„Arbeiterrechte sind Menschenrechte“, sagt der junge Mann auf dem Podium, er sagt es auf Englisch, es ist einer der Sätze an diesem Abend Mitte Janner, der den meisten Applaus erhalt. Die Rechte, um die es ihm geht, sind jene der südasiatischen Arbeiter auf den Baustellen der arabischen Halbinsel. Die Veranstaltung im Berliner Lokal Baiz ist sehr gut besucht, obwohl der Termin erst wenige Tage vorher angekündigt worden ist. Rund 80 Menschen drängen sich im Hinterzimmer, nicht für alle gibt es Sitzplätze.
„Hand auf, Mund zu? Katar, Menschenrechte und der FC Bayern“ lautet der Titel der Veranstaltung am Vorabend des Bundesliga-Spiels zwischen Hertha BSC und dem FC Bayern. Es ist die erste Runde im Jahr 2020, die Bayern sind vor einer Woche aus dem Trainingslager zurückgekehrt, das wie jeden Winter seit 2011 in Katar stattgefunden hat. Und wie jeden Winter seit 2011 protestieren auch heuer die Fans dagegen – mit Spruchbändern im Stadion und mit dieser Veranstaltung.
Die Fangruppe „Club Nr. 12“ aus München hat den Abend gemeinsam mit dem Berliner Verein Gesellschaftsspiele organisiert. Im Fokus stehen die zwei Gäste aus Nepal, Milan und Prasad, die eigentlich anders heißen. Vor einigen Tagen waren sie bereits bei einer Diskussion in München, die Reise wird von der Rosa-Luxemburg-Stiftung finanziert. Die beiden sind Aktivisten von Shramik Sanjal, einer 2018 gegründeten Interessensvertretung nepalesischer Arbeiter in den Golfstaaten. Sie wollen aufklaren, sagen sie dem ballesterer. Am Golf und in Europa. „Viele Arbeiter kennen ihre Rechte nicht“, sagt Prasad. Die Einschätzung wird durch Recherchen des norwegischen Fußballmagazins Josimar von 2018 bestätigt. Die Redakteure haben mit Arbeitern am Flughafen von Doha gesprochen und festgestellt, dass diese oft weder über die zulässige Wochenarbeitszeit und den Mindestlohn informiert sind noch über ihr Recht auf eine jährliche Heimreise.
SOFTE SKLAVEREI
Wie alle Länder der Region ist Katar massiv auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Nur etwa zehn Prozent der rund 2,5 Millionen Menschen, die dort leben, haben einen katarischen Pass. Wer als Ausländer in Katar arbeitet, tut dies im Kafala-System. Ein Katari bürgt für die Arbeitnehmer, er ist für ihre Anreise und Unterkunft verantwortlich, sie sind von ihm abhängig und dürfen ohne seine Einwilligung weder den Job wechseln noch das Land verlassen. Moderne Sklaverei nennen das Gewerkschaften. Die katarische Regierung hat immer wieder angekündigt, das Kafala-System zu beenden. Im Herbst 2019 wurden Gesetzes Änderungen beschlossen, um eine selbstbestimmte Ausreise und einen Jobwechsel zu ermöglichen und regelmäßige Bezahlungen zu garantieren.
Doch Skepsis ist geboten. Das ist die wichtigste Botschaft bei der Diskussion in Berlin: Ja, es gibt Verbesserungen, aber nur für wenige. „Die Situation der meisten Arbeiter ist noch genauso schlecht wie früher“, sagt Milan. Zustimmung kommt von Human Rights Watch. Die Menschenrechtsorganisation weist Mitte Februar in einer Aussendung auf ausbleibende Lohne bei WM-Bauprojekten hin. „Die Verantwortlichen scheinen mehr daran interessiert, ihre kleinen Reformen medial auszuschlachten als sie auch tatsachlich umzusetzen“, sagt Michael Page, Nahost-Direktor von Human Rights Watch.
Das Kafala-System existiert nicht nur in Katar, sondern auch in Bahrain, dem Libanon, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Doch dort findet 2022 keine Fußball-WM statt. Mit der Vergabe des Turniers an Katar ist das Land ins Rampenlicht gerückt – in mehrfacher Hinsicht. Die WM ist ein Baustein der katarischen Soft-Power-Politik, sich über Investitionen in Sport, Wissenschaft und Kultur einen Platz auf der Landkarte zu sichern. Das sei, schreibt James Dorsey, Experte für Sport im Nahen Osten, die zentrale Sicherheitsstrategie, mit der sich Katar vor dem mächtigen Nachbar Saudi-Arabien schützt. „Sie fußt auf dem Wissen, dass das Land sich niemals militärisch verteidigen konnte. Der Sport dient dazu, Katar so in der internationalen Gemeinschaft zu verankern, dass die Welt in Zeiten der Not zu Hilfe eilen wurde.“ Wenige Tage nach der WM-Vergabe im Dezember 2010 wurde die Qatar Foundation Trikotsponsor des FC Barcelona. Im Janner 2011 reiste der FC Bayern erstmals zum Trainingslager in die Aspire Academy, in der Katar Talente für sein Nationalteam sichtet. Im Mai 2011 erwarb Qatar Sports Investments die Mehrheitsanteile von Paris Saint-Germain. In Katar fanden Radrennen, Tennis- und Golfturniere, die Handball-WM 2015 und die Leichtathletik- WM 2019 statt.
SCHULDENFALLE
Durch die internationale Aufmerksamkeit geriet auch in den Blick, wer den Preis für den Sportboom in Katar zahlt. Die Arbeitsbedingungen insbesondere auf den WM-Baustellen wurden von NGOs und Gewerkschaften kritisiert, zahlreiche Medienberichte widmen sich dem Thema. Bei der Veranstaltung in Berlin berichtet Milan über seine Erfahrungen. Er hat in Saudi-Arabien gearbeitet und ist häufiger in Katar gewesen. „Ich habe viele Vorurteile gegenüber nepalesischen Arbeitern erlebt – dass sie dreckig und gefährlich seien.“ Die Organisation Shramik Sanjal, zu Deutsch Arbeiternetzwerk, habe derzeit 500 Mitglieder, die sich vor allem unter Schwerarbeitern rekrutieren. Der Austausch funktioniert über Chats und Videotelefonie über verschiedene Länder hinweg. Die größten Probleme seien die schlechte Gesundheitsversorgung, ausbleibende Lohne und Schulden. Was der letzte Punkt bedeutet, erklärt Prasad. Er hat in Nepals Hauptstadt Kathmandu studiert und dort gearbeitet, bevor er nach Katar abgeworben wurde. „Für die Vermittlung und die Reise sollte ich 1.500 Dollar zahlen“, sagt er. „Bei einem Lohn von 300 bis 400 Euro im Monat habe ich zuerst die Schulden abarbeiten müssen, bevor ich überhaupt etwas verdient habe.“
Der Fußball habe großen Einfluss in Katar, betont ein weiterer Podiumsgast an diesem Abend, Nicolas McGeehan. Er hat sich für Human Rights Watch mit den Arbeitsbedingungen in der Golfregion beschäftigt und setzt auf öffentlichen Druck. „In Doha ist der FC Bayern sehr präsent“, sagt er. „Negative Presse beunruhigt die Kataris und den Verein.“ Kritik der Medien gibt es ebenso wie Proteste von den Fans seit dem ersten Trainingslager der Bayern in Katar. Lange stellte sich die Klubführung auf den Standpunkt, dort nun einmal gute Trainingsbedingungen vorzufinden und vor Ort kritische Gespräche zu führen. 2016 schloss der Verein einen Sponsoringvertrag mit dem Flughafen von Doha. Vor Abschluss des Deals hatte der Klub die Expertise von Human Rights Watch eingeholt, McGeehan war einer der zuständigen Mitarbeiter. Die NGO warnte vor einem Imageschaden und riet dazu, im Fall einer Kooperation eine Verbesserung der arbeitsrechtlichen Bedingungen im Land zu fordern. Zu solch klaren Worten konnte sich der FC Bayern jedoch nicht durchringen. „Teil der Kooperation ist es, dass wir gemeinsam soziale Projekte und den Dialog über gesellschaftspolitisch kritische Themen fordern werden“, sagte Karl-Heinz Rummenigge. Bayerns Vorstandsvorsitzender hatte drei Jahre zuvor für wenig imageförderliche Schlagzeilen gesorgt, als er unverzollt Rolex-Uhren aus Katar ausgeführt hatte. Es waren Geschenke.
STUMME BAYERN
Der schärfsten Kritik war der FC Bayern 2015 ausgesetzt, als das Team im Janner ein Testspiel im Nachbarland Saudi-Arabien absolvierte. Man sei hier, um für die Leute zu spielen, sagte Trainer Pep Guardiola damals. Davon, dass saudischen Frauen Stadionbesuche verboten und kurz zuvor ein Regierungskritiker öffentlich ausgepeitscht worden war, sprach er nicht. Der Ausflug war ein Fehler, wie der Verein im Nachhinein erkannte. Und er ist korrigiert worden.
Zur Bekanntgabe der Partnerschaft mit dem Flughafen flogen 2016 nicht nur Rummenigge und Franck Ribery nach Doha, als Botschafterin für Gesellschaftspolitik war Lena Lotzen vom Frauenteam dabei. Die Anwesenheit der Teamspielerin markierte einen Wendepunkt in der Öffentlichkeitsarbeit der Bayern. Im Janner 2018 reisten nicht nur die Männer in die Aspire Academy, sondern auch die Frauen. Heuer waren die Spielerinnen zum dritten Mal in Katar, der Klub berichtete ausführlich über ihre Aktivitäten auf und neben dem Platz: Es standen Besuche in Museen und einer Mädchenschule, ein Training mit Spielerinnen aus Doha sowie Treffen mit UN-Vertretern auf dem Programm. „Hand in Hand: Fußball und Gleichberechtigung“, wie es auf der Klubwebsite heißt. Für seine gesellschaftspolitische Verantwortung hat der FC Bayern eine Inhouse-Lösung gefunden. Die Männer absolvieren ihr Trainingslager, ohne sich öffentlich mit den Rechten von Arbeitern und Frauen in Katar beschäftigen zu müssen.
Wie es anders gehen könnte, skizziert Nicolas McGeehan. „Ihr habt mit den Arbeitern gesprochen, sie gefragt, ob sie den Mindestlohn verdienen“, sagte er im Interview mit den Josimar-Journalisten. „Warum hat das niemand von den Bayern gemacht? Sie fliegen seit Jahren zum Flughafen in Doha, warum reden sie nicht einfach mit den Leuten dort, fragen nach ihren Lohnen und Unterkünften und den wöchentlichen Arbeitszeiten. Ist das so schwierig?“
Milan und Prasad sind nicht nach Deutschland gekommen, weil sie für einen WM-Boykott werben oder sich gegen die Trainingslager der Bayern aussprechen wollen. „Wir treffen Fans, Journalisten und Politiker und informieren sie“, sagt Prasad. „Ihre Solidarität ist wichtig, damit die Regierung in Katar Druck spürt.“ Die Reise der nepalesischen Aktivisten nach Deutschland wäre eine weitere Gelegenheit für die Bayern-Funktionäre gewesen, ins Gespräch zu kommen – nicht mit Vertretern des WM-Organisationskomitees oder der katarischen Regierung, sondern mit einer Interessensvertretung der Arbeiter. Der Klub lehnte eine Teilnahme an den öffentlichen Veranstaltungen ebenso ab wie ein Gespräch hinter verschlossenen Türen.