Am Küniglberg schneit es, als Rainer Pariasek ballesterer.at zum Interview im ORF-Zentrum empfängt. Zwei Tage nach dem Gespräch wird er ins US-amerikanische Killington fliegen. Die Übersee-Rennen des Ski-Weltcups warten. Zuvor nimmt sich Pariasek Zeit, um über einen anderen Sport zu sprechen. Der Fernsehmoderator verfolgt die Entwicklung des österreichischen Fußballs seit 20 Jahren aus nächster Nähe. Diese Saison ist die erste, in der die Bundesliga nicht mehr live im ORF zu sehen ist. Dem öffentlich-rechtlichen Sender ist eine Highlight-Sendung geblieben. Die Arbeit in den Stadien vermisst Pariasek, wie er im Interview zugibt. Über die nicht ganz ernst gemeinte Einstiegsfrage „Wie fühlen Sie sich, Herr Pariasek?“ muss er dennoch lachen. „Eine absolute No-Go-Frage.“
ballesterer.at: Vermissen Sie die österreichische Bundesliga?
Rainer Pariasek: Ja, schmerzlich. Manche reden die österreichische Bundesliga schlecht, aber wir müssen uns nicht verstecken. Es gibt immer wieder großartige Spiele wie zuletzt das 3:3 zwischen dem LASK und Salzburg. Mir fehlt die Bundesliga aber auch persönlich, weil ich beruflich nicht mehr in die Stadien komme. Im Stadion zu stehen und die Atmosphäre zu spüren, ist schon etwas Besonderes. Wir machen die Highlight-Sendung, die ist tadellos, aber sie ist kein wirklicher Ersatz für die Live-Übertragungen. Was wirklich zählt, und das sehen wir auch anhand der Zuschauerzahlen, ist Live-Fußball. Die Leute wollen dabei sein, wenn es passiert.
Sollte die heimische Bundesliga im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen sein?
Was sicherlich öffentlich-rechtlich sein muss, sind die Spiele der österreichischen Nationalmannschaft. Das hat für mich oberste Priorität. Dass die nationale Liga nur im Pay-TV zu sehen ist, gibt es in anderen Ländern schon viel länger. Wer mehr zahlt, bekommt eben die Rechte. Ich weiß aber nicht, ob die Vereine so gut beraten sind, wenn man sich die Quoten ansieht.
Ihre Begegnung mit Ex-Austria-Coach Thorsten Fink wurde schon umfassend besprochen. Sie haben später gesagt, dass Sie es eigentlich gut finden, wenn diese Emotionen im Fernsehen zu sehen sind. Sind solche Momente weniger geworden?
Gott sei Dank gibt es noch ein paar Trainer, Sportdirektoren oder Präsidenten, bei denen es anders ist. Der Heiko Vogel war ein brodelnder Vulkan, wenn er verloren hat. Ich mag das aber, wenn man da ein bisserl etwas spürt. Die Spieler sind leider teilweise komplett glattgebürstet. Es ist nicht bei allen Vereinen gleich, bei Salzburg ist es extrem. Die lassen die Jungen gar nicht vors Mikrofon. Wir haben immer wieder angefragt, ob wir Hannes Wolf für ein Interview bekommen. Da hat es immer geheißen: „Nein, der ist noch nicht bereit.“Wenn Thorsten Fink erklärt, dass Sie und Ihre Kollegen keine Ahnung von Fußball haben, ist das in der Situation nicht auch persönlich unangenehm?
Bei ihm habe ich schon gewusst, dass es kritisch werden kann, wenn ich mit einer Frage komme, die ihm nicht so passt. Als er gesagt hat, dass wir uns ja nicht auskennen, weil wir vom Skifahren kommen, habe ich innerlich lachen müssen, weil er den Peter Hackmair miteinbezogen hat. Aber persönlich war mir das kein Problem.
Wie haben Sie die Reaktionen auf dieses Interview erlebt?
Normalerweise sind neun von zehn unserer Zuseher auf der Seite des Sportlers. In dem Fall hat es sich die Waage gehalten. Es hat sich ein Austria-Vorstandsmitglied bei mir entschuldigt und gesagt, dass sich der Joschi Walter im Grab umdreht, wenn sich ein Austria-Trainer so verhält. Normalerweise klatschen ja alle, wenn der TV-Moderator eine auf den Deckel bekommt.
Gewöhnt man sich an solche Situationen?
Es hat mit Routine zu tun. Ich kann mich noch an Interview mit Hermann Maier 1999 erinnern. Das war damals seine erste Abfahrt in Kitzbühel und er war gleich der große Favorit. Er ist leicht angeschlagen gewesen, hat aber gesagt, das wäre kein Problem. Und dann wird er nur Achter. Im Ziel habe ich ihn gefragt, ob die Streif möglicherweise eine besondere Herausforderung ist. Er war enttäuscht, hat herum gedruckst und gemeint, dass er die Verletzung gespürt habe. Also habe ich nachgefragt, warum er überhaupt gestartet sei. Er ist dann einfach gegangen. Das war schon sehr unangenehm.
Wie sind Sie damit umgegangen?
Die Reaktionen waren heftig. Am nächsten Tag beim Slalom bin ich im Zielraum beschimpft worden. Wir haben auch viele Zuschriften bekommen, nach dem Motto, dass ich als Wiener nicht einmal einen Stemmbogen kann und mich traue, den Maier zu kritisieren. Ich habe mich dann entschuldigt und gesagt, dass meine Wortwahl etwas überzogen gewesen wäre. Das würde ich heute nicht mehr tun.
Sie haben sich gemeinsam mit Herbert Prohaska und Roman Mählich in den letzten Jahren den Ruf des Schmähbruders erarbeitet. Wie gut passt das mit journalistischer Arbeit zusammen?
Ich passe immer darauf auf, dass das nicht aus dem Ruder läuft. Wir sind kein Unterhaltungsformat, sondern wir wollen die Leute informieren. Ich würde auch nicht mit Zwang versuchen, lustig zu sein. Aber wenn sich etwas ergibt, oder der Herbert etwas sagt, steige ich gern darauf ein.
Sie haben nicht das Gefühl, dass Hintergründiges dabei zu kurz kommt?
Nein, das ist auch mein Anspruch. Wir haben in Russland bei der WM einige recht politische Beiträge gebracht und waren auch mit unserer Korrespondentin in Moskau im regen Austausch. Es gibt sicher Fußball-Fans, denen das egal ist, aber für mich gehört das dazu.
Wie wichtig sind derartige Themen für Fußballer? Es gibt ja kaum politische Äußerungen.
Das stimmt und das ist nicht nur im Fußball so. Die meisten sagen dann, dass sie eh eine Meinung haben, aber wollen sie nicht öffentlich sagen.
Stellen Sie deswegen kaum Fragen in diese Richtung?
Das ist ein Grund. Aber dafür muss ohnehin das Setting passen. Die Paraskifahrerin Claudia Lösch hat sich vor einiger Zeit kritisch über das österreichische Sportfördersystem geäußert. Im Oktober ist sie bei der Galanacht des Sports als Behindertensportlerin des Jahres ausgezeichnet worden. Da haben wir im Vorfeld darüber diskutiert, ob ich sie, so sie gewinnt, auf ihre Kritik ansprechen sollte. Ich habe mich dagegen entschieden. Bei „Sport am Sonntag“ können wir gerne darüber reden, aber die Galanacht ist dafür nicht das richtige Format.
Sie waren schon bei vielen Großereignissen dabei. Sind das noch immer Höhepunkte für Sie?
Auf jeden Fall. Die Europameisterschaft in Frankreich war etwas Besonderes. Wir hatten da zwei Studios, eines in Paris und eines im Teamquartier. Wenn Österreich mitspielt, steigert das die Bedeutung enorm. Da schauen auf einmal 1,7 Millionen Leute zu und es herrscht eine Spannung, die du sonst nicht hast. Ich wünsche mir wirklich, noch einmal zu einer WM zu fahren, bei dir Österreich mitspielt.
Wie belohnen Sie sich nach einer gelungenen Sendung?
Ich war noch nie mit einer Sendung zu 100 Prozent zufrieden. Entweder es war ein Versprecher dabei oder eine Einspielung ist zu spät oder zu früh gekommen. Da bin ich Perfektionist. Ich freue mich, wenn wir große Spiele gewinnen oder Olympiagold holen und wir dabei unsere Arbeit gut gemacht haben.
Rainer Pariasek (54) hat sein Jus-Studium abgebrochen, um in der Sportredaktion des ORF-Radios zu arbeiten. 1996 wechselte der Wiener zum Fernsehen und moderiert seitdem Liveeinsteige von olympischen Spielen genauso wie das wöchentliche Format „Sport am Sonntag“.