amateure. In seinem Wahlprogramm konzentrierte er sich auf die Schnittstelle zwischen Amateur- und Profifußball. Gravina, ehemaliger Präsident des früheren Überraschungsklubs Castel del Sangro, wiederum hat ein Naheverhältnis zu Tavecchios Vorgänger Giancarlo Abete, seine Machtbasis liegt einzig in der Lega Pro. Mit seinen Wahlversprechen, etwa der Errichtung von Nachwuchsakademien, konnte er diese nicht verbreitern. Schließlich blockierten sich die Konkurrenten gegenseitig.
Obwohl die Wahl keinen Gewinner hervorbrachte, gibt es einen Sieger: das Nationale Olympische Komitee CONI. Da sich der Verband auf keinen Präsidenten einigen konnte, wird er nun gemäß seiner Statuten fremdverwaltet. Er steht unter kommissarischer Aufsicht des CONI, das seinen Generalsekretär Roberto Fabbricini mit dieser Aufgabe betraute. Er soll ein Ende des Verbandschaos herbeiführen und künftige Blockaden verhindern – durch eine Reform des Wahlrechts. Journalist Patrono rechnet damit, dass die kommissarische Verwaltung mindestens ein Jahr andauern wird. Das alles stellt die FIGC in einer ohnehin nicht einfachen Zeit vor große Herausforderungen. Erstmals seit 1958 wird eine Weltmeisterschaft ohne italienische Beteiligung stattfinden. Gianni Rivera, 60-facher Teamspieler Italiens, sagte nach der missglückten Präsidentenwahl: „Wir haben noch kläglicher versagt als unser Nationalteam.“
Verpasste Chancen
Die Führungsposition der FIGC ist vakant geworden, weil Carlo Tavecchio im Anschluss an das Ausscheiden in der Relegation gegen Schweden zurückgetreten war. Eine Woche lang hatte sich der 74-Jährige geziert, bis er sich dem öffentlichen Druck beugte. Dass es für seinen Rücktritt ein Scheitern in der WM-Qualifikation brauchte, steht sinnbildlich für die Misere des italienischen Funktionärswesens. Tavecchio fiel immer wieder mit antisemitischen, rassistischen, sexistischen und homophoben Äußerungen auf. 2015 veröffentlichte die Tageszeitung Corriere della Sera Aufnahmen, auf denen er über ausländische Serie-A-Spieler sagte: „Bei uns kann ein Opti Poba, ein Bananenfresser, plötzlich Stammspieler bei Lazio werden.“ Die UEFA und die FIFA schlossen Tavecchio daraufhin für ein halbes Jahr von allen Funktionärstätigkeiten aus. Der italienische Verband hielt ihm hingegen die Stange.
Der Abgang Tavecchios hätte also die Chance auf einen Neustart sein können. Stattdessen versinkt der Verband im Chaos. Denn auch ein weiterer Schlüsselposten ist vakant: Teamchef Giampiero Ventura musste nach der missglückten Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Russland ebenfalls gehen, ein Nachfolger wurde noch nicht bestimmt. Nach der Absage von Carlo Ancelotti gilt Roberto Mancini von Zenit St. Petersburg als aussichtsreichster Kandidat. In den Testspielen Ende März gegen England und Argentinien wird das Nationalteam aber noch von U21-Trainer Luigi Di Biagio gecoacht. Eine Entscheidung in der Teamcheffrage ist vor Saisonende nicht zu erwarten.
Neben der FIGC wird auch die intern zerstrittene Serie A derzeit auf eigenen Wunsch kommissarisch verwaltet. Deshalb wurde bislang kein neuer TV-Vertrag ausverhandelt, und es ist völlig offen, wie die Liga in der kommenden Saison im Fernsehen zu sehen sein wird. Der Wahlvorgang dazu sei reine Zeitverschwendung gewesen, sagte Napolis Präsident Aurelio De Laurentiis. Der Fußball müsse nun von Grund auf neu aufgebaut werden. Der ehemalige Verbandspräsident Abete sagte: „Für jemanden, der den Sport liebt, ist diese Situation zum Weinen.“ Die Machtspiele gehen weiter.