Vier Jahre hatte Paulo Bentos Teamchefkarriere gedauert, 2012 erreichte er mit Portugal sogar das EM-Halbfinale, doch dann kam Albanien. Nach der 0:1-Niederlage im ersten Qualifikationsspiel für die EM 2016 im September 2014 wurde er durch Fernando Santos ersetzt. Der neue Teamchef vertraute zunächst auf alte Stützen und berief für die folgenden Partien vermehrt Routiniers ein. Die Resultate gaben ihm recht – Portugal gewann die sieben verbleibenden Spiele und qualifizierte sich als Gruppensieger für die EM. Doch seine Mannschaft ist in die Jahre gekommen, speziell in der Innenverteidigung hat der Teamchef mit dem 32-jährigen Pepe und dem 37-jährigen Ricardo Carvalho ein Altersproblem.
Viele Talente, wenig Ertrag
Das weiß auch Santos, seit seinem Amtsantritt hat er 50 Spieler getestet, der Generationswechsel wird sich nicht mehr lange aufschieben lassen. Und eigentlich sollte das auch kein großes Problem sein, schließlich ist das Land für seine erfolgreiche Jugendarbeit bekannt. Träumt die Kampfmannschaft immer noch vom ersten Titel, erlebten die Nachwuchsteams in den letzten 30 Jahren eine regelrechte Titelflut: Portugal war zweimal U20-Weltmeister, zweimal U18-Europameister, einmal U17-Europameister und viermal U16-Europameister. Die meisten Titel holten die Portugiesen in den 1990er Jahren. Die sogenannte Goldene Generation um Luis Figo, Rui Costa und Nuno Gomes erreichte in der Kampfmannschaft das EM-Finale 2004 im eigenen Land und verlor dort gegen Griechenland. „Manche sprechen heute schon von einer neuen Goldenen Generation“, sagt Tom Kundert vom Internetportal portugoal.net. „Wenn Joao Mario, William Carvalho, Danilo, Andre Gomes und Bernardo Silva sich richtig entwickeln, können sie bei allen großen Klubs der Welt spielen.“
Der Erfolg des Nachwuchses lässt sich wohl am ehesten mit der auf Technik spezialisierten Jugendarbeit der großen drei Vereine erklären. Fast alle Jugendnationalteamspieler stehen beim FC Porto, Benfica Lissabon oder Sporting Lissabon unter Vertrag. Die Klubs pflegen ihre Talente und bemühen sich, sie so lange wie möglich zu halten. Sporting hat in der aktuellen Saison nicht nur elf Akademieabsolventen im Kader, diese zählen auch zu den Leistungsträgern des Tabellenzweiten.
Umbruch auf Raten
Das aktuelle U21-Team hat es immerhin auch schon in ein EM-Finale geschafft. Im vergangenen Sommer verlor die Mannschaft dort gegen Schweden im Elfmeterschießen. Aus dieser Mannschaft könnte Fernando Santos nun also ein neues Team rund um Cristiano Ronaldo aufbauen. „William Carvalho, Joao Mario, Bernardo Silva und Raphael Guerreiro werden wohl den Sprung nach Frankreich schaffen“, sagt Kundert. Ihre Kollegen aus dem letztjährigen U21-Team dürfen sich Hoffnungen auf eine Nominierung in den Kader für die Olympischen Spiele im August machen. Es gibt aber noch mehr Talente im portugiesischen Fußball. Bei Benfica schaffte der 18-jährige Renato Sanches in dieser Saison den Durchbruch. Für eine Berufung in den EM-Kader dürfte es indes noch nicht reichen. „Ich glaube, die Konkurrenz im Mittelfeld ist zu groß“, sagt Kundert.
Die Chance, dass sich in Santos’ Aufgebot für Frankreich Überraschungen finden, ist gering. Die jungen Spieler werden noch ein wenig Geduld aufbringen müssen. So ein Umbruch ist ein langwieriger Prozess. Nach der EM werden einige arrivierte Spieler wohl nicht mehr zur Verfügung stehen, die jüngeren in der Lage sein, ihre Positionen zu übernehmen. Mit diesem schrittweisen Generationswechsel nimmt der Trainer auch ein wenig den Druck von den jungen Spielern. Sie können an der Seite der Erfahrenen auf diesem Niveau Fuß fassen. Auch die Kommunikation habe sich unter Santos verbessert, sagt Kundert. Die Nachwuchsspieler wüssten nun, dass Leistungen zu Nominierungen führen würden. Nichtsdestotrotz wird Santos nicht umhin kommen, künftig schwere Entscheidungen zu treffen. Nicht jeder Spieler wird ihm den Gefallen tun und von sich aus aufhören.
Systemwechsel
Dass Santos Tabubrüche begehen kann, hat er allerdings schon mit der Wahl seines Systems bewiesen. Jahrelang schien das 4-3-3 als Grundstruktur in Stein gemeißelt zu sein – sowohl die großen Mannschaften in der Liga als auch die Nachwuchsmannschaften praktizieren dieses System. Nach dem Sieg im Freundschaftsspiel gegen Belgien im März sagte Santos gegenüber soccerway.com hingegen, dass das 4-4-2 für die Art von Spielern, die er zur Verfügung habe, perfekt sei. Bei seiner Variante dieser Formation sollen Ronaldo und Nani ihre Schnelligkeit einsetzen und über die Flügel angreifen. Der Teamchef beschreitet mit dieser neuen Taktik einen ganz anderen Weg als viele Nationalteams und Vereine, die auf eine einheitliche Philosophie von der Jugend- bis zur Kampfmannschaft setzen. Auch der für das portugiesische Spiel lange charakteristische Offensivdrang ist unter Santos in den Hintergrund getreten. Zehn der elf Siege in seiner Amtszeit holte Portugal mit einem Tor Unterschied, mehr als zwei Treffer erzielte das Team nur beim 3:2-Sieg in der EM-Qualifikation gegen Armenien.
Diese defensive Anlage könnte bei der EM zu einem Problem werden. Portugal gilt als Favorit in seiner Gruppe, die Hoffnungen ruhen dabei wieder einmal auf den Einfällen des dreimaligen Weltfußballers Ronaldo. Seine Erben werden wenige Wochen nach dem Ende der EM versuchen, bei den Olympischen Spielen in Rio zu beweisen, dass der portugiesische Weg auch zu Titeln führen kann. Zumindest im Nachwuchs.