Im Fußball wurde 1968 die Welt nicht verändert, doch was 1968 die Welt veränderte, kam auch im Fußball an – als Proteste auf den Rängen, als Forderung nach demokratischen Strukturen und als Wunsch, große Spieler mögen auch große Revolutionäre sein.
„Le football aux footballeurs!“ lautet die Parole auf einem Transparent, das Eindringlinge am frühen Morgen des 22. Mai 1968 an der Fassade des Gebäudes in der Avenue d’Iena 60 in Paris anbringen: „Der Fußball den Fußballern!“ Fünf Tage lang bleibt die Zentrale des französischen Fußballverbands von etwa 30 Spielern aus Paris und Umgebung sowie Redakteuren des marxistischen Magazins Miroir du football besetzt. Seine Vorwürfe an den Verband hat das Aktionskomitee der Fußballer in einem Communiqué aus sechs Punkten festgehalten.
Als Handlanger von Regierung und Wirtschaft, so der Grundtenor, habe der Verband nichts gegen die systematische Stärkung der Großklubs und die Vernachlässigung des Breitensports unternommen. Stattdessen fördere er die Knebelung der Spieler durch geringe Gehälter und Verträge, die Profis bis zum 35. Lebensjahr an ihren ersten Verein binden. Die Besetzer fordern die Entlassung der „egoistischen Profiteure und Verunglimpfer des Fußballs“ per Referendum. „Gemeinsam werden wir den Fußball wieder zu dem machen, was er nie hätte aufhören dürfen zu sein: zum Sport der Freude, zum Sport der Welt von morgen“, tönt es von den Balkonen des Gebäudes.
1968 fordert die Jugend ihren Platz in der Geschichte ein
Etliche Fußballer und Funktionäre bekunden ihre Solidarität mit den Besetzern, unter ihnen Saint-Etienne-Stürmer Rachid Mekhloufi und der ehemalige Teamchef Just Fontaine, der sieben Jahre zuvor die Gewerkschaft UNFP mitgegründet hat. Zur Saison 1969/70 wird diese die Einführung von Zeitverträgen aushandeln, wozu auch die Besetzung beiträgt. Der damalige Studentensprecher Daniel Cohn-Bendit schreibt im Vorwort zu „Les enrages du football“, einer 2008 erschienenen Dokumentation der Ereignisse in der Avenue d’Iena: „Für die Fußballer geht es um nicht mehr und nicht weniger, als ihre Autonomie einzufordern, das Recht, über ihr Schicksal zu bestimmen. Im Einklang mit dem Begehren nach Selbstverwaltung, nach individueller und kollektiver Befreiung, mit den Protesten gegen Autoritäten – sei es in der Familie, in der Fabrik, in der Schule oder in der Gesellschaft – steht dieses Ereignis stellvertretend für das Erwachen der Ideen, die die französische Gesellschaft zu dieser Zeit durchrütteln.“
FÄUSTE UND FANTASIE
Vorbilder für die Aktion der Fußballer waren die Besetzungen der Universitäten in Dijon, Lyon, Rennes, Toulouse und Paris seit Beginn des Monats. Aus Solidarität mit den Studenten hatten die großen Gewerkschaftsverbände zu einem Generalstreik aufgerufen, dem Besetzungen bedeutender Fabriken folgten. Am 22. Mai 1968 befanden sich rund sieben Millionen Franzosen im Streik, am Abend überstand die Regierung von Premier Georges Pompidou nur knapp einen Misstrauensantrag der Opposition.
Die Barrikadenkämpfe um das Studentenviertel Quartier Latin waren der Kulminationspunkt von unterschiedlich gearteten Revolutionsbestrebungen in vielen Teilen der Welt, die als 68er-Bewegung in die Geschichte eingehen sollten. In den Straßen der französischen Hauptstadt vermischten sich die Fahnen von anarchistischen und linksradikalen Studentengruppen mit jenen der Parteikommunisten und -sozialisten. Der Frust über die Arbeits-, Wohn- und Lebensbedingungen hatte sich verallgemeinert: Die Aktivisten forderten gesellschaftliche Umverteilung und mehr Demokratie. „Die Fantasie übernimmt die Macht“, skandierten die Demonstranten, und für einige Tage herrschte die Vorstellung, dass nun alles möglich wäre.
Auch im Sportjahr 1968 hinterließen die Proteste ihre Spuren. Bei der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs der Olympischen Spiele in Mexiko-Stadt senkten die amerikanischen Sprinter Tommie Smith und John Carlos auf dem Siegerpodest die Köpfe und reckten die Fäuste in schwarzen Handschuhen in die Luft – das Zeichen der Black-Power-Bewegung. Auch die Staffelläufer hoben die Fäuste, sie trugen zudem schwarze Baretts der Black Panther Party. Die Sportler gehörten zum vorwiegend von schwarzen Athleten getragenen „Olympic Project for Human Rights“, das sich nicht nur für die Rechte der Afroamerikaner in den USA, sondern auch für den Ausschluss des Apartheidregimes Rhodesien von den Spielen einsetzte. Sogar ein Olympiaboykott wurde – insbesondere nach der Ermordung Martin Luther Kings am 4. April – diskutiert. Niemand würde die schwarzen Sportler vermissen, kommentierte dies IOC-Präsident Avery Brundage, der schon häufig wegen rassistischer und antisemitischer Äußerungen aufgefallen war. Ein Boykott kam nicht zustande, Carlos und Smith wurden suspendiert, doch ihre Gesten überdauerten die Sperre, die Spiele und Brundage.
INTERNATIONALE SOLIDARITÄT
In den USA trieb 1968 nicht nur der Rassismus die Menschen auf die Straßen, es war auch das Jahr, in dem der Krieg in Vietnam am heftigsten tobte. Demonstrationen fanden in Washington ebenso statt wie in London und Paris. Gesellschaftliche Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, die sich in der Unterdrückung von Völkern, Meinungen und Minderheiten niederschlugen, wurde als Auftrag internationaler Solidarität verstanden. Unter dem Eindruck der erfolgreichen kubanischen Revolution und der Unabhängigkeitserklärungen der Republik Kongo und Algeriens wurden auch in Berlin und Wien Gelder zur Unterstützung des Guerillakampfes der Vietcong gesammelt. Die 68er waren eine globale Bewegung – und ein Kampf der Generationen: Die Jugend im wohlhabenden Teil der Welt rebellierte gegen ihre Eltern, gegen deren Verbrechen und Kriege.
Die globalen politischen Veränderungen machten vor dem Weltverband des Fußballs nicht Halt. Die FIFA, 1904 von sieben europäischen Vertretern gegründet, wuchs mit den Unabhängigkeitsbewegungen insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent. 1957 war der Kontinentalverband CAF gegründet worden, zwischen 1960 und 1980 traten 37 afrikanische Verbände der FIFA bei – und forderten Rechte ein. In der Qualifikation zur WM 1966 sollten Afrika, Asien und Ozeanien einen einzigen Teilnehmer untereinander ausspielen. „Legen Widerspruch gegen ungerechte WM-Behandlung der afro-asiatischen Länder ein“, telegrafierte der ghanaische Funktionär Ohene Djan daraufhin nach Zürich. Die FIFA gab nicht nach, und die afrikanischen Verbände boykottierten die Qualifikation. Wobei die Bedingungen der WM-Teilnahme nicht der einzige Konfliktherd waren. Auch der Umgang der FIFA mit dem rassistischen Regime in Südafrika empörte die afrikanischen Länder. Der Verband war 1954 aufgenommen und 1961 wieder ausgeschlossen worden. Für die Wiederaufnahme setzte sich insbesondere FIFA-Präsident Stanley Rous ein – und 1963 auch durch. Der südafrikanische Verband bot an, zur WM-Qualifikation 1966 ein Team aus Weißen und vier Jahre später ein Team aus Schwarzen antreten zu lassen. Gegen diese Fortsetzung der Apartheidpolitik protestierten die afrikanischen Länder beim FIFA-Kongress 1964 und erreichten eine Suspendierung Südafrikas. Zur WM 1970 erhielten der asiatische und der afrikanische Verband jeweils einen Endrundenplatz.
Weltmeister bei diesem Turnier wurde Brasilien, wo es 1964 zum Militärcoup gekommen war. General Emilio Garrastazu Medici bediente sich wiederholt der Siege des Nationalteams. Der WM-Titel von 1970 sei die höchste Form von Patriotismus, sagte er nach dem Finale. Der für das Turnier geschriebene Song „Vorwärts Brasilien“ wurde zur Hymne des Regimes, der erste Termin für die neuen Weltmeister war ein Besuch bei Medici. Brasilien war nur eine von zahlreichen Diktaturen, die zwischen 1965 und 1985 in Lateinamerika entstanden. Erfolge auf dem Rasen wurden zu Erfolgsgeschichten der Militärjuntas. „Der Fußball ist Vaterland, der Fußball ist Macht“, schrieb der uruguayische Autor Eduardo Galeano mit Blick auf die Instrumentalisierung des Sports durch die politischen Machthaber.
In Chile wurde das Nationalstadion in Santiago nach dem Putsch von Augusto Pinochet gegen die sozialistische Regierung von Salvador Allende im September 1973 zum Symbol der Militärdiktatur. 1962 hatte das Nationalteam hier das WM-Halbfinale gegen Brasilien verloren, nun diente es als Lager. Rund 40.000 Menschen sollen dort festgehalten, viele von ihnen in den Katakomben gefoltert und getötet worden sein. Die genaue Zahl und der Verbleib vieler Gefangener ist bis heute ungeklärt. Währenddessen lief die Qualifikation zur WM 1974 in der Bundesrepublik Deutschland. Westliche Politiker und Fußballfunktionäre besuchten Chile und kehrten mit positiven Berichten zurück. „Das Leben im Stadion ist bei sonnigem Wetter recht angenehm“, sagte der deutsche CDU-Parlamentarier Bruno Heck der Süddeutschen Zeitung. Die Sowjetunion hingegen weigerte sich, ihr Nationalteam zum Qualifikationsrückspiel in Santiago antreten zu lassen, das Match fand am 21. November mit nur einem Team statt. Die sowjetische Mannschaft wurde disqualifiziert, Chile reiste zur WM.
Während sich das Pinochet-Regime der Unterstützung vieler westlicher Länder sicher sein konnte, gehörte die internationale Solidarität der Linken der Opposition – nicht zuletzt im WM-Gastgeberland, wohin viele Dissidenten geflohen waren. Rund 200 Aktivisten aus dem Umfeld des Chile-Komitees kamen ins Berliner Olympiastadion zum Vorrundenspiel gegen die BRD am 14. Juni 1974. Beim Abspielen der Hymnen zeigten sie Transparente und Fahnen mit der Losung „Chile si, Junta no“. Die Aktivisten blieben zu ihrer eigenen Überraschung von Polizei und Ordnern unbehelligt. Später sollten sie erfahren, dass das ZDF für die Fernsehübertragung die Kurve mit den Fahnen ausgeblendet hatte.
CHE, MAO UND PAUL
Modisch war das Turnier von 1974 auf der Höhe der Zeit, die langen Haare waren im Fußball angekommen. Wie zuvor schon George Best verkörperte Johan Cruyff mit seiner Frisur ebenso wie mit seiner Kreativität auf dem Rasen die Aufbruchstimmung einer Generation. Das Scheitern der Niederlande und ihres schönen Spiels im WM-Finale gegen die Bundesrepublik befeuerte das nur. Politisch hatte sich Cruyff hingegen nie progressiv präsentiert – anders als der deutsche Torschütze zum 1:1 im Finale, Paul Breitner vom FC Bayern. Als der im Sommer 1972 die Zeit in seiner Wohnung in München empfing, notierte der Journalist Poster von Mao Zedong und Ernesto „Che“ Guevara an den Wänden. Breitner posierte für Fotos mit der Peking-Rundschau und bezeichnete sich als Marxist. Das Politische allerdings blieb für ihn privat, Agitation am Platz gab es nicht. „In diesem Geschäft Bundesliga, Großkapitalismus in Reinkultur, dreht sich fast alles ums Geld“, sagte er der Zeit. „Das gibt keinen Raum her für sozialistische Ideen.“
Obwohl sich Breitner als prominenter Fußballer mit linken Ideen aufgedrängt hätte, wurde nicht er zur Symbolfigur des politischen Aufbruchs, sondern ein anderer: Günter Netzer. Ihm kam sein Verein zugute. Die junge Mannschaft von Borussia Mönchengladbach unter Trainer Hennes Weisweiler spielte schnell, offensiv, riskant und erfolgreich. Der Verein diente – auch in Abgrenzung zum konservativen FC Bayern – als Modell eines progressiven Spiels, das Netzer verkörperte: mit langen Haaren, einer Künstlerin als Freundin, schnellen Autos und einer Freigeistigkeit, die sich etwa in der Selbsteinwechslung im Pokalfinale 1973 ausdrückte. Später schrieb der Literaturkritiker Helmut Böttiger über ihn: „Netzers Pässe gingen weit in den freien Raum. Sie waren das fußballerische Pendant zur Außerparlamentarischen Opposition und deren Ausläufern.“
Sogar das bundesdeutsche Nationalteam wurde zum Identifikationsobjekt für manche, die mit Fußball bislang wenig hatten anfangen können. Im April 1972 gewann die Mannschaft um Netzer und Breitner in Wembley das EM-Viertelfinale gegen England 3:1, Netzer schoss das 2:1 per Elfmeter. Jahrzehntelang galt das Spiel als das schönste eines deutschen Nationalteams. Zu dieser Mythologisierung trug ein Text des Literaturchefs der FAZ bei. Karl Heinz Bohrer schrieb: „Der aus der Tiefe des Raumes plötzlich vorstoßende Netzer hatte ‚thrill‘.“ Die Wendung fand Eingang in das Schreiben und Sprechen über Utopien von Fußball und Gesellschaft. Netzer selbst machte sie 2004 zum Titel seiner Autobiografie, aber nicht ohne Skepsis. „Habe ich Pässe in die Tiefe des Raumes geschlagen, weil sich meine Horizonte erweitert hatten?“, schreibt er. „Ich hatte einen offeneren Blick bekommen, aber ich glaube, meine Art des Spiels war vorgegeben, und dass ich den Mut hatte, diese Art zu spielen, hat mehr mit Hennes Weisweiler zu tun als mit Avantgarde.“ Tatsächlich waren bei der Spiegelung der Gesellschaft im Fußball einige Verzerrungen am Werk. So war der Manager und Unternehmer Netzer schon in jungen Jahren alles andere als ein Antikapitalist. Der Text von Feuilletonist Bohrer handelte eigentlich von Wembley und nicht von Netzer. Und der Mann, der die drei Tore gegen England vorbereitet hatte, war ein anderer. Sigfried Held vom Zweitligisten Kickers Offenbach aber hätte nicht zur Stilikone getaugt.
UNTERDRÜCKUNG UND BEFREIUNG
Best, Cruyff und Netzer dienten als Projektionsflächen. Ihre Revolutionen blieben auf den Rasen beschränkt, sie standen weniger für einen Umsturz im Fußball als für den Wunsch danach. Eine tatsächliche Demokratisierung des Sports hatte ein Jahrzehnt später der Brasilianer Socrates im Sinne. In einem Land, in dem noch immer das Militär diktatorisch regierte, bargen Bestrebungen nach Selbstverwaltung innerhalb des Fußballs politischen Sprengstoff. 1982 formierte sich in Sao Paulo um den Mittelfeldspieler und seine Teamkollegen die Bewegung Democracia Corinthiana, mit der bei den Corinthians basisdemokratische Strukturen eingeführt wurden. Spieler, Trainerstab und Direktorium waren gleichermaßen an organisatorischen und sportlichen Entscheidungen beteiligt. Aus dem Kampf für kleine Verbesserungen der Arbeitsbedingungen entwickelte sich der Wunsch nach der großen Umwälzung und dem Ende der Diktatur. Der Fußball, so die Idee, könne aufgrund der Popularität der Spieler Grenzen austesten, die für andere Oppositionelle Repressalien zur Folge haben würden. Per Trikotaufdruck forderte die Mannschaft mehr Demokratie für das Land: „Direktwahlen jetzt“. Die freien und direkten Parlamentswahlen kamen 1985, das Ende der Militärdiktatur erlebte Socrates in Florenz, wohin er kurz zuvor gewechselt war. Die Zeit der Democracia Corinthiana war vorbei, doch immerhin für einige Jahre war es den Spielern gelungen, aus dem Fußball als Instrument der Unterdrückung eines der Befreiung zu machen. Und sie hatten ein Versprechen des Pariser Mai 1968 eingelöst: Der Fußball den Fußballern.
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