Auf der Leipziger Buchmesse 2018 ist Glenn Jäger nicht der einzige, der über kommende Weltmeisterschaften spricht. Sein 311 Seiten langes Buch „In den Sand gesetzt“ behandelt aber nicht die viel diskutierte WM in Russland. Stattdessen hat sich Jäger intensiv damit beschäftigt, wie der Wüstenstaat Katar den Zuschlag für 2022 erhielt. In einer ruhigen Koje abseits des Messetrubels erzählt er dem ballesterer von den Erkenntnissen seiner zweijährigen Recherche.
ballesterer: Kurz vor der WM wird viel über die russische Regierung geschrieben. Über das katarische Regime hört man hingegen wenig. Was erfährt man in Ihrem Buch über die Herrscherfamilie?
Glenn Jäger: In Katar herrscht eine absolute Monarchie. Das Land kann mit den Werten, die der Westen vor sich herträgt, überhaupt nicht mithalten. Das Herrscherhaus, die Familie Al Thani, ist unangefochten an der Macht. Es gibt nicht einmal eine Scheindemokratie. Die Verhältnisse ähneln innenpolitisch – bei aller Rivalität – jenen in Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten.
Wie umfangreich ist das Engagement Katars im europäischen Klubfußball?
Paris Saint-Germain ist bekanntlich in katarischem Besitz. Interessant ist die zeitliche Nähe des Engagements in Bezug auf die WM-Vergabe im Dezember 2010. PSG wurde im Mai 2011 gekauft, dazu traf sich die katarische Führung damals mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und dem UEFA-Präsidenten Michel Platini. Frankreich hat ebenso wie Deutschland starke wirtschaftliche Verflechtungen in Katar, zum Beispiel im Energiebereich und durch den Aktienerwerb von Kataris an französischen Unternehmen. Platini hat bei der WM-Vergabe mitentschieden, genauso wie Franz Beckenbauer.
Womit wir bei den Bayern wären …
… die mittlerweile auch Werbepartner des Flughafens Doha sind. Sie tragen dessen Emblem auf den Ärmeln der Trikots. Viel bekannter ist aber ihr jährliches Wintertrainingslager in Katar. Das hat erstmals im Jänner 2011 stattgefunden, also wenige Wochen nach der WM-Vergabe. Auch während der Amtszeit von Trainer Josep Guardiola sind sie mehrmals hingereist. Guardiola hatte schon vor seinem Engagement bei den Bayern gute Beziehungen zu Katar. Er hat im Herbst seiner Karriere zwei Jahre beim Al-Ahli Sports Club gespielt und den Trikotdeal mit dem FC Barcelona eingefädelt.
Wie reagieren die Anhänger auf diese Deals?
Das Trainingslager der Bayern hat durchaus zu heftigen Protesten geführt. Im Buch habe ich den offenen Brief eines Fans abgedruckt, der seine Mitgliedschaft gekündigt hat, nachdem der Verein seine Reisen auch noch mit Freundschaftsspielen in Saudi-Arabien verbunden hat. Angesprochen darauf, ob sie für die Spiele am Golf direkt Geld bekommen, hat ein Bayern-Sprecher einmal gemeint, es sei alles über den Partner Volkswagen abgewickelt worden.
Ein wesentlicher Punkt für die WM-Vergabe nach Katar dürfte in den politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen einflussreicher FIFA-Länder liegen. Wo bestehen die wichtigsten Allianzen?
Ich konzentriere mich im Buch auf vier Länder: Die USA pflegen massive militärpolitische Verbindungen mit Katar, sie haben dort ihr Hauptquartier in der Region mit zumeist mehr als 10.000 stationierten Soldaten. Von dort aus sind die Kriege gegen Afghanistan und den Irak geführt worden. Das zweite Land ist Großbritannien. Es gibt massive Investitionen aus Katar in den Finanzstandort London und große Immobilienerwerbe. Allerdings haben die USA sich selbst für die WM beworben und waren wie England gegen die Bewerbung Katars. Für den Zuschlag zur WM waren die Beziehungen zu Frankreich und Deutschland wichtiger. In Frankreich sind die wirtschaftlichen Beziehungen nach Katar stark gefördert worden. Speziell von Sarkozy, aber auch der aktuelle Präsident Emmanuel Macron war dort schon zu Gast.
Welche Rolle spielt Deutschland?
Zum einen sind deutsche Unternehmen in Katar präsent, es gibt aber auch katarische Aktienbeteiligungen an deutschen Firmen. Die Kataris verfügen zum Beispiel nach Porsche und dem Land Niedersachsen über den drittgrößten Stimmenanteil bei Volkswagen. Ähnlich verhält es sich mit Aktienpaketen bei der Deutschen Bank. Früher hat es auch starke Verflechtungen mit dem Konzern Hochtief gegeben, der große Bauaufträge in Katar erhalten hat. Dazu tagte die katarische Führung rund um die WM-Vergabe mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden – und mit Kanzlerin Angela Merkel. Es gibt eine lange Liste an weiteren Unternehmen. Darauf finden sich Siemens und die Deutsche Bahn, die sich um die Doha Metro bemüht. Und das Architekturbüro Albert Speer & Partner, das Infrastrukturmaßnahmen für die WM entwirft und zusammen mit Planungsbüros aus Frankfurt und München die katarischen Bewerbungsunterlagen für die WM verfasst hat. Und dann sind auch die Rüstungskooperationen nicht zu vergessen. Als sich Katar am Krieg im Jemen beteiligt hat, hat das in Deutschland zu einem kleinen Skandal geführt, weil Waffen in ein Krisengebiet geliefert worden sind.
Wie ist es letztlich zum Zuschlag für Katar gekommen?
In Westeuropa ist es nicht so leicht, die Schatulle aufzumachen und den Stimmberechtigten Millionen zuzustecken. Hier läuft es etwas anders, wie die Beispiele von Sarkozy und Platini zeigen. Beckenbauer schweigt bis heute darüber, wie er abgestimmt hat. Allerdings legen gewisse Umstände nahe, wo seine Sympathie gelegen ist. Auch die viel zitierten 6,7 Millionen Euro, die einige Jahre früher im Zuge der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland geflossen sind, sind in Katar gelandet – auf dem Konto von Mohammed bin Hammam. Er war später als FIFA-Delegierter dafür zuständig, die WM nach Katar zu holen, und hatte als Vorsitzender des asiatischen Verbands auch einen entsprechenden Einfluss.
Im FIFA-Exekutivkomitee waren damals 22 Vertreter stimmberechtigt – da reichen diese Stimmen ja noch nicht.
Die Abstimmung ist in der letzten Runde ziemlich deutlich ausgefallen, 14 Stimmen für Katar und acht für die USA. Zur Beeinflussung der Delegierten aus Afrika, Asien und der Karibik gibt es geleaktes Material, das zwei Journalisten der Sunday Times erhalten und im Buch „The Ugly Game“ verarbeitet haben. Bei der WM-Vergabe waren auch Argentinien und Brasilien stimm-berechtigt – und zufälligerweise hat wenige Wochen vor der Vergabe ein Freundschaftsspiel zwischen diesen beiden Ländern in Katar stattgefunden. Dabei sind mehrere Millionen geflossen, das ist über TV-Rechte abgewickelt worden und hat daher vordergründig nichts Anrüchiges. Auch die Bayern haben vor der Vergabe der WM 2006 Freundschaftsspiele gegen Nationalteams ausgerichtet, deren Verbandsvertreter stimmberechtigt waren. Diese Methode hat sich offenbar bewährt.
Immer wieder wird von den schlechten Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen berichtet. Welche Auswirkungen hat das?
Zwischenzeitlich hätte man meinen können, die Entscheidung könnte noch ins Wanken geraten. Es hat ja eine massive Berichterstattung über die Arbeitsbedingungen gegeben und Meldungen von hunderten tödlich verunglückten Arbeitern. Die Situation hat sich unter dem Druck von internationalen Gewerkschaftsverbänden bedingt verbessert. Man kann sich solche Meldungen, je näher die WM rückt, einfach nicht mehr leisten. Dennoch sind die Arbeitsverhältnisse nach wie vor katastrophal.
Den Abschluss Ihres Buches bilden Vorschläge, wie auf die Skandale im Weltfußball reagiert werden sollte.
Ja, ich will einen allzu düsteren Ausblick vermeiden. Stattdessen gehe ich der Frage nach, in welche Hände der Fußball gelangen sollte. Weil die FIFA eine dermaßen große Bedeutung hat, schlage ich vor, sie der UNO zu unterstellen. Ich tue das entlang von drei Kernforderungen: Entflechtung von FIFA und Sponsoren, denn UN-Unterorganisationen wie die UNHCR arbeiten auch nicht gewinnorientiert. Der zweite Punkt wäre, zumindest die Möglichkeit einer demokratischen Kontrolle herzustellen, denn über die letzten WM-Vergaben haben wenige Einzelpersonen abgestimmt. Damit ist der Korruption Tür und Tor geöffnet. Eine bessere Kontrolle hätte man, wenn die UN-Vollversammlung entscheiden würde. Ein weiterer Punkt besteht in der Entkopplung von Fußball und Krieg. Wenn man sich bei Weltmeisterschaften auf die Völkerverständigung beruft, dürfen sie nicht in Ländern ausgetragen werden, die sich wie Katar an völkerrechtswidrigen Kriegen beteiligen.