1.234 Tage fehlte der AC Milan auf der europäischen Bühne, Ende Juli kehrte er im rumänischen Craiova dorthin zurück. Als Vorjahressechster darf Milan auf eine Teilnahme an der Europa League hoffen. Bei Redaktionsschluss sind die meisten der 50.000 angebotenen Karten für das Rückspiel im San-Siro-Stadion schon verkauft, einen ähnlichen Ansturm gibt es bei den Dauerkarten – Milan schreibt das Jahr eins nach Berlusconi.Im April hatte der ehemalige italienische Premierminister den Klub um 740 Millionen Euro an ein von dem chinesischen Geschäftsmann Yonghong Li geführtes Finanzkonglomerat verkauft. Doch das Ende der Ära Berlusconi nach 31 Jahren und fünf gewonnenen Champions-League-Titeln warf zunächst mehr Fragen auf, als die Investoren beantworten konnten. Lange hatte sich der Verkauf verzögert, die Käufer sind auch heute noch weitgehend unbekannt. Da die chinesische Regierung den Abfluss von Kapital ins Ausland begrenzt, steht derzeit die US-amerikanische Elliott Management Corporation für den Großteil der Verkaufssumme ein. Und dennoch: Seit Beginn des Sommertransferfensters besteht Trainer Vincenzo Montellas größte Aufgabe darin, den Enthusiasmus zu dämpfen.
Modernisierung mit Plan
In den ersten anderthalb Monaten ihrer Amtszeit haben der von Li eingesetzte Geschäftsführer Marco Fassone und Sportdirektor Massimiliano Mirabelli rund 200 Millionen Euro auf dem Transfermarkt ausgegeben. Vieles deutet darauf hin, dass in diesem Sommer noch weitere kostspielige Verpflichtungen folgen könnten. Unter anderem wurde die Mannschaft durch Ricardo Rodriguez von Wolfsburg verstärkt, der ebenso wie Hakan Calhanoglu von Leverkusen aus der deutschen Bundesliga zu den Mailändern kam. Erfahrung bringen Mateo Musacchio von Villareal und Lucas Biglia von Lazio mit, führen sollen sie die Talente Andrea Conti und Franck Kessie von Atalanta sowie Andre Silva vom FC Porto. Das größte mediale Echo verursachten aber der Wechsel von Innenverteidiger Leonardo Bonucci von Serienmeister Juventus und die Vertragsverlängerung des 18-jährigen Tormanns Gigio Donnarumma – beide sollen nun jeweils auf ein Jahresgehalt von sechs Millionen Euro kommen.Nur auf den ersten Blick erinnert das Kaufverhalten der neuen Eigentümer an eine planlose Shoppingtour. So wurde darauf verzichtet, Unsummen für einen in China bekannten Spieler auszugeben, ein Großteil der Neuzugänge ist jünger als 23 Jahre, verfügt über ein großes Potenzial und spricht zudem Italienisch. Um die heftigen Umbrüche etwas auszugleichen, wurde immerhin der Trainer behalten.
Mindestens ebenso interessant wie das Verhalten auf dem Transfermarkt ist die Änderung der Kommunikationsstrategie des Klubs. Nach der jahrelangen Zusammenarbeit mit einem ausgewählten Kreis befreundeter Journalisten, die Berlusconis Selbstbeweihräucherung verbreiteten und kritische Stimmen verbannten, kommuniziert Milan nun direkt mit den Fans. Fassone lässt Transfermarktziele und Vertragsunterschriften auf Facebook live übertragen, selbst das Freundschaftsspiel gegen Lugano gab es in dem sozialen Netzwerk live zu sehen anstatt wie bisher üblich im ungeliebten Bezahlkanal Milan-TV. Ziele, Ideen und Vorstellungen werden klar kommuniziert und das Programm mit erstaunlicher Präzision abgearbeitet.
Zum Erfolg verdammt
Die sportlichen Ambitionen sind groß, der Klub soll unter die Top fünf der Welt zurückkehren. Der wirtschaftliche Fünfjahresplan sieht vor, den Umsatz von derzeit 200 Millionen Euro auf 400 bis 500 Millionen zu steigern. Das soll durch Mehreinnahmen aus Fernsehrechten und der Vermarktung in Lis Heimatland gelingen. In China hat der siebenfache Champions-League-Sieger Millionen von Fans, deren Begeisterung sich nun auch stärker finanziell bemerkbar machen soll. 2018/19 will der Verein an die Börse gehen, 2019/20 eine ausgeglichene Bilanz abgeben und im Jahr darauf erste Dividenden an Investoren auszahlen.
Die ambitionierten Pläne finden auch Eingang in das auf Oktober verschobene „Voluntary Agreement“ zwischen Klub und UEFA. Die Spielregeln des Financial Fairplay sehen nämlich vor, dass Vereine im Falle einer Umstrukturierung über einen gewissen Spielraum verfügen. Das heißt, es darf deutlich mehr Geld als sonst ausgegeben werden – solange ein plausibler Refinanzierungsplan vorgelegt wird. Im Fall von Milan dürfte dieser auf mehreren Faktoren basieren: Die Stadionauslastung und die damit verbundenen Einnahmen werden steigen, gegenüber den 16.000 Dauerkarten der letzten Saison peilt man derzeit 40.000 an. Dazu kommen erhoffte Einnahmen aus dem Europacup. Zum Ende der aktuellen Saison werden sich vier Vereine der Serie A direkt für die Champions League qualifizieren. Milan setzt darauf, einer davon zu sein, auch wenn Fassone beteuert, dass auch ein Verfehlen dieses Ziels einkalkuliert wäre.
Fußball ist keine exakte Wissenschaft, es ist durchaus denkbar, dass der Verein seine sportlichen und wirtschaftlichen Ziele verfehlt. Es ist aber auch nicht völlig absurd, in eine der bekanntesten Marken im Fußball zu investieren, zumal Milan in einer Liga spielt, in der das Erreichen der Champions League ein realistisches Ziel ist. Um einen Klub der Premier League dafür auszustatten, wäre ein ungleich höherer Investitionsaufwand nötig und das vermutlich ohne die Bekanntheit von Milan zu erreichen – in Europa wie in Asien. Flankiert von enormen Bestrebungen der chinesischen Regierung zur Förderung des Fußballs, steigt die Begeisterung für den Sport in dem Land mit seinen knapp 1,4 Milliarden Einwohnern. Trotz der Höhe des eingesetzten Kapitals erscheint es daher durchaus möglich, den Klub in kurzer Zeit in die Champions League zu führen, dorthin also, wo das große Geld wartet.