24. Oktober 2020
SC Wiener Viktoria – ASV Draßburg
Sportplatz Oswaldgasse
100 Zuschauer
Sturschädel der Nation
Die Lautsprecher an der Nordgeraden scheppern im Zwei-Viertel-Takt. „Wir sagen es ganz deutlich, damit ihr es kapierts, ’s san alles Meidlinger, gegen die ihr heut’ verlierts“, müssen sich die Gäste aus Draßburg kurz vor Spielbeginn anhören. Die Hymne der Wiener Viktoria richtet sich heute an mehrere Gegner. Erst um Mitternacht ist geklärt worden, dass die neue Coronaverordnung auch der Regionalliga Ost den Kantinenbetrieb zugesteht. Zum Duell der zehnten Runde sind daher nur 100 Fans erschienen. Die sportlichen Hoffnungen des Gastgebers liegen auf dem Neuner, Bough Kevin Guy Roland Bangai, der nach achtwöchiger Verletzungspause in den Kader zurückgekehrt ist.
Toni Polster sitzt auf der Trainerbank und zeigt seine Anspannung mit verschränkten Armen und einer weit vorgeschobenen Unterlippe. Erst in der vergangenen Saison ist ihm der Wiederaufstieg in die drittklassige Regionalliga gelungen. Zuletzt sind vier seiner Spieler zu Vereinen gewechselt, bei denen sie mehr als eine Aufwandsentschädigung erhalten. „Es ist ein harter Weg“, wird Co-Trainer Kurt Castek nach dem Spiel sagen. Nicht nur, weil es Schiedsrichter gebe, die sich gegen die Legende Polster beweisen wollen würden, sondern auch, weil für diesen jede Niederlage undenkbar sei. Als in der zwölften Spielminute das 1:0 durch Bangai fällt, springt Polster zum ersten Mal auf. „Zu null, Milos!“, ruft er Abwehrchef Milutinovic zu. „Zu null!“ Polster, der eine blaue Steppjacke und Wildlederschuhe trägt, will als Trainer ernst genommen werden. Dass die Erwartungen der Öffentlichkeit an ihn stets höher waren als an andere, hat er als Spieler gelernt. Beim Pausenstand von 1:1 zieht Polster auf dem Weg in die Kabine den linken Fuß ein wenig nach.
15. November 1989
Österreich – DDR
Praterstadion
57.000 Zuschauer
Land der Berge, Land der Täler. Als im Praterstadion kurz vor 18 Uhr die Bundeshymne ertönt, geht die Bläserstimme in einem Pfeifkonzert unter. „Polster raus!“-Rufe stellen klar, gegen wen sich der Groll der Massen richtet. Vor dem letzten Spieltag der Qualifikationsgruppe 3 steht Österreich auf dem vorletzten Tabellenrang, punktegleich mit der Türkei und der DDR beim schlechtesten Torverhältnis. Eine Teilnahme an der WM in Italien ist nur möglich, wenn ein Sieg gegen die DDR gelingt und die Türkei dem Gruppenersten UdSSR unterliegt. Die Anhänger des Nationalteams wollen nicht mehr daran glauben. Und haben den Schuldigen ausgemacht. „Es war blanker Hass“, sagt Alexander Real. Als 14-Jähriger steht er im Fanblock, um sein Idol Polster aus der Nähe zu erleben. „Als ich ihn bei der Mannschaftsaufstellung angefeuert habe, habe ich befürchtet, mir eine Schlägerei einzuhandeln.“ Eine derartig feindselige Stimmung gegen den eigenen Mann, und das bei einem entscheidenden Spiel, sagt der Austria-Fan, könne man sich kaum vorstellen.
Längst hat zu arbeiten begonnen, was der Politikwissenschafter Robert Hummer 2006 mit einem von Thomas Bernhard entliehenen Begriff bezeichnen wird: die österreichische Quälmaschine. Im September 1988 ist Polster bei einem Testmatch gegen Ungarn am Elfmeterpunkt vom Salzburger Publikum ausgepfiffen worden – und hat verschossen. Den bisherigen Tiefpunkt seiner Karriere datiert er auf den 23. August 1989. Beim Spiel gegen Island hat ihm Josef Hickersberger einen Platz auf der Bank zugewiesen und den Rapidler Heimo Pfeifenberger aufgestellt. Später wird von Morddrohungen, die den Teamchef zu dieser Entscheidung gezwungen hätten, berichtet.
Der 14-jährige Real ist es gewohnt, Polster verteidigen zu müssen: gegen die Mitschüler, die Freunde, den Vater. „Die Vorwürfe waren, dass er zu wenig läuft, sich für Österreich nicht bemüht, in Spanien zu viel verdient.“ Während anderen Spielern ihre Erfolgsarmut verziehen wird, gilt der einzige Legionär im Team als überbewertet. Real vermutet dahinter Neid. „Eine gängige Erklärung der Wiener dafür, dass jemand gut ist, lautet: Der hat Glück gehabt“, sagt er. „Oder: Der hat sich eingeschleimt. Oder: Der hat Dreck am Stecken. Es darf hier niemand sagen, dass er etwas kann.“ Das Selbstbewusstsein, das Polster die Erfolge im Ausland gelehrt haben, macht ihn in der Heimat zum Außenseiter. „Er hat sich für das, was er konnte, nicht entschuldigt“, sagt Real.
Ein solches Verhalten bezeichnet der Philosoph Sven Rücker als Absage an den Normierungsdruck. Dass Polster die Rolle des Sündenbocks zugefallen ist, sei kein Zufall. „Es trifft oft die Exzentriker, also diejenigen, die von vornherein nicht in die Gruppe integriert sind“, sagt Rücker. Während die Abweichung bei Erfolg für das Kollektiv bewundert werde, biete sie bei Misserfolg umso mehr Angriffsfläche. „Man nennt das den Opfermechanismus“, sagt der Philosoph. „Damit sich die Mitglieder einer Gruppe in ihrem Selbstbild schadlos halten können, muss der Misserfolg entäußert werden.“ Im Fußball spielt dieses Phänomen eine besondere Rolle, weil sich Fans mit ihren Spielern identifizieren. „Ich und die Mannschaft sind eins“, sagt Rücker, „also muss ein Schuldiger gefunden werden.“ Nun gibt es Spieler, die am kollektiven Hass zerbrechen. „Und es gibt solche“, sagt Rücker, „die daran wachsen.“
Das 1:0 für Österreich schießt Polster in der zweiten Spielminute nach einem Solo an der Strafraumgrenze. „Ich bin begeistert und Sie auch zu Hause!“, ruft ORF-Kommentator Michael Kuhn ins Mikrofon. Bis zur 23. Minute hat sich die Stimmung im Stadion ins Gegenteil verkehrt. Als Polster sich den Ball zum Elfmeter zurechtlegt, wird er von „Toni, Toni!“-Rufen begleitet. 2:0. „Der Toni Polster hat endlich das gemacht, was hier die Fußballfreunde sagen: Er soll nicht nur in Spanien die Tore schießen, sondern auch für uns“, ruft Kuhn. In der 61. Minute gelingt Polster aus einem Konter das 3:0. Da die Türkei in der Sowjetunion verliert, ist Österreich für die WM qualifiziert. „Das größte Spiel eines Prügelknaben der Fußballnation“, nennt Kuhn das Ereignis.
Andreas Herzog, der an diesem Abend wegen einer Erkältung erst spät eingewechselt wird, geht in seiner Bewertung noch weiter. „Neben dem Olympia-Gold von Hermann Maier nach seinem Sturz in Nagano und dem zweiten Weltmeistertitel von Niki Lauda nach dem Unfall auf dem Nürburgring war Tonis Auftritt im DDR-Spiel eine der drei größten Leistungen der österreichischen Sportgeschichte“, sagt er dem ballesterer. Besonders Polsters Integrität habe ihm imponiert. „Wie er nach dem 3:0 in die Kurve gegangen ist und die Zuschauer, die ihm zugejubelt haben, beschimpft hat, das werde ich nie vergessen.“ Polster selbst schreibt in seiner Autobiografie: „Auf die Ehrenrunde mit der Mannschaft habe ich verzichtet. Hätte ich sie etwa vor Leuten drehen sollen, die wie Fahnen im Wind sind? Ich bin doch kein Heuchler.“
Auf beständige Anerkennung in der Heimat wird Polster noch jahrelang warten müssen. Weder trägt das Vorrundenausscheiden bei der WM in Italien zu seiner Popularität bei noch die Niederlage gegen die Färöer wenige Monate später. Das Sportmagazin nennt ihn 1993 den umstrittensten Fußballer des Landes, während ihm die Parodien der Kabarettgruppe „Die Hektiker“ jeden Verstand absprechen. Die Logik des Jetzt-erst-recht wird sich Polster bewahren. Und über das WM-Qualifikationsspiel noch 30 Jahre später sagen, dass er die DDR im Alleingang beendet habe. Mindestens sportlich.
11. September 1982
First Vienna FC – FK Austria Wien
Hohe Warte
5.500 Zuschauer
Polster hat in der Bundesliga 84 Minuten in den Beinen, als er zum ersten Mal trifft. Der neue Austria-Trainer, Vaclav Halama, hat ihm drei Wochen zuvor zu seinem Debüt verholfen. Bei Polsters viertem Kurzeinsatz gerät die Austria auf der Hohen Warte kurz nach der Pause in Rückstand. Aber sie kann das Spiel noch drehen, Polster schießt das letzte der drei Tore. 118 weitere werden in der Bundesliga für die Austria folgen. Noch im März 1982 hat Halamas Vorgänger Erich Hof über Polster gesagt: „Der wird in der Bundesliga nie etwas reißen.“ Dabei hat er in den Nachwuchsauswahlen durchgehend getroffen und ist zweimal Torschützenkönig in seiner Altersklasse geworden. Hof holt ihn nicht in den Profikader, woraufhin der schlaksige Stürmer auf Leihbasis für ein halbes Jahr zum 1. Simmeringer SC in die zweite Liga wechselt. Auch dort stößt seine Spielweise nicht auf Gegenliebe. „Bewegungsfaul und hüftsteif“, diagnostiziert Trainer Ernst Dokupil. Trotzdem kommt der knapp 18-Jährige regelmäßig zum Einsatz. Auch dank seiner acht Tore in 13 Partien steigt Simmering 1982 auf.
Tore haben Polster schon als Kind geholfen, sich gegen Ältere durchzusetzen. Wenn im Käfig des „Känguru-Hofs“ in Wien-Favoriten gekickt wurde, durfte er zunächst nicht mitspielen, weil er zu klein war. Polster setzte sich durch, indem er öfter traf als alle anderen. Mit neun Jahren schaffte er so den Sprung in den Nachwuchs der Wiener Austria. Herbert Prohaska, der Polster als Teamkollege und später als Teamchef begleiten sollte, erinnert sich: „Ich war vielleicht 18 Jahre alt und habe mit der Austria ein Jugendturnier gespielt. Parallel dazu waren die Knaben im Einsatz, und jemand hat mir gesagt: ‚Da spielt ein Bub, der schießt alle Goals.‘ Wann immer er den Ball gekriegt hat, hat er getroffen. Das war beeindruckend.“ Weil Hof im Sommer 1982 Teamchef wird, bekommt Polster eine zweite Chance bei der Austria.
Das Kapitel über Toni Polster im Buch „100 Jahre FK Austria Wien“ trägt den Titel „Der Irrtum des Erich Hof“. Dabei verhilft ihm der Teamchef noch im November 1982 zum Debüt in der Nationalmannschaft. Weil sein Vorbild Hans Krankl nicht im Aufgebot steht, darf Polster gegen die Türkei von Beginn an spielen. Er trifft nach zehn Minuten. Erst zwei Jahre später wird ihn Hof wieder einberufen, bis dahin kommt Polster an Krankl und Walter Schachner nicht vorbei, er spielt in der U21 oder gar nicht.
Auch bei der Austria hat Polster nun ein Problem: Tibor Nyilasi. Für den ungarischen Teamspieler muss er auf den Flügel ausweichen. „Er hat richtig Angst gehabt, dass er keine Tore schießt, aber er hat vom Start weg getroffen“, sagt Teamkollege Prohaska. Den Unterschied zwischen den Goalgettern beschreibt er so: „Tibor war mehr der spielende Stürmer, der auch einmal abgelegt hat. Beim Toni war es eher wie beim Hans Krankl: Wenn er gut positioniert war, hast du den Ball nicht mehr gesehen.“ In seiner Autobiografie wird sich Polster später erklären: „Wenn man so viel spielt, gewöhnt man sich einen ökonomischen Stil an. Und wer zu viel auf dem Feld herumkurvt, dem geht dann vor dem Tor die Kraft aus.“ Tore sind es aber, auf die es ankommt. Mögen die Trainer sagen, was sie wollen. „Er war ein schlampiges Genie“, sagt Halamas Nachfolger Thomas Parits. Er packt Polster bei der Ehre. „Ich habe ihn immer kritisiert. Wenn er drei Tore geschossen hat, habe ich gesagt: ‚Toni, du hättest fünf machen müssen.‘“
Polsters Ehrgeiz greift. Bei der Austria wird er Nyilasi in den Schatten stellen und dreimal Torschützenkönig werden. Schon 1986 ist er der drittbeste Torjäger Europas, und 1987 spielt er eine Saison für die Geschichtsbücher. Er erzielt 39 Treffer und verpasst den Ligarekord von Krankl nur um zwei Tore. Es reicht für Polster allerdings auch diesmal nicht zum Goldenen Schuh – vorerst. Rodion Camataru gewinnt die Wertung mit 44 Treffern und gerät unter Manipulationsverdacht. 20 Tore hat er in den letzten sechs Spielen für Dinamo Bukarest erzielt. Polster weigert sich, die Trophäe für den Zweitplatzierten anzunehmen. Erst 2007 wird ihm die UEFA im Nachhinein den Goldenen Schuh überreichen. 2011 wird er noch vor Nyilasi in die Jahrhundert-Elf der Austria gewählt.
18. September 1988
FC Sevilla – Atletico Madrid
Ramon Sanchez Pizjuan
60.000 Zuschauer
Schon im ersten Heimspiel gegen Oviedo hat der Mittelstürmer mit der Nummer 10 sein Premierentor für den FC Sevilla erzielt. Eine Woche später legt Polster nach. Gegen Atletico Madrid löst er sich nach einem Flankenlauf mit einem Haken von seinem Bewacher und schießt vom Strafraumeck. Mit leichtem Effet landet der Linksschuss im Kreuzeck. „Es war eines der beeindruckendsten Tore, die ich je gesehen habe“, sagt der Journalist Jose Lobo dem ballesterer.
Als dreifacher Torschützenkönig und dreifacher Meister mit der Austria hat Polster in Österreich nichts mehr erreichen können. Im Ausland warten neue Herausforderungen, Geld – und bisher ungeahnte Anerkennung. Seine erste Station ist im Sommer 1987 Torino Calcio. „Empfangen haben sie mich in Turin wie einen König. Mit Pauken und Trompeten“, schreibt er in seiner Autobiografie. Schon im ersten Pflichtspiel trifft er in Avellino, eine Woche später folgt ein Hattrick gegen Sampdoria. Die italienische Presse verpasst ihm daraufhin den Spitznamen „Golster“. Nach dem ersten Saisondrittel ist seine Torquote besser als die von Juventus’ Ian Rush und Napolis späterem Torschützenkönig Diego Maradona. Im Frühjahr allerdings wendet sich das Blatt. Polster fehlt der Torerfolg, er wird öfter ausgewechselt und steht zweimal nicht im Kader. Torino arbeitet sich indes mit Unentschieden und knappen Siegen unter die ersten Sechs der Tabelle. Trainer Luigi Radice will seine Mannschaft nicht mehr umstellen, Polster ist unzufrieden und trifft nur noch zweimal. Am Saisonende stehen neun Tore zu Buche.
Im Sommer 1988 wechselt der 24-Jährige zum spanischen Mittelständler Sevilla. „Die Fans waren begeistert“, sagt Lobo. „Sevilla hatte schon immer gute ausländische Stürmer. Und Polster hat von Beginn an alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ich hatte noch nie einen Kerl wie ihn gesehen.“ In Spanien wird Polster auch außerhalb des Platzes zur Attraktion. In einem Porträt des Magazins Panenka heißt es: „Das Estadio Sanchez-Pizjuan vergötterte den Lockenkopf mit der Goldkette. Er passte zur Stadt, als hätte er sein Leben in den Arbeiterbezirken verbracht.“ Polster wird von den Fans als einer der ihren angenommen und steht nach Toren jubelnd auf der Absperrung vor der Kurve der „Biris“.
Nach dem starken Start lassen Sevilla und Polster nach. Der Klub wird Neunter, Polster hat nur neunmal getroffen und gerät unter Druck. Wieder einmal wirft man ihm vor, sich zu wenig zu bewegen und im entscheidenden Moment unterzutauchen. Und wieder antwortet Polster auf seine Art. Mit 33 Toren wird er in der Saison 1989/90 so oft für Sevilla treffen wie keiner seither. Ein größerer Star wird Polster nie mehr sein. Bis heute zählt er in Sevilla zu den wichtigsten Angreifern der Geschichte, sein Goldener Schuh ist sogar im 2018 eröffneten Vereinsmuseum ausgestellt. „Polster ist noch immer eine Referenz“, sagt Lobo. „Letzte Saison haben viele gesagt: Wenn diese Mannschaft einen Polster hätte, würde sie Meister werden.“
Doch auch in Sevilla gilt sehr schnell die alte Regel, dass kein Spieler größer ist als der Klub. Kaum ein Jahr nach seinem größten Erfolg brüskiert Polster Fans und Verein, als er nach einer Auswechslung wutentbrannt sein Trikot auf die Ersatzbank schleudert. Die Geduld der Anhänger ist zu Ende, als Sevilla im Cup gegen Barcelona untergeht. Polster ist keine Identifikationsfigur mehr, er ist nur mehr Söldner.
Anderswo wird er mit offenen Armen empfangen. „Es ist für mich immer noch schwer zu glauben, dass ein so guter und junger Stürmer damals bei Logrones und Rayo Vallecano gelandet ist“, sagt Lobo. Bei den kleinen Erstligisten aus der Rioja und Madrid zieht Polster nicht nur auf dem Platz die Blicke auf sich. Er trägt eine rote Lederjacke und raucht mehrere Packungen am Tag. „Ich bin sicher der größte Star, der je dort gespielt und den Torrekord gebrochen hat“, sagt Polster selbst über seine Zeit bei Logrones. Im Magazin Jot Down erinnert sich der langjährige Rayo-Spieler Paco Jemez: „Eines Tages hat er sich einen neuen Mercedes gekauft. Er wurde aus Deutschland gebracht, alles Automatik. Er hat gesagt: ‚Der gefällt dir, was? Keine Sorge, eines Tages wirst du auch so einen haben.‘“
8. September 1993
1. FC Köln – Dynamo Dresden
Müngersdorfer Stadion
17.000 Zuschauer
Am siebenten Spieltag der Bundesliga-Saison 1993/94 sitzt Polster auf der Tribüne. Vier Tage zuvor hat der neue Stürmer des 1. FC Köln in seinem ersten Derby gegen Leverkusen wegen Nachtretens die Rote Karte gesehen. Die Sperre kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn Polster ist gerade erst in Fahrt gekommen. Beim Sieg gegen Waldhof Mannheim in der zweiten Runde des DFB-Pokals Ende August hat er zwei der vier Tore geschossen. Das folgende Ligaspiel gegen den SC Freiburg hat er mit einem weiteren Doppelpack entschieden. Grund genug für Geschäftsführer Wolfgang Schänzler, vor dem DFB-Sportgericht den Videobeweis anzutreten. Dass die mitgebrachte VHS-Kassette statt der fraglichen Spielszene einen zwölfminütigen Konzertmitschnitt der Karnevalsband „Bläck Föös“ zeigt, hat seine eigene Logik. „Dä ein säät su, dä andre su“, singt die Band: „Der eine sagt so, der andere so.“ Die Sperre wird von acht auf sechs Spiele reduziert.
Seine Liebe zum Kölner Karneval wird Polster erst etwas später entdecken. Derweil bemüht er sich in Interviews um eine verständliche Aussprache und will, vor allem anderen, seinen linken Fuß sprechen lassen. „Zu Beginn ist er vom Boulevard wegen seiner Lauffaulheit immer wieder beschimpft worden“, sagt Frank Lußem. Der Kölner Kicker-Redakteur hat stattdessen zu analysieren versucht, was Polster für den Verein Spiel wertvoll gemacht habe – und sei schnell fündig geworden. „Viele haben übersehen, dass er mit seiner Präsenz im Strafraum zwei Leute gebunden hat, was anderen Freiräume gegeben hat“, sagt er. „Polster war listig und mutig. Er hat aus Positionen geschossen, aus denen andere sich das nie getraut hätten. Für mich war klar, dass er sich durchsetzen würde.“
Dynamo Dresden gewinnt die Partie am 8. September in Unterzahl 1:0. Zu diesem Zeitpunkt wagt Polster noch nicht zu hoffen, dass er einmal zum Liebkind der Kölner avancieren wird. Nicht nur wird er Leistung auf dem Platz bringen: In seiner ersten Saison schießt Polster 15 weitere Tore und landet damit auf dem dritten Platz der Torschützenliste. In der Rückrunde der folgenden Spielzeit bildet er gemeinsam mit Bruno Labbadia das gefährlichste Sturmduo der Liga und erzielt erneut 17 Treffer. Polster wird außerdem zunehmend für sein loses Mundwerk gefeiert. Als ihn ein Reporter während der Hinrunde 1994 zu den Verhandlungen um seine Vertragsverlängerung befragt, antwortet Polster, die hohe Summe, die ihm der Verein zu zahlen bereit sei, könne er schwer annehmen. Ob das als Scherz zu verstehen sei, fragt der Reporter nach. „Sie sind“, sagt Polster, „ein Blitzgneißer, sagt man in Österreich.“ Sein Selbstbewusstsein, das ihm in Österreich zum Verhängnis geworden ist, macht ihn in Deutschland zu einem Spieler, der die Sehnsucht nach Typen im Profifußball erfüllt.
Polster gibt sich volksnah: Er bewohnt mit seiner Familie ein Reihenhaus, ist mit den Nachbarn per du und wird Präsident des Stadtteilklubs SV Weiden. „Sein Kredit in Köln war nach einiger Zeit unendlich groß“, sagt Lußem. „Wenn die Mannschaft verloren hat, hat man ihn wegen seiner schlechten Mitspieler bemitleidet.“ Zumal er überzeugend darin gewesen sei, eine Niederlage an anderen festzumachen. Polster hat gelernt, wie es die Medien zu bespielen gilt: Am freundlichsten ist er zu denjenigen Reportern, die ihn verachten, um ihnen so die Genugtuung seiner Vernichtung zu verwehren. Er wird Stammgast in Sportsendungen und tritt sogar in der „Harald Schmidt Show“ auf. Das hat einen ironischen Nebeneffekt: Als einer, der sich in Deutschland durchgesetzt hat, findet Polster endlich auch in Österreich Anerkennung. Das Nachrichtenmagazin News kleidet ihn als Karnevalsprinzen ein.
In der Saison 1996/97 gerät er immer wieder mit Trainer Peter Neururer aneinander, der ihn zu Beginn auf die Bank verbannt. „Wir hatten einige Auseinandersetzungen darum, ob Fußball ein Laufsport ist“, sagt Neururer dem ballesterer. „Toni hat mir dann gesagt: ,Trainer, bin ich Leichtathlet, oder bin ich Fußballer?‘“ Polster überzeugt mit Effizienz: Nachdem er im Spiel gegen Freiburg in seinen zwölf Einsatzminuten einen Doppelpack erzielt hat, ist er bei Neururer gesetzt. „Gegen den Ball hätte ich Toni nur in der Kreisklasse gebrauchen können“, sagt er. „Aber mit dem Ball war er Weltklasse. Ich kenne bis heute keinen Stürmer, der im Strafraum annähernd so torgefährlich war. Er war technisch überragend und unglaublich abgezockt.“
Dass der Showman Polster sich in Köln auch neben dem Platz profiliert, sorgt gelegentlich für Missmut. Zumal er es an Feingefühl mangeln lässt. „Nach der Pokalniederlage gegen den SSV Ulm im August 1997 brach die ganze Stadt zusammen“, erinnert sich Neururer. „Die Spieler waren fertig. Und Polster ist am gleichen Abend noch beim Kölner Ringfest aufgetreten und hat mit den ‚Fabulösen Thekenschlampen‘ ,Toni, lass es polstern‘ gesungen.“ Er habe den Auftritt nun einmal zugesagt, verteidigt sich Polster über die Medien. Da sei er professionell. Ähnlich argumentiert er seinen Wechsel zum Erzrivalen, der auf den Abstieg mit Köln folgt: Borussia Mönchengladbach habe ihm einen Job nach der aktiven Karriere angeboten, während Köln dies schuldig geblieben sei. Dass er auch mit Gladbach den Klassenerhalt verfehlt, ist heute nicht viel mehr als eine Randnotiz. Öffentlich zu behaupten, ein Toni Polster steige nicht ab, und darauf gleich zweimal abzusteigen – auch das, sagt Lußem, „kann sich nur ein Toni Polster leisten“.
11. Juni 1998
Kamerun – Österreich
Stade Municipal Toulouse
36.500 Zuschauer
Polster trägt ein grünes Trikot mit der Nummer zehn. Er hat seines mit Patrick Mboma getauscht und verlässt nach Österreichs WM-Auftakt gegen Kamerun den Rasen. Soeben hat seine Teamkarriere einen späten Höhepunkt erreicht. Der Ausgleich zum 1:1 wird das letzte Tor des Kapitäns im Nationalteam gewesen sein. Es ist das Ende einer harten Partie. Erst in der 80. Minute hat Pierre Njanka nach einem Solo zur Führung getroffen, danach hat Österreich alles nach vorne geworfen. In der Nachspielzeit tritt Wolfgang Feiersinger einen Eckball. Toni Pfeffer verlängert in die Mitte, auf den Fuß von Polster. Der verschafft sich Platz und trifft aus fünf Metern Entfernung mit rechts ins Kreuzeck. „Toni Polster ist nach seinem Tor über jede Kritik erhaben“, wird es nach dem Spiel in den Medien heißen. Endlich.
„Er war extrem beliebt in der Mannschaft, obwohl natürlich alle für ihn laufen haben müssen. Aber wir haben genau gewusst, dass er den Unterschied machen kann“, sagt Andreas Herzog. Polsters Währung sind auch im Nationalteam seine Tore. Disziplinlosigkeiten, die andere das Leiberl gekostet hätten, sind beim Kapitän Kavaliersdelikte. Polster habe eben manchmal eigene Ideen gehabt, sagt Herbert Prohaska dem ballesterer. So auch bei der WM 1998. „Im Bus zum Training war Rauchverbot“, erinnert sich der damalige Teamchef. „Nur beim Toni hinten ist der Rauch aufgestiegen. Er wollte nicht einmal die zehn Minuten Fahrt abwarten. Ich habe ihm gesagt: ‚Komm, wir sind nicht im Kindergarten.‘ Das waren aber Banalitäten, richtige Probleme habe ich nie mit ihm gehabt, nicht einmal ein Deka.“
Schließlich ist Polster maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich Österreich für die WM qualifiziert. In zehn Spielen trifft er siebenmal und liefert dazu vier Vorlagen. Es sind die wichtigen Tore zur richtigen Zeit, die Polster zur Galionsfigur werden lassen. Wie im Sommer 1997 in Estland. Österreich hat in der Qualifikation erst einmal verloren, trotzdem ist die Stimmung unter den Fans in Tallinn schlecht. Nach einer torlosen ersten Hälfte hört man „Prohaska raus“ und „Polster raus“ von den Tribünen. Einmal mehr gibt der Geschmähte seine Antwort. Nach der Pause erzielt Polster per Freistoß, Linksschuss und Kopfball einen Hattrick. Die Parallelen zu 1989 sind unübersehbar. „Er ist dann zu den Fans hingegangen und hat gesagt: ‚Ihr seid schöne Trotteln. Ihr fahrt so weit, um mich zu beschimpfen. Das hättet ihr in Österreich auch machen können‘“, sagt Herzog. Zu diesem Zeitpunkt ist Polster bereits Rekordtorschütze des Nationalteams. Im November 1996 hat er Hans Krankl überholt und gegen Lettland sein 35. Tor erzielt.
Nach der WM 1998 ist Polster mit 94 Spielen vorübergehend auch Rekordinternationaler. Erst 2002 wird ihn Herzog überholen. Dazwischen liegt eine von Enttäuschung und Sturheit geprägte Zeit. Teamchef Prohaska will nach der WM eine Verjüngung einleiten und seinem Kapitän einen würdigen Abschied bereiten. Auch Polster sieht sich nicht mehr als Teil des Teams, lässt sich aber eine Hintertür offen. „Ich glaube, dass es für Fußballösterreich besser wäre, wenn ich nicht mehr spiele“, sagt er der APA. „Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Es wird eine Entscheidung geben, wenn sie in mir gereift ist.“ So lange will Prohaska nicht warten, zumal im nächsten Testspiel der neue Weltmeister Frankreich nach Wien kommt. „Er hätte sich vor vollem Haus aussuchen können, wie lange er spielt. Das hat er abgelehnt.“ Erst als Polster seine Karriere im Frühjahr 2000 endgültig beendet, folgt der offizielle Abschied. Teamchef Otto Baric schickt ihn gegen den Iran noch einmal als Kapitän auf den Rasen. Zum 48. Mal trägt er die Schleife. Nach 20 Minuten und einer vergebenen Kopfballchance endet die Teamkarriere des Rekordtorschützen vor lediglich 24.000 Zuschauern. „Das Abschiedsspiel war eines Toni Polsters nicht würdig“, sagt Prohaska im Rückblick. Den Fans ist es egal. Sie feiern Polster mit Transparenten – von „Vielen Dank, Toni“ bis „Toni, wir wollen Sex mit dir“. Polster genießt seine Show. Von einem roten Cabrio aus, das ihn durch das Stadion fährt, singt er „Toni, lass es polstern“.
17. Juni 2011
FK Austria Wien – Figo Allstars
Franz-Horr-Stadion
11.200 Zuschauer
In der 96. Minute läuft Toni Polster jubelnd über den Rasen des Franz-Horr-Stadions. Unter „Toni, Toni“-Rufen hat er soeben mit einem Weitschuss den brasilianischen Weltmeister Taffarel überwunden und den letzten Treffer im Jubiläumsspiel der Wiener Austria erzielt. Nach dem 7:4 über die Figo Allstars behält er sich als Andenken den Matchball, den er von Gegenspielern wie Luis Figo und Cafu signieren lässt. Von seiner Chancenauswertung abgesehen sei er zufrieden, sagt Polster danach ins ORF-Mikrofon. Die Beziehung zwischen ihm und der Austria ist lange turbulent gewesen. Anfang 2000 ist Polster für ein halbes Jahr nach Österreich zurückgekehrt – jedoch nicht zur Austria in Favoriten, sondern in Salzburg, finanziert von einigen Großsponsoren.
Im Dezember 2004 installiert ihn Betriebsführer Frank Stronach überraschend als General Manager der Wiener. Schon ein halbes Jahr später folgt trotz vehementer Proteste der Fans die fristlose Entlassung. Polster klagt und bekommt am Arbeitsgericht Recht. Die Austria erteilt ihrem ehemaligen Star während des Verfahrens Hausverbot, Polster darf das Horr-Stadion nicht einmal als Experte für den TV-Sender Premiere betreten. Auch dagegen klagt er erfolgreich. Doch der Stachel sitzt tief. „Es ist ja eine Kunst, mit so viel Geld, wie Stronach investiert hat, einen Verein kaputtzumachen“, sagt Polster dem ballesterer. Auf den damaligen Klubmanager Markus Kraetschmer ist er ebenfalls nicht gut zu sprechen. „Was du mit unserer Austria in den letzten fünf, sechs Jahren gemacht hast, das ist eine Frechheit“, richtet Polster dem nunmehrigen Vorstand im Winter 2019 per Instagram aus, als die finanzielle Krise des Vereins öffentlich wird. Es soll nicht die letzte Botschaft dieser Art bleiben.
Polster und die Austria, das ist eine anhaltende Ambivalenz. Im März 2014 bekommt er zu seinem 50. Geburtstag auf dem Rasen des Franz-Horr-Stadions von den Funktionären eine Torte und Blumen überreicht – und bedankt sich selbst bei Kraetschmer mit einer Umarmung, ehe er sich von den Fans auf der Osttribüne feiern lässt. Zur Neueröffnung des Stadions wird er vier Jahre später nicht eingeladen.
24. Oktober 2020
SC Wiener Viktoria – ASV Draßburg
Sportplatz Oswaldgasse
100 Zuschauer
Die Meidlinger Viktoria setzt auf ein kosmoproletarisches Familiengefühl: Grätzl vor Nation, Verständnis für Schwächen. „Der Fußball ist das Instrument, Sozialarbeit die Musik“, sagt Obmann Roman Zeisel über die Ausrichtung des Vereins. Die Schwerpunkte liegen auf Nachwuchsteams und Gewaltprävention, im Winter kommen Wohnungslose in den Kabinen unter. Als Polster, nach einem ersten Trainerengagement bei den LASK Juniors vereinslos, im Sommer 2011 die Kampfmannschaft übernahm, spielte diese in der fünften Liga.
„Seitdem hat er den Klub verändert“, sagt Zeisel. „Er hat uns professioneller gemacht, im Denken und im Handeln. Das reicht von der Spielentwicklung bis zur Waschmaschine, die jetzt nicht mehr vier Stunden läuft.“ Für seine Tätigkeit verrechnet Polster eine Anfahrtsentschädigung. „Ich sorge außerdem dafür, dass er die nötige PR bekommt, um für Firmen als Werbeträger interessant zu bleiben“, sagt Zeisel. In der Kantine der Viktoria hängt Polster als Fan-Art. Nahbar nennen ihn Anwesende, einen Schmähführer und das Gegenteil eines Laptoptrainers.
Polster ist hier beliebt – und gesetzt. „Mit Toni steige ich in jede Liga ab“, sagt Zeisel. Die Kritik an Polster nach dessen Intermezzo als Bundesliga-Trainer der Admira von Juni bis August 2013 hält der Obmann für üble Nachrede. „Er soll unpünktlich gewesen sein. Aber Toni ist auch in der fünften Liga immer eine Stunde vor Trainingsbeginn am Platz gewesen.“ Warum es trotz vorbildlicher Arbeitsethik und UEFA-Pro-Lizenz für den Trainer Polster nicht für Höheres reicht, ist eine Frage, die er sich in Interviews weiterhin gefallen lassen muss. Nicht aber hier. Wenn „DJ Schurli“ die Langfassung der Vereinshymne auflegt, hört man Polster darin hauchen: „Und liegen wir am Boden, dann steh’n wir wieder auf, beiß’n uns kurz in den Hintern rein und starten einen Lauf.“ Das Spiel gegen den ASV Draßburg endet nach einem Bangai-Doppelpack 2:1 für die Viktoria.
Mitarbeit: Jan Heier & Clemens Zavarsky
Wem Toni Polster zum Schlaumeiern rät, welches Sponsoring er bereut und vieles mehr gibt es in ballesterer Nr. 157 (Jänner/Februar 2021) zu lesen. Die Ausgabe könnt ihr hier nachbestellen.
In unserer Printausgabe und einer früheren Onlineversion haben wir den ORF-Kommentator des Spiels Österreich – DDR falsch angegeben. Das haben wir online inzwischen korrigiert.
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